Aktienmärkte

Die Börsen der Welt erleiden eine Horrorwoche

Der Dax fällt auch am achten Tag in Folge. Investoren erhoffen sich nun ein entschiedenes Auftreten der US-Notenbank am Dienstag.

Foto: Infografik WELT ONLINE

Zum Wochenschluss landete der Deutsche Aktienindex doch noch in der Gewinnzone – allerdings nur für wenige Minuten, genau zwischen 14.31 Uhr und 14.33 Uhr. Das Spiel wiederholte sich dann noch einmal eine Stunde später, als die US-Börsen im Plus eröffneten. Doch am Ende des Tages verlor das deutsche Leitbarometer auch am achten Handelstag in Folge. Allein seit Montag steht ein Minus von knapp 1000 Punkten. Erinnerungen an die nervenaufreibenden Wochen nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im Herbst 2008 sind längst wach. Damals verlor der Dax innerhalb einer Woche sogar 1250 Punkte.

Für die kurzzeitige Entspannung hatten die besser als erwarteten US-Arbeitsmarktdaten gesorgt. Im Juli kamen in den Vereinigten Staaten 117.000 neue Stellen hinzu, Ökonomen hatten lediglich mit 75.000 bis 85.000 zusätzlichen Arbeitsplätzen gerechnet. Statt sich über die Zeichen für eine immer noch robuste US-Konjunktur zu freuen, nutzten viele Anleger die kurze Erholung der Kurse, um sich vor dem Wochenende aus dem Aktienmarkt weiter zu verabschieden und Wertpapiere zu verkaufen.

Die Anleger sind hypernervös

Rationale Erklärungen sind für den immer tieferen Fall nur noch schwer zu finden. „Es gibt keine Gründe, die den erneuten Verkaufsdruck erklären könnten“, sagte ein Händler. „Die Anleger sind einfach hypernervös.“ Ein ständiges Auf und Ab ist die Folge. Der Volatilitätsindex VDax, der Gradmesser für die Schwankungen der Börse, erreichte zeitweise mit 35 Punkten den höchsten Stand seit den Griechenland-Turbulenzen im Frühjahr 2010.

Ob in den Vereinigten Staaten, Europa, Asien, Südamerika – überall sieht die Wochenbilanz ähnlich ernüchternd aus. Der Kursrutsch auf breiter Front hat Anleger rund um den Erdball viel Geld gekostet. Die Marktkapitalisierung aller gelisteten Unternehmen verringerte sich allein in dieser Woche um die stattliche Summe von vier Billionen Dollar . Dies entspricht in etwa der jährlichen Wirtschaftsleistung Frankreichs. Die 30 Unternehmen des Dax verloren zusammen rund 100 Milliarden Euro an Wert. Allein die Marktkapitalisierung des Industriekonzerns Siemens, des immer noch mit Abstand wertvollsten Mitglieds, ging um 13 Prozent oder rund zehn Milliarden Euro zurück.

Ängste vor einer Rezession in den Vereinigten Staaten, Schuldenkrise in Europa und der in einer solchen Situation bekannte Herdentrieb der Investoren werden bei dem Versuch genannt, die Horrorwoche an den Märkten einzuordnen. Und auch die Technik trug ihren Teil zu den ungewöhnlichen Kurseinbrüchen bei: Längst läuft ein Großteil des weltweiten Handels über Computer ab. Sind bestimmte Kursmarken erreicht, werden Papiere automatisch verkauft – dies führt zu weiteren Kursverlusten und diese lösen dann die nächsten Marken aus.

Sorge um das weltweite Wachstum

Angesichts der leichten Stabilisierung zum Wochenschluss orakelten die Experten der Fondsgesellschaften und Banken über den weiteren Verlauf. Die entscheidenden Signale erwarten sie zumindest langfristig nicht unbedingt von der Politik, sondern von den Konjunkturindikatoren, also letztlich den Unternehmen. Denn bei vielen steht im Zentrum der Angst nicht die Schuldenkrise, sondern der drohende Wirtschaftsabschwung.

