Geländewagen

Warum der Lada Niva ein Traumauto ist

| Lesedauer: 5 Minuten
Eckard Fuhr

Einmal lässig wie Magnum in einen roten Ferrari 308 GTS springen. Oder sich in einem Mercedes SL Pagode auf einer Küstenstraße den Wind durchs Haar wehen lassen. Fast jeder kennt solche Autoträume. Morgenpost Online-Kulturchef Eckard Fuhr hat seinen persönlichen Traum verwirklicht – in einem russischen Lada Niva.

Mein nächstes Auto muss für mein nächstes Leben tauglich sein. Und das wird sich nicht im Großraumbüro, sondern zwischen Hochsitzen und Koppelzäunen abspielen. Jedenfalls träume ich davon. Schon lange. Und immer schon schiebt sich dabei ein kleines, unscheinbares Auto in die Traumbilder, das die erdbraune Farbe seiner rustikalen Umgebung angenommen hat, weil es nie eine Waschanlage sah.

Das Autochen hoppelt über Feldwege durch knietiefe Pfützen, klettert im Wald steile Holzfuhrschneisen hinauf. Innen riecht es nach Wildschwein oder Schafbock, und die Männer, die ihm entsteigen, riechen genauso. Sie tun mit bedächtigen Bewegungen, was sie tun müssen. Kein überflüssiges Wort kommt ihnen über die Lippen, höchstens ein knappes Kommando an ihre Jagd- oder Hütehunde. Ich träumte also schon von einem Lada Niva, bevor ich wusste, dass es dieses Auto gibt. Seit 1977 wird es in Russland fast unverändert gebaut.

Das Zentralkomitee der KPdSU wollte ein für breite Bevölkerungskreise erschwingliches „Dorfauto“, das den Straßenverhältnissen der Sowjetunion gewachsen ist.

„Dorfauto“ ist eigentlich eine schöne Bezeichnung für den Lada. Sie kennzeichnet genau die Differenz zwischen ihm und dem Heer der modernen Geländewagen, die ihr ganzes Leben nichts als Asphalt unter ihren Reifen haben. Womit wir beim Ästhetischen wären. Der Lada sieht eben nicht so aus wie die Miniaturausgabe eines solchen SUV, er hat nichts Niedliches wie etwa der Suzuki Jimny, sondern er stellt etwas Eigenständiges dar: ein Auto, das für eine nicht autogerechte Umgebung gemacht ist. Außer Image transportiert es alles.

Allerdings scheinen die Exporteure noch nicht dahintergekommen zu sein, dass diese Imagelosigkeit Potenzial birgt, die Möglichkeit eines Understatements: Lada-Fahrer haben alle Imageprobleme hinter sich. Stattdessen bekam ich ein dunkelgrünes Exemplar, auf dessen Türen „California“ stand, als wollte ich mit diesem Gefährt der Taiga und der Tundra mein Surfbrett zum Strand fahren. So hatten wir nicht gewettet. Ich bot meinem Lada so viel Dorf und Gelände, wie das am nördlichen Stadt?rand Berlins, in den ehemaligen Rieselfeldern Blankenfeldes, möglich ist.

Da stand er also, der dunkelgrüne Lada Niva, und wartete auf seinen Herrn. Die Inbesitz- und Inbetriebnahme stellte sich als schwierig heraus. Die ausgestreckte rechte Hand mit dem Zündschlüssel fand kein Zündschloss. Das befindet sich links des Lenkrads und funktioniert gegen den Uhrzeigersinn.

Obwohl Elektronik nur sparsam eingesetzt wird – Handbetrieb bei Rückspiegeln, Schlössern, Scheiben –, gibt es eine elektronische Wegfahrsperre, die mit einem Transponder gelöst werden muss. Eine kleine Spinne, die in einer Ritze zwischen den Armaturen zu hausen scheint, beobachtete mich jedes Mal beim Abenteuer des Startens. Wenn dann der ganze Wagen mit dem Motor vibrierte, zog sie sich wieder in ihre Ritze zurück. Sie ließ sich auch vom Gebläse nicht beeindrucken, das einen gewaltigen Lärm machte, aber wenig Wirkung hatte.

Wer nun glaubt, er könne mit Fingerspitzengefühl locker aus dem Handgelenk den ersten Gang einlegen und losfahren, der täuscht sich. Das Getriebe will hart angefasst werden. Der Schaltstock ragt weit in das Innere des Wagens hinein und ist ausgesprochen weit rechts platziert, sodass sich ein Fahrer, der nicht über lange Spinnenarme verfügt, zu ihm hinbeugen muss. Das hat den Vorteil, dass man beim Autofahren in Bewegung bleibt und immer im Bewusstsein behält, dass das, was einen da in mäßiger Geschwindigkeit von A nach B befördert, eine motorisierte Karre ist, nichts mehr und nichts weniger.

An der Wurzel des Schaltstockes erheben sich, wie die Naturverjüngung in einem Buchenwald, zwei kürzere Knüppel, mit denen man die Geländeuntersetzung ein- und die Differenzialsperre ausschalten kann. Das sollte tunlichst nur bei stehendem Fahrzeug und durchgetretener Kupplung geschehen.

Wer die sportlich kurzen Schaltwege unserer zeitgenössischen Autos gewöhnt ist, muss sich vor Verwechslungen hüten und sich immer wieder sagen: Der Schalthebel, das ist der lange Stock ganz da drüben. Ich hatte mich bald daran gewöhnt. Meinen Führerschein machte ich 1972 in einem Opel Kadett, bei dem das nicht viel anders war.

Frühmorgens fuhr ich mit dem Lada in die Rieselfelder. Ich war mit dem Fotografen verabredet. Vorher schoss ich ein Reh. Es passte mit der Wildwanne gut in den Kofferraum. Für ein größeres Wildschwein hätte man allerdings die Rückenlehne der Rückbank vorklappen müssen.

Das Wetter war wechselhaft. Mal schien die Sonne, mal prasselten Regenschauer herab. Auch als Jäger darf ich im Wald nur auf den Wegen fahren. Aber die waren jetzt für kurze Zeit wenigstens schön aufgeweicht. Der Lada blieb dicht und – natürlich – nicht stecken. Er war sogar ein bisschen dreckig, als ich ihn in der Tiefgarage parkte, den Traum von meinem nächsten Leben.