40 Jahre Ford Escort

Am Anfang war der "Hundeknochen"

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Wolfram Nickel

Vor 40 Jahren lief der erste deutsche Ford Escort vom Band. Vor allem frühe "Hundeknochen-Modelle" besitzen Kultstatus.

Aus dem alltäglichen Straßenbild ist der vor zehn Jahren ausgelaufene Ford Escort bereits weitgehend verschwunden. In Liebhaberkreisen genießt die vor 40 Jahren in Saarlouis in Produktion gegangene Kompaktklassebaureihe dagegen längst Kultstatus. Der weltweit erfolgreiche europäische Ford sorgte schnell für Aufsehen - einerseits als untermotorisierter 40 PS-Biedermann mit Kühlergrill in kuriosem Hundeknochen-Design, andererseits als Brandstifter auf Rallyepisten und mit einem bis zu 100 PS starken Vorläufer der GTI-Fraktion, dem legendären RS 2000.

Ursprünglich sollte der in Großbritannien entwickelte Escort nur der Nachfolger des Anglia werden, eines technisch einfachen, kurios geformten und heute vor allem den Fans des Nachwuchszauberers „Harry Potter“ bekannten Kleinwagens. In dieser Mission ging er im Dezember 1967 in England an den Start.

Zugleich sollte der Escort aber auch der erste Einheits-Ford für den europäischen Markt werden, nicht nur nach dem Willen der amerikanischen Konzern-Zentrale, sondern vor allem aus marktstrategischen Erwägungen. In Großbritannien war Ford auf dem Weg zur unangefochtenen Nummer eins, in Deutschland wurden die Ford-Modelle 12M und 15M vom Millionseller Opel Kadett „B“, aber auch neuen französischen und italienischen Rivalen in Bedrängnis gebracht. Mit dem Escort bot sich den Kölnern eine bereits fertig entwickelte Basisbaureihe an, die nur noch für den deutschen Markt adaptiert werden musste.

Alle Escort kennzeichnete das sogenannte „Coke-Bottle-Design“ mit dynamischem Hüftschwung über den Hinterrädern, aber auch ein ruppiges Fahrwerk. Das Einsteigermodell entwickelte sich schon in seiner ersten Generation zum bis dahin meistproduzierten Ford aller Zeiten, zumindest was die Alte Welt betraf. Aber auch die Neue Welt konnte von der kompakten Einkaufs- und Familieneskorte erobert werden, allerdings erst ab 1981. In den USA ersetzte der Escort der mittlerweile dritten Generation den einheimischen Kleinwagen Pinto und den aus Europa importierten Fiesta. Mit modernem Layout - als erster in Amerika produzierter Ford bot der Escort die Kombination Heckklappe und Vorderradantrieb – gelang dem Kleinwagen der Sprung auf Platz eins in der Konzernwertung der meistverkauften Pkw-Baureihen.

Aber auch bei der Karosserie-, Antriebs- und Fahrwerksausstattung folgte Ford den unterschiedlichen Kundenwünschen je nach Kontinent und Land. In Nordamerika etwa gab es den Escort als Sportcoupé EXP, in Brasilien dagegen wurde das Weltauto als zweitüriges Stufenheckmodell unter dem Namen Ford Verona und sogar als VW Apollo vermarktet. Einen noch exotischeren Markencocktail präsentierte Südafrika: Hier wurde der Escort-Pickup Bantam parallel von MMI Mitsubishi und Mazda unter jeweils eigenem Logo als MMI Mitsubishi Rustler bzw. Mazda Rustler verkauft. Der eindrucksvolle Beweis für den Erfolg dieser Weltautostrategie waren elf Millionen Escort, die bis 1990 abgesetzt werden konnten.

