Geländewagen

Der Land Cruiser lässt Ossis vor Neid erstarren

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Alan Posener

Foto: Reto Klar

Wenn man mit ihm durch Berlin-Kreuzberg rollt, leuchten die Augen der coolen Türken-Jungs. Im bürgerlichen Zehlendorf aber signalisieren die Damen vor dem Biosupermarkt: Warte nur, bald holt auch dich Umweltsünder die Klimakatastrophe ein. Ein Land Cruiser polarisiert eben – auch seinen Fahrer.

Gewicht: 2,65 Tonnen. Länge: fast fünf Meter. Breite: fast zwei Meter. Dieses Auto fährst du nur, wenn du gern auffällst. Wie der Mann am Eingang zur Springer-Tiefgarage sagt: „Ist det 'n Auto oder 'ne Schrankwand?“ Es lässt jedenfalls niemanden kalt. Und du überlegst dir: Das musst du echt nicht haben.

Zumal du als Person mit deinen 1,70 Metern (na ja, 1,69-einhalb) immer eine Enttäuschung darstellst, wenn du aus dem Klotz aussteigst. Was eine Prozedur für sich ist. Bis du endlich festen Boden unter den Füßen hast, vergehen etliche bange Sekunden. Einsteigen ist auch eine Klettertour. Und versuch nicht, unter die Motorhaube zu gucken. Dazu brauchtest du eine Leiter.

Um neben einem solchen Auto bella figura zu machen, musst du aussehen wie der junge Clint Eastwood. Oder der alte James Coburn.

Ja, aber macht es Spaß, das Teil zu fahren? Außerhalb der Stadt: Aber hallo. Nur Truckfahren ist schöner. Und Trucks fahren nicht 260. Schon gar nicht beschleunigen sie von null auf ich-fahr-dir-hinten-rein-wenn-du-nicht-endlich-rechts-rüberziehst-mit-deinem-einskommavierliter-Reiskocher in null Komma nix Sekunden. Trotz Diesel und Automatik, wohlgemerkt.

Klar macht es Spaß, dort oben zu thronen: King of the road. (Aber Vorsicht beim Zurücksetzen: Wenn sich ein Fiat 500 von hinten herangeschlichen hat, könntest du ihn übersehen!) Unter der Haube wummert kraftvoll, aber dezent der V8-Motor – und verbraucht trotzdem weniger als zehn Liter Diesel auf 100 Kilometer (Ätsch, ihr Dutt-Tanten).

Aber nachdem du 75.000 Euro für die Anschaffung bezahlt hast, also 60.000 Euro mehr als für den Ford Focus, mit dem du dich sonst fortbewegst, ist dir der Verbrauch schnuppe. Der Tank fasst so viel, dass du zum Vollmachen mehr als ein Dutzend Zehn-Euro-Scheine hinblättern musst, aber wozu gibt es Kreditkarten? Und außerdem tut man ja mit der Ökosteuer etwas für die Allgemeinheit.

Und jetzt ist es Zeit, ein Country-Album in den CD-Schlitz zu schieben (einen MP3-Player suchst du allerdings vergebens) und den unvergleichlich quengelnden Texaner George Jones zu genießen, während die menschenleere Prärie Ost-Brandenburgs an dir vorüberzieht. „If my pickup was a horse, I'd have to shoot it…“ Untreue Frauen, schlechter Bourbon, unerwiderte Liebe und unterbezahlte Jobs – nirgends lässt sich das Elend musikalisch besser genießen als bei 190 auf der Autobahn Richtung Prenzlau.

Du ziehst an neidischen Ossis vorbei und fühlst förmlich, wie ihnen ihre Peugeots, Hondas und Polos unversehens wieder zu Trabants werden. Es ist fast wie früher, als du auf der Interzonenautobahn selbst mit deinem klappernden 2CV oder R4 – vom späteren Kadett mit Rallyestreifen ganz zu schweigen – zur fahrenden Oberschicht gehörtest. Da ist es also wieder, das fast verloren geglaubte Wessi-Gefühl. Herrlich. Wenn du nur nicht irgendwann aussteigen müsstest.

