Michail Chodorkowski ist gezeichnet von sieben Jahren Gefängnis. Anfangs war er siegesgewiss. Selbst bei der ersten Urteilsverkündung im Mai 2005, als er zu neun Jahren Haft verurteilt wurde, schien er das Spiel nicht verloren zu geben; er meinte offenbar, dass er bald in Freiheit sein und sein Unternehmen Yukos retten könne. Er machte Pläne für das Leben "danach", wählte seine Worte, dachte an die Folgen. Mehr als fünf Jahre sind seither vergangen, und Chodorkowskis Stimme ist seit einigen Wochen in der Öffentlichkeit verstummt.

Am 2. November 2010 sprach er sein letztes Wort beim zweiten Yukos-Prozess im Moskauer Bezirksgericht Chamowniki. Da dürfte ihm schon bewusst gewesen sein, dass er vielleicht nie mehr freikommen wird. "Wie jedem anderen fällt es mir schwer, im Gefängnis zu leben, und ich will hier nicht sterben", sagte Chodorkowski. "Aber wenn es nötig ist, werde ich nicht zögern. Mein Glaube ist mehr wert als mein Leben. Ich glaube, das habe ich bewiesen." Er bat nicht um Gnade. Er schloss mit einer Warnung: Das Urteil, wie auch immer es ausfalle, werde in Russlands Geschichte eingehen. Dann zog sich der Richter zurück.

"Der Dieb muss im Gefängnis sitzen"

Nun steht die Urteilsverlesung im zweiten Verfahren gegen Chodorkowski kurz bevor, die vermutlich mehrere Tage dauern wird. Urteil und Strafmaß werden erst im Januar bekannt gegeben. Die Anwälte sagen, dass sofort klar sein werde, ob es eine Verurteilung oder ein Freispruch wird. Doch diese Frage stellt sich nicht mehr ernsthaft. "Niemand glaubt, dass von einem Moskauer Gericht ein Freispruch im Yukos-Prozess zu erwarten wäre", sagte Chodorkowski selbst. Schon vor einigen Tagen gab Russlands starker Mann, Ministerpräsident Wladimir Putin, einen Kommentar zum Prozess ab, der allgemein als vorzeitige Urteilsverkündung gewertet wurde.

"Der Dieb muss im Gefängnis sitzen", hatte Putin live bei einem Fernsehinterview gesagt. Chodorkowskis Schuld sei vor Gericht doch schon bewiesen, so wie jene des US-Betrügers Bernie Madoff. Chodorkowski sei auch in Morde verwickelt. Doch entgegen Putins Behauptung wurde wegen solcher Vorwürfe nie ermittelt. Russlands Präsident Medwedjew, der sich im Tandem mit Putin - seinem Vorgänger und ab 2012 möglicherweise auch Nachfolger - gern als der Liberalere gibt, kritisierte den Premier zwar für die Einmischung; doch kurz danach ruderte er wieder zurück und betonte, ein Demokratie-Defizit habe Russland natürlich keineswegs.

Die Vergleiche mit Madoff oder auch mit Al Capone unterstreichen dabei nur, wie bemüht die Herrschenden sind, Chodorkowski zu kriminalisieren. Madoff baute ein Pyramidensystem auf, Chodorkowski war der Kopf eines Mineralölkonzerns. Ja, Al Capone wurde nicht nur für das verurteilt, wofür er vor Gericht stand, aber jeder, bei dem es um Steuern ging wie bei Al Capone, würde genauso verurteilt werden. Aber Yukos hat nichts getan, was nicht weiterhin bei anderen Rohstoffkonzernen genauso vorkommt.

Der Unterschied liegt vielmehr darin, dass Al Capone nicht der persönliche Feind des amerikanischen Präsidenten war. Sein Eigentum ging nicht an jene über, die im Weißen Haus regierten. Doch warum Putin Chodorkowski vor acht Jahren einsperren ließ, weiß niemand ganz genau.