In Deutschland verlief der Start des kleinsten Ford-Modells 1968 holprig, was weniger am mangelnden Fahrkomfort des Escort als an Lieferschwierigkeiten lag. Als das neue Werk im Saarland den Kapazitätsengpass 1970 endlich beseitigt hatte, waren fast 60.000 Vorbestellungen bereits storniert worden. Hinzu kam lautstarke Kritik von Kunden und Presse an der teils schludrig-schlechten Verarbeitungsqualität und der ellenlangen Aufpreisliste des Basis-Escort. Alles kostete extra, egal ob vordere Ausstellfenster oder Gürtelreifen im Kinderwagenformat 155 SR 12.

Sein Discounterimage polierte der billige Ford bereits im ersten Jahr durch Motorsporterfolge in der Rallye-WM auf. Der 115 PS leistende Twin-Cam-Motor verwandelte die 800 Kilogramm leichte Blechbüchse in einen wahren Feuerstuhl, der als Straßenversion englische Landstraßen mit Gummispuren adelte, wie sie sonst nur von kaum erschwinglichen V8-Supercars radiert wurden. Mit Verzögerung und in abgeschwächter Form waren es auch in Deutschland die Motorsporterfolge, die den Escort schließlich auf respektable Stückzahlen in den Zulassungsstatistiken brachten. Wilde Reiter, darunter Hubert Hahne oder Rolf Stommelen, trieben brave Familienväter zum Kauf vorsichtig veredelter Escort GT oder Sport mit bürgerlichen 72 PS.

Richtig zur Sache ging es erst im Frühjahr 1973. Am Vorabend von Ölkrise und GTI-Zeitalter erschien der 100 PS starke RS 2000 in weißblauer Kriegsbemalung. 5200 Exemplare dieses Trendsetters wurden bis Ende 1974 verkauft – eine damals beinahe beispiellose Stückzahl. Kaum weniger eindrucksvoll: Insgesamt konnten von der ersten Escort-Generation 2,14 Millionen Einheiten verkauft werden, davon aber nur 234.000 Einheiten in Deutschland.

Vielleicht war dies der Grund, warum Ford Köln bei der Entwicklung des im Januar 1975 vorgestellten Escort MK II die entscheidende Rolle übernommen hatte. Die unter dem Codenamen „Brenda“ entwickelte Modellreihe übernahm weitgehend die Technik und Motoren des Vorgängers, verpackte diese aber in gefälligere, glatte Formen. Ein Paket, das genügte, um in fünf Jahren 1,6 Millionen Einheiten zu verkaufen. Dann allerdings war die Zeit von Starrachse, Hinterradantrieb und Stufenheck endgültig abgelaufen.

Opel Kadett und Ford Escort wandelten nun auf den Spuren des neuen Klassenprimus VW Golf: Quermotoren, Vorderradantrieb und Heckklappe waren ab 1980 unabdingbare Erfolgsvoraussetzungen. Die unter dem Codenamen „Erika“ entwickelte dritte Escort-Generation machte damit auch auf dem Weltmarkt Karriere. Als Leistungsträger fungierte nun der XR3i, als Lustspender ab 1983 ein bei Karmann produziertes Cabriolet mit Überrollbügel und als Lastenesel erstmals auch fünftürige Kombis („Turnier“) sowie die Transporter Express 35/55. Ein Programm, das durch immer neue Sondermodelle, die Stufenheckversion Orion, zahllose Sporterfolge und einen bis zu 132 PS starken Leistungsträger über ein Jahrzehnt frisch blieb.

Ebenfalls zehn Jahre blieb der im Oktober 1990 lancierte Escort MK IV in Produktion. Mit unauffälligen, aber zeitlos eleganten Formen schaffte es die finale Escort-Ausgabe sogar, noch mehrere Jahre parallel zum Nachfolger Focus im Programm zu bleiben.

Von der braven Familienkutsche zum wilden Rallye-Reiter, vom biederen Allerweltsauto zum erfolgreichen Weltauto, damit schrieb der Escort Geschichte wie kein anderer Ford. Für die in den Startlöchern stehende neue Focus-Generation aber vielleicht Verpflichtung und Ansporn, die Idee des kompakten Weltautos erfolgreich zu beleben.

( sp-x )