„Der Ausverkauf an den Börsen zeigt die Sorge vieler Anleger, dass sich das weltweite Wirtschaftswachstum verlangsamt“, sagt John Chatfeild-Roberts, oberster Anlagestratege des Londoner Vermögensverwalters Jupiter Asset Management. Andreas Rees, Chefvolkswirt der italienischen Großbank UniCredit, lässt die Euro-Krise ebenfalls nicht als alleinigen Grund für die Probleme gelten: „Auch ohne Schuldenkrise wäre es zu einer Abkühlung der Weltwirtschaft gekommen.“

Er sieht die Ursache allen Übels in der expansiven Geldpolitik der US-Notenbank nach der Lehman-Krise. Aus Inflationsangst und auf der Suche nach höheren Renditen hätten viele Anleger das von der Notenbank bereitgestellte billige Geld in Rohstoffe investiert. Daraufhin verteuerten sich die Rohstoffpreise und vor allem die Zentralbanken in den Schwellenländern, in denen Nahrungsmittel einen sehr viel höheren Anteil an den Verbraucherausgaben ausmachen als in den USA oder Europa, mussten die Zinsen im Land erhöhen, um dem Preisauftrieb Einhalt zu gebieten. Mit der klassischen Zeitverzögerung von einigen Monaten hätten sich die Zinsschritte dort in einer Verlangsamung der Konjunktur bemerkbar gemacht, so Rees.

Wie entwickelt sich China?

Uneinig sind sich die Marktteilnehmer darin, wie tief die Bremsspuren wirklich sind. Der Blick fällt vor allem auf den weltweiten Konjunkturmotor China: So wird allgemein damit gerechnet, dass die Volksrepublik ihr zweistelliges Wachstum der vergangenen Jahre nicht halten wird. Ob dies so schlimm ist, hängt wiederum vom Blickwinkel ab. Die Prognose der Experten der Landesbank Hessen-Thüringen liegt bei 9,0 Prozent. „Als ‚harte Landung’ kann dies nicht bezeichnet werden“, heißt es dort von den Volkwirten.

Für entsprechend übertrieben halten sie denn auch die Reaktion der Märkte. Zumal von einer leichten Abkühlung seit längerem auszugehen war, wie auch der Kölner Vermögensverwalter Stephan Albrech sagt. „Dass die Weltkonjunktur nicht mehr die Zuwachsraten haben kann, wie es sie nach dem scharfen Einbruch nach der Lehman-Pleite gab, ist eigentlich klar“, sagt er. Doch dies sei einigen Anlegern, die etwas zu optimistisch nach vorne gerannt waren, offenbar jetzt erst bewusst geworden – auch nach den mäßigen US-Konjunkturdaten zu Beginn der Woche.

Die Zeit des Leugnens ist nun vorbei . Dies gilt auch für die Politik und die Schuldensituation vieler Staaten. „In Europa konnten wir beobachten, wie Vereinbarungen getroffen wurden, um einen Zahlungsausfall Griechenlands vom übrigen Finanzsystem der Eurozone erfolgreich zu isolieren. Es wurde jedoch kein deutlicher Schuldenerlass angeboten, der die Wahrscheinlichkeit eines zukünftigen Ausfalls verringern würde“, sagt Percival Stanion von dem Investmenthaus Baring Asset Management. Was die Politik nun noch machen kann, ist allerdings längst nicht so klar. Das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit der Politik ist dahin, auch die Notenbanken haben an Glaubwürdigkeit verloren. „Im Gegensatz zur Lehman Krise sind die Waffenarsenale leer“, sagt dazu Händler Michael Harbisch von Jefferies.

Immerhin gelang es zum Ende der Woche die Situation am Markt für europäische Staatsanleihen etwas zu beruhigen. Die Risikoaufschläge von Papieren der Problemländer Irland, Portugal, Spanien und vor allem Italien gingen zurück. Inwieweit daran die Europäische Zentralbank beitrug, indem sie Anleihen dieser Länder kaufte, blieb unklar. Doch vor allem der plötzliche Richtungswechsel der Renditen italienischer Anleihen befeuerte diese Vermutungen. Die Rendite der zehnjährigen Papiere fiel von einem Rekordwert bei 6,4 Prozent am frühen Morgen auf 6,1 Prozent am Mittag.

Dass die Börsen in der kommenden Woche in ruhigeres Fahrwasser kommen, erwartet kaum jemand. Kurzfristig schauen alle auf die US-Notenbank. Die mächtigste Zentralbank der Welt wird am Dienstag über ihren weiteren geldpolitischen Kurs entscheiden. Die Fragen sind: Wird Notenbank Chef Ben Bernanke dann die dritte Runde von Staatsanleihenkäufen einläuten? Und wenn ja, kann noch mehr billiges Geld den Anlegern tatsächlich die Angst nehmen?