Mirco-Prozess

Die Mutter Auge in Auge mit dem Mörder ihres Kindes

Ergreifender Moment im Mirco-Prozess: Die Mutter des ermordeten Jungen schildert sein Leben. Als sie dem mutmaßlichen Mörder gegenübersteht, behält sie die Fassung.

Es gibt einen Moment an diesem zweiten Tag im Prozess gegen Olaf H., da ist es still im Gerichtssaal, da hören auch die Rentner im Zuschauerraum mit ihren hingeflüsterten Kommentaren auf, da versucht eigentlich jeder nur noch die Fassung zu bewahren.

Dieser Moment ist am Ende der Aussage von Sandra S., als der Vorsitzende Richter seine Nachfragen zu Mircos Persönlichkeit beginnt, sehr vorsichtig, man will in diesem Moment nicht mit ihm tauschen.

Wie Mirco denn Fremden gegenüber war, will der Vorsitzende Richter Herbert Luczak wissen, ob er im Streit oder wenn er aufgebracht war, dazu neigte, hysterisch zu schreien? Ob er ein ängstliches Kind gewesen sei?

Nein, sagt Sandra S., Mirco sei eher mutig gewesen, geschrien habe er nie, sie habe das nie erlebt. Wie er sich denn üblicherweise geäußert habe, wenn er austreten müsse, fragt Luczak weiter. Sie kenne das aus dem Urlaub, „ich muss mal Pipi“, habe Mirco dann gesagt, antwortet seine Mutter.

Und weil jeder im Gerichtssaal weiß, dass der Zehnjährige laut Aussage von Olaf H. im Auto des Angeklagten vollkommen außer sich gewesen sein soll, dass er sich auch eingenässt haben soll, wird der Tod, der Mord an dem Jungen aus dem niederrheinischen Grefrath plötzlich so gegenwärtig.

"Sein Geklapper am Esstisch fehlt"

Und plötzlich sind da Bilder vor Augen, von diesem blonden Jungen, der sehr lebhaft war, der immer gewusst habe, was er wollte, der Unrecht schwer akzeptieren konnte, weshalb seine Mutter oft bei den Lehrern vorstellig werden musste. Der seinen Eltern lange Zeit auf die Nerven ging, weil er ein neues Fahrrad haben wollte, ein richtiges Jungenrad, das er im Juni schließlich bekam. Er hatte dafür gespart und seine Eltern bezahlten das Rad.

„Nie hätte Mirco sein Fahrrad irgendwo liegen lassen, Mirco und sein Fahrrad, das war eine Einheit“, sagt seine Mutter. Sein Geklapper am Esstisch fehlt, sagt Sandra S.

Zum ersten Mal sehen die Eltern von Mirco heute dem Mörder ihres Sohnes in die Augen, wie man so sagt. Gefasst wirken sie, um Sachlichkeit bemüht, Mircos Vater sitzt schwarz gekleidet neben seiner Anwältin, seine Hände sind meist gefaltet. Doch es gibt Augenblicke, in denen sie lächeln, wenn etwa Mircos großer Bruder etwas sagt.

Olaf H. hingegen scheint dem Moment nicht gewachsen zu sein. Als Sandra S. vor das Gericht tritt, schließt er lange seine Augen, während ihrer Aussage muss er häufig blinzeln, sieht scheinbar an ihr vorbei. Man würde das gerne von einem Menschen sagen, der eine solche Tat begangen hat, aber Olaf H. wirkt an diesem zweiten Prozesstag nicht unbeteiligt, nicht eiskalt, eher wie einer, der mit allem abgeschlossen hat. Der Richter muss seinen Lebenslauf skizzieren, weil Olaf H. selbst dazu nicht imstande ist.

Das unscheinbare Leben des Angeklagten

Olaf H. wurde im niederrheinischen Korschenbroich geboren und wuchs in Mönchengladbach auf. Nach dem Realschulabschluss machte er eine Lehre als Fernmeldehandwerker, zog mit 19 Jahren von zu Hause aus und lebte dann mit seiner ersten Frau zusammen.

Die beiden bekamen einen Sohn, der inzwischen 19 Jahre alt ist. Doch die Eltern trennten sich kurz nach der Geburt. Olaf H. lernte eine andere Frau kennen, mit der er zehn Jahre zusammenblieb, das Paar bekam zwei Kinder. Man trennte sich, und Olaf H. lernte seine dritte Frau kennen, man baute ein schickes Eigenheim in einem Neubaugebiet, 2008 kam eine Tochter.

Im Job arbeitete sich Olaf H. bei der Telekom hoch, bis zum Teamleiter mit mehr als 100 Mitarbeitern an fünf Standorten, damals bekam er auch seinen Dienstwagen, den silbernen Passat. 2009 schließlich strich die Telekom dann seine Führungsebene, Olaf H. wurde zu gleichen Bezügen nach Bonn in den Bereich Finanzen versetzt, er verdiente zuletzt um die 4000 Euro netto im Monat.

Davon konnte die Familie gut leben, zumal Olaf H. keine Hobbys hatte. Vielmehr bezeichnete er seine Kinder und den Garten als Hobbys, ein paar Mal im Jahr ging er mit einem seiner Söhne Angeln, den letzten Urlaub verbrachte die Familie in Holland an der Nordsee, einmal im Monat etwa fuhren sie zu den Schwiegereltern, die auch am Niederrhein leben. Der Richter fragt, ob er noch verheiratet sei.

„Ich weiß es nicht, glaub ja“, sagt Olaf H. „Nach unserer Kenntnis soll die Ehe schon geschieden sein“, sagt daraufhin der Richter. Olaf H. zuckt hilflos mit den Schultern und grinst verschämt.

Als die Freunde von Mirco aussagen, wie sie seinen letzten Tag verbracht haben, scheint er weit entfernt. Sie waren an diesem Tag im Kino in Kempen, dann sind sie im Grefrather Ortsteil Oedt durch die Gegend gelaufen, waren an einem Skaterpark, an einer Bushaltestelle, gegen 22 Uhr traf ein älteres Mädchen Mirco und hat ihn nach Hause geschickt.

„Deine Mutter hat angerufen“, und Mirco sei sofort losgefahren. Er hatte nichts zu befürchten, eine Standpauke, okay, aber keine Strafen, „wir haben keines unserer Kinder je mit Hausarrest oder so bestraft“, sagt Sandra S.

„Sie hatte den Anspruch, dem Täter ins Angesicht zu sehen. Das war wichtig für sie, sie musste es für ihren Sohn schaffen“, sagt die Anwältin der Eltern, Gabriele Reinartz, später. Die äußerliche Stärke sei ein Schutzmechanismus. „Da ist eine ganz immense psychische Belastung und eine ganz tiefe Betroffenheit.“