Oder parken. Dies ist nicht ein Auto zum Reinquetschen zwischen andere Autos. Dieses Auto stellt man in der Landschaft ab. Eigentlich müsste man es wie ein Pferd lose an einen Baum binden, damit es grasen kann, während du kurz was Wichtiges erledigst – ein Dorf vor mexikanischen Banditen rettest oder einer verzweifelten Mutter ihren Sohn wiederbringst. „Sagen Sie ihm, dass er nie wieder mit seinen Colts in die Stadt reiten soll.“ „Sí, señor, muchas gracias.“

Zu diesem Image will freilich die ganze Technik nicht so richtig passen, mit der das Auto vollgepackt ist. Da ist zum Beispiel eine Kamera fürs Rückwärtseinparken (damit du keine Smarts zerquetschst). Und ein System, das aufgeregt piept, wenn du beim Einparken auch nur in die Nähe eines anderen Objekts kommst. (Bei der hektischen Suche nach dem Hebel, mit dem man den Tankverschluss öffnet, während der Tankwart dich misstrauisch beobachtet, gelingt es dir aus Versehen, das Warnsystem abzuschalten – immerhin etwas.)

Da ist ein Hebel, mit dem du die Federung von „bequem“ über „sportlich“ bis „geländegängig“ einstellen kannst. Aber finde mal in Brandenburg Gelände. Wenn du nicht gerade als Förster unterwegs bist, darfst du dort, wo dieses Auto angeblich seine wahren Stärken offenbart, gar nicht fahren.

Das Benutzerhandbuch dieses Edel-Geländewagens (also mehr edel als Gelände) ist so dick, dass du nicht ernsthaft hoffen kannst, es durchzuarbeiten, zumal du nicht einmal „Vom Winde verweht“ geschafft hast. (Was vielleicht am Plot lag: Beim Film bist du auch eingeschlafen.)

Zum Glück hast du eine Tochter, die mit der Intuition einer Jugend, die mit Computern groß geworden ist, das Navi zum Sprechen bringt. Mit lasziver Stimme und unendlicher Geduld verlangt daraufhin eine Frau, die nichts von Baustellen und Umleitungen – also von Ostdeutschland – gehört hat, du mögest bitte umdrehen, bis du auch sie abschaltest, wie das Piepgerät. Okay, wir haben uns verfahren. Na und? Wir haben Country-Musik. Willie Nelson, übernimm du: „On the road again…“ Herrlich.

Vor zwanzig Jahren hast du schon mal einen Land Cruiser gefahren, als du Freunde in Simbabwe besucht hast. Das war damals ein klapperndes, quietschendes Ungetüm ohne Prätentionen, irgendwas anderes zu sein als ein Gefährt, mit dem man (vier Erwachsene, ein Kind und ein großer Hund) im Busch auf Nashorn-Suche gehen kann. Wenn es dreckig wurde, fuhr man es durch den nächsten Fluss. (Aufpassen: Krokodile sind geschützt und dürfen nicht überfahren werden.)

Für solche Indiana-Jones-Allüren ist aber das jetzige Modell viel zu edel. Und außerdem darf man in Deutschland nicht einfach so durch Flüsse fahren. Überhaupt bedeutet Land Cruiser fahren, dass man eine ständige kognitive Dissonanz aushalten muss. Man fühlt sich wie ein Cowboy, aber der Cowboy, der diesem urbanen Ungeheuer entsteigt, sollte schon ein Asphalt-Cowboy sein.

Vielleicht ginge es auch, wenn du ein schwarzer Rapper, ein Ölscheich oder ein russischer Mafioso wärst. Platz für Miezen und Bodyguards ist ja. Nur eben so, wie du bist, passt du nicht zu diesem Auto. Es ist ein blechgewordener Vorwurf: sozusagen das richtige Leben, das du im falschen fährst.

Nach zwei Wochen öffnest du wieder die Tür zu deinem FoFo. Ja, er ist ein bisschen klein geworden. Aber dafür wirkst du nicht so unterdimensioniert. Zugegeben, er röhrt schon bei Tempo 140. Aber wann kommst du schon dazu, 140 zu fahren? Klar, Ledersessel wären nicht übel. Aber die gibt's auch ohne V8-Motor. Und sicher, in den Augen einiger Jungs in Kreuzberg liest du nur Verachtung: Dein Auto ist nicht einmal wert, dass man es abfackelt, ey. Aber das ist auch gut so.

Du bist in der unteren Mittelklasse (na ja: obere Kompaktklasse) nun einmal zu Hause. Was sollst du mit einem Auto, das ungefähr so lang ist wie dein Reihenhaus breit? Was sollen die Nachbarn denken? Reicht die Parklücke da vor dem Biosupermarkt? Klar doch. Die Dame mit dem Dutt guckt trotzdem vorwurfsvoll, während sie ihr Holland-Fahrrad weiterschiebt. Egal. Das nächste Auto wird ein Elektroauto. Versprochen. Vielleicht.