Aktie und Anleihe sind so etwas wie die ungleichen Schwestern der Börse. Temperamentvoll und launenhaft die eine, verlässlich, aber langweilig die andere. Normalerweise finden beide Platz im Herz der Anleger. Doch nach dem neuerlichen Börsenabsturz , dem fünften in zehn Jahren, scheinen vor allem private Sparer der Aktie endgültig den Rücken zu kehren. Rallyes wie die in der vergangenen Woche sind hauptsächlich von professionellen Investoren getrieben.
Nicht mal historisch hohe Dividendenrenditen im Dax locken die Anleger zurück in die Aktie. Gefragt ist hingegen die Schwester Unternehmensanleihe, obwohl deren Zinsen inzwischen mager anmuten. Sicherheit ist gefragt – selbst wenn der Bond-Ertrag nicht mal auf Höhe der Inflationsrate liegt. Häufig bietet die Aktie eine doppelt so hohe Rendite wie die Anleihe.
Angst vor Wirtschaftseinbruch
Es hilft nichts. Groß ist die Angst der Anleger, dass nur zwei Jahre nach der großen Rezession von 2008 ein neuer Wirtschaftseinbruch folgt. Obwohl eine solche konjunkturelle Eiszeit alles andere als sicher ist, haben große wie kleine Investoren ihre Dividendenpapiere aus dem Portfolio gekippt.
Für Deutschland wirkt das besonders skurril: Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat seine 2011er-Wachstumsprognose für die Bundesrepublik eben erst bei 3,2 Prozent bestätigt. Die Auftragsbücher der deutschen Firmen sind voll. Gemessen an den erwarteten Gewinnen, sind hiesige Standardwerte so günstig wie bisher nur in schwersten Marktverwerfungen wie Anfang 2009 oder Anfang der Achtzigerjahre, als Ölkrise und Afghanistan-Einmarsch der Sowjets die Weltwirtschaft lähmten.
Die Pessimisten verweisen darauf, dass die geschätzten Gewinne für 2012 oder sogar 2011 noch längst nicht eingefahren, die Dividenden also alles andere als sicher sind. Allerdings wären die Ausschüttungen auch bei – noch nicht absehbaren – Dividendenkürzungen um 20 oder gar 30 Prozent attraktiv.
Die Aktien des Versorgers E.on locken auf dem aktuellen Kursniveau zum Beispiel mit einer Rendite von 6,8 Prozent. In der Prognose ist die erwartete Kürzung der Ausschüttung infolge der Energiewende von 1,50 Euro auf einen Euro schon einkalkuliert. Selbst wenn eine schwache Konjunktur die Dividende noch mal ein Fünftel niedriger ausfallen lassen würde, läge die Rendite noch bei 5,4 Prozent. Bei einer 30 Prozent niedrigeren Ausschüttung ergäbe sich für Aktionäre ein Ertrag von 4,7 Prozent. Die bis 2020 laufende E.on-Anleihe (WKN: A0TURM) wirft 3,4 Prozent jährlich ab.
Dax-Konzerne mit üppiger Rendite
Ähnlich üppige Renditen bieten die Aktien von RWE, Telekom, Daimler und BASF. Finanzkonzerne wie Münchener Rück oder Allianz warten zwar ebenfalls mit attraktiven Kennzahlen auf, jedoch geben Strategen zu bedenken, dass Bank- und Versicherungspapiere besonders anfällig für Finanzpaniken und Politwirren sind.
Spitzenreiter bei der Dividende im Dax ist der Versorger RWE, der seine Aktionäre in der nächsten Saison voraussichtlich mit einer Rendite von 9,3 Prozent beglücken wird. Die im Juli 2018 fällig werdende RWE-Anleihe (WKN: 957955) wirft nicht mal ein Drittel davon ab. Sehr zugunsten der Aktie fällt auch der Vergleich bei dem Automobilbauer Daimler aus: Einer Dividendenrendite von voraussichtlich 6,3 Prozent steht eine Anleihenrendite von 3,1 Prozent bei dem bis Januar 2017 laufenden Papier (WKN: A1C9VQ) entgegen. Die Angaben beruhen auf den Ausschüttungsprognosen der Finanzagentur Bloomberg. Wie alle Prognosen sind sie mit Unsicherheit behaftet.
Die Dividende wird jedes Jahr auf Vorschlag des Managements von der Hauptversammlung der Aktionäre beschlossen. In schlechten Zeiten (die Zahlung erfolgt stets aus dem Gewinn des Vorjahres) kann sie gekürzt oder sogar ganz gekappt werden. Hingegen ist die Zinszahlung bei der Anleihe – auch Kupon genannt – garantiert, zumindest gilt das so lange, wie das Unternehmen nicht pleitegeht.
Dividenden werden ungern gekürzt
Wie die Erfahrung lehrt, kürzen Unternehmen die Dividende nur äußerst ungern. Im Gegensatz zum Anleihenzins kann die Ausschüttung außerdem steigen. Im Dax finden sich zahlreiche Unternehmen, denen es gelungen ist, ihre Dividende auch über schwierige Phasen hinweg stabil zu halten, darunter der Pharmakonzern Bayer, der Logistiker Deutsche Post, der Einzelhändler Metro oder die Technologiefirma Siemens.
Bis zur Energiewende der Bundesregierung, die Milliarden von Betriebsvermögen vernichtete, galt das auch für die Versorger. Neben einem solchen Politikrisiko in stark regulierten Branchen sollten Anleger auch die Robustheit des Geschäftsmodells und die Qualität des Managements beachten. Die Stabilität der Dividende in den zurückliegenden Jahren bietet einen ersten Anhaltspunkt. Für eine echte Fundamentalanalyse kommen Aktieninvestoren nicht umhin, auch Größen wie den freien Cashflow zu berücksichtigen.
Immer noch wird die Dividende bei der Geldanlage unterschätzt. Nach Untersuchungen der Ökonomen Dimson, Marsh und Staunton trägt die Ausschüttung einen Großteil zum Gesamtertrag der Anleger bei: In den USA waren es seit 1899 rund 70 Prozent, im Vereinigten Königreich sogar 92 Prozent. Voraussetzung ist, dass die Dividende reinvestiert, also wieder in Aktien gesteckt wurde. Langfristig sind Dividendenpapiere mit Jahresrenditen von sechs bis neun Prozent inklusive Kursgewinnen Bonds überlegen.
Anleihenhalter mögen sich damit trösten, dass Unternehmensbonds immer noch deutlich mehr bringen als Staatsanleihen. Zuletzt krauchte die Rendite von Bundestiteln mit zehn Jahren Laufzeit bei 2,2 Prozent im Jahr.
Daniel Eckert ist Währungsexperte und twittert vor allem zur Entwicklung von Euro, Dollar, Gold und Yuan.