Aktiver als andere Oligarchen

Die eine Theorie: Chodorkowski sitzt, weil er einmal persönlich in Putins Anwesenheit dessen Freunden Korruption unterstellte. Das war im Februar 2003. Chodorkowski wies darauf hin, dass der Staatskonzern Rosneft die kleine Ölgesellschaft Sewernaja Neft zu einem überhöhten Preis aufgekauft hatte. Putin schäumte vor Wut. Die zweite Theorie: Putin erschrak, weil Chodorkowski zu ehrgeizige Pläne hatte - in der Wirtschaft ebenso wie in der Politik. Tatsächlich machte Chodorkowski kein Geheimnis daraus, dass er oppositionelle Parlamentsparteien unterstützte. 2001 gründete er die Stiftung Otkrytaja Rossija (Offenes Russland), über die er zig Millionen Dollar in die Modernisierung der Bildung und den Aufbau zivilgesellschaftlicher Strukturen investierte. Im März 2006 wurde die Stiftung geschlossen.

Chodorkowski war in der Tat aktiver als die übrigen Oligarchen. "Er verstand, dass man sich verändern muss, um erfolgreich zu sein", erinnert sich die Menschenrechtlerin Irina Jassina, ehemalige Direktorin von Otkrytaja Rossija. In den 90er-Jahren war das russische Big Business grau und verschlossen. Unternehmen bekamen keine Kredite, sie wurden nicht an den großen Börsen gehandelt.

Yukos führte als erster Konzern internationale Rechnungslegungsstandards ein. Die beiden Ölmagnaten Chodorkowski und Roman Abramowitsch beschlossen, ihre Aktiva zusammenzulegen: Durch eine Fusion ihrer Unternehmen Yukos und Sibneft sollte der weltweit viertgrößte Erdölkonzern entstehen. Chodorkowski verhandelte mit den großen Ölriesen der Welt über den Einstieg. Ein Unternehmen dieser Größenordnung konnte der Staat nicht völlig kontrollieren. Als die Attacke auf Yukos begann, verkaufte Abramowitsch seine Anteile.

Putin ist ein argwöhnischer Mensch

Die dritte Theorie: Putin wollte den Oligarchen eine Lehre erteilen und ihnen zeigen, wer das Sagen hat. Nach der Jahrtausendwende begann in Russland eine neue Ära. Die Wirtschaft wurde liberalisiert, die Inlandsproduktion stieg, es begann die Erholung von der Währungskrise 1998. Chodorkowski war der Erste, aber viele andere Unternehmer überlegten ebenfalls, wie sie der Kontrolle des Kreml entkommen konnten. Und zuletzt gibt es noch die Theorie, dass Chodorkowski Putin irgendwie anderweitig verärgert haben muss.

Alle diese Theorien haben ihre Berechtigung. Putin ist ein argwöhnischer Mensch. Er glaubt an Verschwörungen. Mehrmals entließ er urplötzlich engste Berater, weil er glaubte, dass sie hinter seinem Rücken etwas vorhatten. Angeblich war er überzeugt, dass Chodorkowski ein Komplott schmiede. Und in jedem Fall passte ihm die Festnahme damals gut in seine Pläne.

Chodorkowski sollte zunächst nicht ins Gefängnis kommen. Im Juli 2003 wurde sein Kompagnon Platon Lebedjew verhaftet. Das war ein Hinweis, dass Chodorkowski besser das Land verlassen sollte. Er aber blieb. Am 25. Oktober 2003 wurde sein Flugzeug von Spezialeinheiten gestürmt. Seither sitzt er hinter Gittern. Die Hauptanklagepunkte des ersten Yukos-Falles waren Vorwürfe der Steuerhinterziehung, die rückwirkend für mehrere Jahre gegen den Ölkonzern erhoben wurden.

Das Herz des Konzerns wird versteigert

Es ging um Transferpreise für Öl, eine populäre Methode der Steuerminimierung für vertikal integrierte Unternehmen, die sich in den 90er-Jahren alle russischen Ölkonzernen zunutze machten. Eine Offshore-Gesellschaft, die zum Konzern gehört, kauft das Öl des Hauptkonzerns quasi "direkt ab Bohrloch" zu einem intern festgesetzten Preis; weiterverkauft wird zum Marktpreis. Der Gewinn unterliegt dem günstigeren Steuersatz der Offshore-Gesellschaft.

