RTL-Castingshow

Wie Hape Kerkeling dem "Supertalent" die Show stiehlt

Das "Supertalent" auf RTL kündigte Superlative an, um die Zuschauer nicht an "Wetten, dass..?" zu verlieren. Doch gegen Kerkeling kam die Show einfach nicht an.

Nachdem die Nation monatelang über die Nachfolge von Thomas Gottschalk bei „Wetten, dass..?“ spekuliert hatte und das Geheimnis vermeintlich nun endlich gelüftet werden sollte – schließlich sollte mit Hape Kerkeling der bis dahin heißgehandeltste Favorit als Wettpate zugegen sein –, musste RTL mit „ Das Supertalent “ ein angemessenes Konkurrenzangebot abliefern.

Auch wenn Gottschalk bereits im Vorfeld auf die Gemeinsamkeiten beider Shows bezüglich der außergewöhnlichen Fähigkeiten der Kandidaten und damit auf die Zeitlosigkeit des „Wetten, dass..?“-Konzepts hingewiesen hatte, könnte der Unterschied beider Formate nicht deutlicher sein.

Während Hape Kerkelings Alter Ego Horst Schlämmer in seiner unnachahmlichen überzeugenden und witzigen Art „Wetten, dass..?“ eröffnete und sich scheinbar noch mehr denn je als neuer Moderator anbot, sparte der Vorspann zum „Supertalent“ nicht an Bombast, Komparativen und Superlativen.

Casting-Spektakel der neuen Dimension

Da hieß es aus dem Off: „Heute brechen alle Dämme. Heute fallen alle Rekorde. Heute wird es noch verrückter; das größte Spektakel im deutschen Fernsehen: noch wilder, noch wahnsinniger. Heute wird es noch lustiger als jemals zuvor. Heute wird es noch berührender; phänomenal, neu, einmalig und noch nie da gewesen. Rechnen Sie mit dem Unberechenbaren: Casting-Spektakel in einer neuen Dimension“.

Wenig überraschend konnte die Sendung natürlich selbst diesem Maßstab nicht entsprechen. Neben zahlreichen Verirrten und Verwirrten stachen in Wirklichkeit nur wenige Kandidaten positiv hervor.

Tom aus Warschau zum Beispiel erzeugte als elektronischer Stepptänzer mit entsprechender Ausrüstung Schlagzeuggeräusche, während ihn sein Partner Robert auf der E-Gitarre begleitete. Der Auftritt bot in der Tat Einzigartigkeit und Originalität und vermittelte dem Zuschauer den nötigen Spaß der Künstler an der Sache und nicht etwa wie so oft die pure Verzweiflung der jeweiligen Teilnehmer.

Außerdem spricht für die beiden Mittdreißiger, dass bei einem Sieg der Allgemeinheit eine besinnliche Vorweihnachts-CD, die einem in jedem Geschäft und von jedem Radio- und Fernsehsender entgegendudelt, erspart bleiben würde.

Doch auch bei den Sängern und Sängerinnen gab es zwei angenehme Überraschungen. Die erst 15-jährige Felicitas Frank überzeugte völlig unprätentiös mit ihrer Interpretation von „Let it rain“ von Amanda Marshall innerhalb von Sekunden sowohl Publikum als auch Jury. Chefjuror Dieter Bohlen kritisierte zwar noch Felicitas’ Gesangstechnik, lobte aber auch ihre Stimme als „supertoll“.

Abseits des klassischen Dudelfunks

Der 22-jähriger Student Leon Schmidt sang zur akustischen Gitarre „Halo“ von Beyoncé. Seine Version war im Gegensatz zum Original sehr angenehm unaufdringlich. Insbesondere die Damen der Jury Motsi Mabuse und Sylvie van der Vaart waren begeistert, auch Bohlen hatte nur Kleinigkeiten zu bemängeln. Ist er also inzwischen offen für ungewöhnliche Coverversionen? Noch vor wenigen Jahren hatte sich der Poptitan bei einem DSDS-Casting mit Jurymitglied Max von Thun wegen einer Akustik-Version von Rihannas „Umbrella“ überworfen.

Als Zuschauer ist man in der Regel jedenfalls dankbar für individuelle Ideen der singenden Teilnehmer fernab vom klassischen Dudelfunk, wie auch schon der Erfolg von Lena Meyer-Landrut bewiesen hatte. Doch da für Bohlen in der Regel die Massenkompatibilität zählt und sich die Sendung dennoch in Form von Superlativen von der Konkurrenz abheben soll, setzt „Das Supertalent“ leider nach wie vor verstärkt auf teilweise unappetitliche Darbietungen von anscheinend gestörten Teilnehmern, die teilweise ihr vermeintliches „Talent“ selbst nicht benennen können.

Alternativ drücken die Verantwortlichen gerne auf die Tränendrüse mit Geschichten wie die von dem 26-jährigen technischen Zeichner Torben Nielsen, der auf der RTL-Homepage als „Einsam, Frührentner und übergewichtig“ vorgestellt worden war und der sich tatsächlich von seiner Teilnahme eine Chance auf ein normales Leben versprach.

Seine vor Selbstmitleid triefende Eigenkomposition „Warum passiert es mir?“ (Zitat Bohlen: „Betroffenheitsmucke“) fiel bei der gesamten Jury zwar durch, trotzdem wollten sie Torben in der nächsten Runde sehen.

Während des Auftritts von Feuerfakir Beat (Zitat Motsi: „Das war wirklich unangenehm zuzuschauen und ich möchte das wirklich nicht noch mal sehen.“) erklärte Hape Kerkeling parallel im ZDF, nicht die Nachfolge von Thomas Gottschalk antreten zu wollen. Diesbezüglich darf man also nach wie vor gespannt sein.

Beim „Supertalent“ hält sich dagegen die Spannung in Grenzen. Zwar wird es voraussichtlich immer wieder ein paar Lichtblicke geben, aber wer will dafür satte zweieinhalb Stunden investieren? So bleibt „Das Supertalent“ eher eine Show zum Durchzappen, was sowohl für den ein oder anderen Zuschauer als auch für den ein oder anderen Teilnehmer durchaus ausreichend sein mag.

Doch die Zahlen sprechen für sich: "Wetten, dass..?“ machte mit großem Abstand am Samstagabend die beste Einschaltquote. 9,93 Millionen Menschen schalteten die ZDF-Show aus Leipzig ein, das entspricht einem Marktanteil von 32,3 Prozent. „Das Supertalent“ wollten dagegen nur 6,40 Millionen sehen (20,2 Prozent). Bohlen sollte das zu denken geben. Vielleicht macht er sich ja auch bald auf die Suche nach einem Nachfolger?