Sanktionspolitik im Atomstreit

Iraner stürmen britische Botschaft in Teheran

Sanktionen gegen das Regime in Teheran haben Hunderte Iraner auf die Straße getrieben. Demonstranten verbrannten die britische Fahne und attackierten die Botschaft.

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Iranische Demonstranten haben am Dienstagabend ein zweites Mal die britische Botschaft in Teheran gestürmt. Wie im iranischen Fernsehen zu sehen war und von Zeugen bestätigt wurde, gelangten sie trotz starker Polizeipräsenz in das Gebäude. Das Fernsehen zeigte Bilder von Demonstranten, die durch den Haupteingang der Botschaft drängten. Zeugen sagten, die Demonstranten seien in die Kanzlei eingedrungen und hätten Dokumente verbrannt.

Wenige Stunden zuvor hatten rund 20 Demonstranten erstmals die britische Botschaft gestürmt. Dabei drangen sie in das Botschaftsgebäude ein, rissen die britische Flagge herunter und verwüsteten Büros. Rund 200 Angehörige der regierungstreuen Bassidsch-Miliz stürmten außerdem eine zweite diplomatische Einrichtung Großbritanniens im Norden Teherans. Auf dem Gelände berfinden sich Gästehäuser für britische Diplomaten sowie deutsche, britische und französische Schulen.

Die Demonstranten protestierten mit ihren Aktionen gegen die vor kurzem verhängten Sanktionen Großbritanniens im Atomstreit mit dem Iran. Das Parlament in Teheran hatte deshalb am Montag die Ausweisung des britischen Botschafters Dominick Chilcott binnen zwei Wochen und die Abberufung des iranischen Botschafters aus London beschlossen.

Nach Angaben der iranischen Nachrichtenagentur Fars ist die Erstürmung der Botschaft eine Reaktion auf den Tod eines Atomwissenschaftlers. Demnach sollen israelische und britische Geheimdienstmitarbeiter den Iraner Majid Shahriari auf den Tag vor einem Jahr getötet haben. Die Studenten in der britischen Botschaft hätten Fotos von Shahriari dabei gehabt.

Nach Großbritannien reagierten auch Deutschland, Frankreich, Russland und Italien mit Empörung. „Die Bundesregierung verurteilt die Erstürmung der britischen Botschaft und des britischen Geländes im Stadtteil Golhak in Teheran auf das Schärfste“, hieß es in einer Erklärung eines Sprechers des Auswärtigen Amtes in Berlin. Durch die Erstürmung des britischen Geländes im Stadtteil Golhak „wurde offenbar auch die Deutsche Schule in Teheran in Mitleidenschaft gezogen“, hieß es weiter.

Das britische Außenministerium rief alle Landsleute im Iran auf, zu Hause zu bleiben und sich ruhig zu verhalten. Zuvor hatte ein Sprecher die Führung in Teheran aufgefordert, sofort zu handeln und die Situation unter Kontrolle zu bringen.

Der Iran-Experte der Grünen, Omid Nouripour, schilderte die Lage als dramatisch. Es gebe Grund, um das Leben der Diplomaten zu fürchten, sagte der außenpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion.

Der außenpolitische Sprecher der Unions-Fraktion im Bundestag, Philipp Mißfelder (CDU), sagte: „Dieser Exzess der Gewalt ist inakzeptabel. Wir hoffen, dass die britischen Diplomaten nicht verletzt wurden. Die iranische Regierung muss solche Übergriffe verhindern. Der Weg der härteren Sanktionen muss fortgeführt werden.“

Der Angriff weckt Erinnerungen an den 4. November 1979: Damals erstürmten rund 300 Anhänger des iranischen Revolutionsführers Ajatollah Khomeini die US-Botschaft und nahmen 66 Amerikaner in Geiselhaft. 14 von ihnen ließ die Gruppe später frei, 52 hielt sie 444 Tage lang gefangen. Das Regime duldete und rechtfertigte die Aktion, die zum Abbruch der Beziehungen zwischen Teheran und Washington führte.

Hintergrund für die Unruhen war der Umsturz des prowestlichen Regimes um Schah Reza Pahlewi durch die revolutionären Kräfte um Khomeini. Ende Oktober 1979 ließ Washington den krebskranken Schah in die USA einreisen, obwohl die iranische Regierung dagegen protestierte. Mit ihrer Aktion forderten die islamischen Studenten die Rückkehr des gestürzten Herrschers, um ihm den Prozess zu machen.

Diplomatische Bemühungen um die Geiseln blieben zunächst ebenso vergeblich wie eine militärische Befreiungsaktion.

Auch wegen der Iran-Krise und der gescheiterten Versuche, die Geiseln zu befreien, verlor Jimmy Carter die Präsidentschaftswahl 1980 gegen Ronald Reagan. Pünktlich zu dessen Amtseinführung am 20. Januar 1981 kamen die letzten Geiseln frei.