Den ersten Prozess führte Putin persönlich. Er wusste über alle Details Bescheid. Das Verfahren zog seine Kreise: Es gab Dutzende Strafanzeigen und laufend Festnahmen, viele Manager flohen ins Ausland. Die Zahl der Beschuldigten im Zusammenhang mit Yukos stieg auf mehr als 70. Eine solche Menge von Präzedenzfällen hatte Russland seit Beginn der 80er-Jahre nicht erlebt.

Im Mai 2005 wurden Chodorkowski und Lebedjew zu neun Jahren Haft verurteilt, dann wurde das Strafmaß auf acht Jahre reduziert. Yukos war bankrott. Das Herz des Konzerns, Yuganskneftegaz, wurde für umgerechnet 7,2 Milliarden Euro versteigert, weniger als die Hälfte des Marktpreises. Den Zuschlag erhielt ein bis dahin unbekannter Investor namens Baikalfinansgrup mit Sitz im zentralrussischen Twer. Die Firma wurde später von Rosneft übernommen - offenbar, um den künftigen Käufer vor Klagen der westlichen Yukos-Minderheitsaktionäre zu schützen, die ihr gestohlenes Kapital zurückhaben wollten.

Die Unternehmen gewöhnten sich an die veränderten Spielregeln. "Damals zeigte die Regierung, wie man mit der Wirtschaft arbeiten kann", erinnert sich der Unternehmer Jewgeni Tschitschwarkin, der ehemalige Miteigentümer des führenden Handyvertreibers Jewroset. Doch dann verfolgte ihn das Innenministerium, weil er sich weigerte, seine Einkünfte zu teilen. Er musste die Firma verkaufen und floh nach London. "Die Menschen fürchteten sich", erinnert sich Tschitschwarkin. "Ich bekam auch Angst."

"Wir leben in einem anderen Land"

Ein neuer Begriff entstand: Steuerterror. Der Fiskus stellte Ansprüche in Rekordhöhe an die Unternehmen. Die Aktien fielen, Kapital floss ab, große Konzerne wurden vollständig vom Kreml abhängig. Selbst kleine Verträge schloss man auf höchster Ebene. Und die Gerichte - auch das wurde in jener Zeit demonstriert - unterliegen vollständig der Regierungskontrolle. Die Parlamentswahlen im Dezember 2003 standen im Zeichen des Yukos-Prozesses. Die Liberalen verloren ihre Sitze im Parlament an die Nationalisten. Die Wähler beobachteten mit Vergnügen, wie Putin mit den Oligarchen abrechnete, und forderten noch mehr Verhaftungen.

"Die Entscheidung ist gefallen. Die Kreuzung, an der wir nach rechts oder nach links hätten abbiegen können, liegt hinter uns. Wir leben in einem anderen Land", so zog Andrej Illarionow die Bilanz des Jahres 2004. Der Wirtschaftsberater Putins verlor kurz darauf sein Amt. Chodorkowski und Lebedjew wurden 2005 nach Sibirien verlegt, in ein Straflager in der Nähe von Tschita, unweit der chinesischen Grenze. Die Ölpreise stiegen weiter. Die hohen Einnahmen führten zum russischen Konsumboom der letzten fünf Jahre.

Zu dieser Zeit liefen bereits die Vorbereitungen zum zweiten Yukos-Prozess. Die Yukos-Töchter Fargoil und Ratibor wurden beschuldigt, Öl zu günstigen Preisen gekauft und den Erlös in Höhe von mehr als 13 Milliarden US-Dollar außer Landes geschafft zu haben. Der Ratibor-Geschäftsführer Wladimir Malachowski erhielt zwölf Jahre Haft. Auf dieses Urteil wollte man sich im Chodorkowski-Prozess berufen.

Schädelhirntrauma nach dem Fluchtversuch

Der Fargoil-Geschäftsführer Antonio Valdez-Garcia floh ins Ausland. Im Sommer 2005 kehrte der Spanier nach Russland zurück, um die Ermittlungen zu unterstützen. Er stand in der Nähe von Moskau unter Hausarrest. Bereits damals deutete vieles darauf hin, dass die Aussagen für den zweiten Yukos-Prozess unter Misshandlungen zustande kamen.

