Bislang waren Lotus-Fahrer nur teilweise zu beneiden. Zwar versprachen das Modell Elise und seine technisch eng verwandten Geschwister Exige und Europa ein besseres Verhältnis von Kaufpreis und Fahrspaß als jeder andere Sportwagen. Doch gleicht eine Ausfahrt in den auf das Allernötigste reduzierten Leichtbau-Zweisitzern dem Besuch in einem Fitnessstudio: Nach getanem Training schwebt man zwar im Rausch der Endorphine, doch klebt vor Schweiß das Hemd am Rücken, und jeder Knochen tut weh. Als Sportgerät ist und bleibt die Elise unerreicht, doch als Auto für den Alltag taugt sie nicht.
Entsprechend gering ist die Produktion des Lotus-Werkes im britischen Hethel. Zwar konnte Lotus den Verkauf in den letzten Jahren kontinuierlich steigern. Doch für mehr als 2700 Autos hat es 2007 trotzdem nicht gereicht. Auch wenn die Briten den Großteil ihrer Umsätze mit Entwicklungsdienstleistungen für derzeit fast 150 andere Autohersteller und Zulieferer vom Einzelteil bis zum Komplettfahrzeug machen, ist das auf Dauer zum Überleben zu wenig.
"Um uns von den Strömungen des Marktes unabhängig zu machen und die Zukunft zu sichern, müssen wir mit unseren Modellen nach oben wachsen", sagt Firmenchef Mike Kimberley. "Die Elise als Einstieg und darüber ein paar andere Sportwagen, die keinen Konjunkturschwankungen mehr unterworfen sind", so skizziert er seine Vision für Lotus, die er mit frischem Geld der Konzernmutter Proton aus Malaysia langsam in die Realität umsetzt.
Immerhin drei neue Modelle hat Kimberley für die nahe Zukunft angekündigt. Und der erste Teil dieses Versprechens war jetzt auf der Motor Show in London zu bewundern: die Serienversion des bislang nur als "Project Eagle“ bekannten Lotus Evora. Er soll im Frühjahr 2009 auf den Markt kommen und in Deutschland etwa 70.000 Euro kosten. Die Produktion in Hethel hat dann deutlich mehr zu tun: Zwar stehen für 2009 nur 750 Autos auf dem Plan. Doch wenn der Wagen 2010 auch in die USA exportiert wird, will Lotus 3000 Evora im Jahr bauen – das bedeutete eine Verdopplung der gesamten Lotus-Produktion.
Gegenüber der Elise ist der Evora deutlich gewachsen. Der Radstand wurde um 28 Zentimeter auf 2,58 Meter gestreckt, die Breite legt um 14 Zentimeter auf 1,85 Meter zu, und in der Länge überragt der 4,34 Meter lange Neuling das Schwestermodell gar um 56 Zentimeter. Das neue Format schafft nicht nur Platz für eine sittliche Distanz zwischen Fahrer und Beifahrer, sondern auch für zwei Notsitze im Fond und einen Kofferraum, der jetzt ein wenig mehr schluckt als Zahnbürste, frische Unterwäsche und Kreditkarte. Immerhin 160 Liter Platz verspricht Kimberley für den Evora und zeigt stolz auf den Golfsack hinter sich – ja, auch den könne man jetzt einladen. Und damit der hinten sitzende Motor dem Gepäck nicht zu sehr einheizt, hat Lotus eigens eine Belüftung entwickelt: Ladeluftkühlung einmal anders.
Die Chancen, dass der Evora seinen Weg aus der Nische des puristischen Rennwagens mit Straßenzulassung findet, stehen gut. Denn er bietet nicht nur zwei Sitze mehr als Elise & Co., sondern hat auch das Zeug zum Alltagsauto: Wo die Elise ihren Fahrer mit knochenharten Rennschalen peinigt, lockt der Evora mit einem weichen Lederbezug über den stark konturierten Sitzen. Das Cockpit ist nicht nur funktional, sondern auch schön, zum ersten Mal in einem Lotus gibt es eine Reihe von Ablagen, die diesen Namen verdienen, und sogar ein Handschuhfach und Becherhalter haben die Briten eingebaut. Selbst auf ein Navigationssystem und den iPod-Anschluss muss man nicht verzichten. Und statt kräftezehrender Handarbeit am winzigen Rennlenkrad hilft nun eine Servolenkung beim Griff in den unten abgeflachten Lederkranz.
Der Evora bleibt den Lotus-Idealen treu
Dennoch verleugnet die erste echte Lotus-Neuheit seit 13 Jahren nicht die Ideale der Briten: Das Gewicht des 1,22 Meter niedrigen Evora bleibt mit 1350 Kilogramm weit unter dem vergleichbarer Sportwagen, und der Motor steckt dort, wo er bei einem Lotus hingehört: hinter den Sitzen und vor der Hinterachse. "Das macht unser Auto einzigartig", sagt Firmenchef Kimberley. "Einen 2+2-Sitzer mit Mittelmotor gibt es sonst nirgends." Zwar könnte der Evora die Lücke schließen, die zwischen Porsche Cayman (Mittelmotor, zwei Sitze) und 911 (Heckmotor, vier Sitze) geblieben ist, doch auch den Vergleich mit den Sportwagen aus Stuttgart lässt Kimberley nicht gelten: Erstens ist der Motor dort noch weiter hinten montiert, und zweitens gibt es keinerlei Verwechslungsgefahr: "Ein Porsche bleibt ein Porsche, und ein Lotus bleibt ein Lotus."
Bei den Fahrleistungen allerdings liegen Porsche und Lotus nah zusammen. Angetrieben wird der Evora von einem 3,5 Liter großen V6-Motor, den Lotus bei Toyota einkauft und kräftig überarbeitet. Nach dem Tuning in Hethel dreht er deutlich höher und kommt auf 280 PS. Damit schießt der Evora in weniger als fünf Sekunden auf Tempo 100 und wird locker 250 km/h erreichen, sagt Kimberley. Dennoch soll der Sportwagen – dem Leichtbaukonzept, der Aluminiumstruktur und der Kunststoffkarosserie sei Dank – im Mittel deutlich unter zehn Liter verbrauchen.
Mit der jetzt in London enthüllten Evora-Variante will es Lotus aber nicht bewenden lassen. So soll es schon bald einen reinen Zweisitzer mit Gepäckpritsche im Fond geben. Außerdem sind stärkere Motoren und ein offenes Dach für den Evora im Gespräch. Das alles ist aber nur das Vorgeplänkel für eine noch viel wichtigere Neuheit, die Kimberley für 2010/2011 auf dem Plan hat: "Dann bringen wir einen Nachfolger für den Esprit", sagt der Lotus-Chef und beschwört mit der Idee eines 400 PS starken V8-Sportwagens die Erinnerung herauf an das schneeweiße Modell, mit der einstmals Filmheld James Bond in "Der Spion, der mich liebte" auch unter Wasser gut vorankam.
Gut möglich, dass auch der neue Esprit einen Platz im Kinofuhrpark des britischen Geheimdienstes bekommt. Denn Roger Becker, der Stuntfahrer von einst, ist heute bei Lotus der technische Direktor.