Innerhalb eines Jahres unternahm Valdez-Garcia einen weiteren Fluchtversuch und sprang aus dem Fenster. Er kam mit einem Schädelhirntrauma, Beinfrakturen und ausgeschlagenen Zähnen ins Krankenhaus. Ganz plötzlich wurde aus dem Zeugen ein Angeklagter, doch trotzdem gelang ihm 2006 die Flucht.

Im Februar 2009 wurden Chodorkowski und Lebedjew nach Moskau zurückverlegt. Man erhob wieder Anschuldigungen gegen sie. Im neuen Prozess geht es um zwei Dinge. Zum einen wird Chodorkowski und seinem Partner vorgeworfen, 1998 Aktien der Yukos-Tochter Wostotschnaja Neftjanaja Kompanija unterschlagen zu haben. Die Aktien wurden ins Ausland verlagert und dann von Yukos aufgekauft. Genau dafür wurde 2004 die Yukos-Managerin Swetlana Bachmina verhaftet, zu sechseinhalb Jahren verurteilt, aber später vorzeitig freigelassen. Ende 2008 bekam Bachmina im Gefängnis ihr drittes Kind, und einige Monate später wurde sie unter enormem Druck der Öffentlichkeit auf Geheiß von Präsident Medwedjew, wie es in der Presse hieß, vorzeitig auf Bewährung freigelassen. Das war der erste Akt von Menschlichkeit gegenüber einem Yukos-Angestellten, seit 2004 die Repressionen begannen.

"Die alten Akten wurden neu gemischt"

Das Verfahren um die Wostoschnaja Neftjanaja Kompanija ist verjährt, die Staatsanwaltschaft dringt auch nicht auf eine Bestrafung in dieser Sache. Die Hauptanklagepunkte gegen Chodorkowski heute: die Unterschlagung von 350 Millionen Tonnen Öl und dem erzielten Erlös aus dessen Verkauf. Mittlerweile geht es nur noch um 218 Millionen Tonnen. Und für diese Anschuldigungen wurden bereits die führenden Köpfe der Yukos-Töchter hinter Gitter gebracht. Tatsächlich geht es um genau dieselben Transferpreise, für die Chodorkowski und Lebedjew bereits wegen Steuerhinterziehung verurteilt wurden. "Die alten Akten wurden neu gemischt und daraus wurde ein neuer Fall gemacht", sagt Chodorkowski-Anwalt Wadim Kljuwgant.

Im Zuge seiner Verteidigung bestand Chodorkowski darauf, dass es rein physisch unmöglich sei, solche Mengen Öl zu unterschlagen und dass sein Unternehmen in all diesen Jahren gearbeitet, Gewinne erzielt und Steuern bezahlt habe - und dass er dafür bereits verurteilt worden sei. Das erste Verfahren war Wahltaktik und Politik, doch man konnte noch eine gewisse Logik darin suchen. Das zweite Verfahren gilt gemeinhin als absurdes Theater.

Außerdem ist das Gericht ganz und gar nicht auf ein neues Gesetz eingegangen, das auf Medwedjews Initiative verabschiedet wurde und das untersagt, Unternehmer während der Voruntersuchungen zu inhaftieren. Der Prozess ist darum ein großes Problem für Medwedjew, der sich so gern als Vorkämpfer für Rechtsstaat und Sauberkeit gibt. Dem Präsidenten wäre es lieber, wenn es diesen Prozess nicht gäbe, aber das lässt sich nicht ändern. Viele Geschäftsleute und Beamte sprechen offen über ihr Mitgefühl mit Chodorkowski. Doch in all den Jahren hat sich keine einflussreiche Gruppe formiert, die ein Ende der Willkür fordert. Chodorkowski hat Unterstützer, aber es sind nicht viele, und sie haben keinen Einfluss.

In Moskau wird derweil diskutiert, wie viele Jahre in Haft Chodorkowski erwarten muss. Sicher wird er aber nicht rechtzeitig freikommen, um etwa an der Präsidentenwahl 2012 teilzunehmen. Doch wie auch immer das Urteil ausfällt, mit Rechtsstaatlichkeit hat es nichts zu tun. Chodorkowski ist ein politischer Häftling, und sein Prozess wird Wladimir Putin sein Leben lang verfolgen, egal, wie er in Zukunft damit umgeht.