Da werden Porsche und Aston Martin aber Augen machen. Denn jetzt bekommen Panamera und Rapide Konkurrenz aus einer völlig unerwarteten Richtung. Ausgerechnet Lamborghini stürmt zum Pariser Automobilsalon mit der Designstudie Estoque an die Spitze eines bislang weitgehend unbesetzten Segmentes, in dem Sportwagenhersteller ihren Familiensinn beweisen und Rücksicht auf die wunden Rücken der älteren Kundschaft nehmen – die Liga der potenten Viertürer mit Coupé-Silhouette.
Mercedes CLS und Passat CC kann man zwar schon kaufen, doch für ebenso eilige wie elitäre Kunden gab es bislang nur die Hoffnung auf eine baldige Serienproduktion von Porsche und Aston Martin. Nun allerdings bringt die schnelle Audi-Tochter einen neuen Trumpf ins Spiel, der alle anderen Karten ausstechen könnte. Diese Mission trägt die Studie bereits im Namen, der diesmal nicht von einem Kampfstier übernommen wurde. Sondern "Estoque“, das ist der Degen, mit dem der Matador zum finalen Stich ansetzt.
Zwar folgt der stolze 5,15 Meter lange Estoque formal den Vorgaben eine Limousine. "Doch beschreibt das allenfalls die Anzahl der Türen“, sagt Stephan Winkelmann. Selbst Sportlimousine wäre dem Lamborghini-Chef noch zu wenig. "Sondern der Estoque begründet das neue Segment der Supersport-Limousinen“, sagt der Präsident der Audi-Tochter mit Blick auf Design und Technik der Flunder, die einem Lamborghini Gallardo um Längen näher ist als einem Audi S8.
Schon das Design ist kantig und kompromisslos wie bei den Supersportwagen aus Sant’Agata: Die Front duckt sich tief auf die Straße, saugt gierig nach Luft und blickt aggressiv wie der Reventón, das Heck ist breit und kantig als wäre es mit der Axt aus dem Blech geschlagen. Und die von riesigen Rädern und weit ausgestellten Kotflügeln bestimmte Flanke ist niedriger als bei jedem anderen Viertürer: "Der Estoque ist gerade einmal 1,35 Meter hoch – flacher kann man eine Limousine nicht zeichnen“, sagt Manfred Fitzgerald, der das Lamborghini Centro Stile leitet.
Trotzdem bietet Estoque allen Platz und allen Komfort einer Luxuslimousine, versprechen die Italiener. "Zum ersten Mal“, sagt Winkelmann, kann man "das außergewöhnliche Fahrvergnügen eines Lamborghini mit mehr als einer Person teilen – womöglich sogar mit seiner gesamten Familie“.
Wo man sonst bei Lamborghini die Gelenkigkeit einer chinesischen Zirkusakrobatin braucht, um unter den Flügeltüren hindurch zu tauchen und hinter dem Lenkrad eine bequeme Sitzposition zu finden, gibt es nun große, weit aufschwingende Türen und bei 3,01 Metern Radstand genügend Platz für Bauch und Beine. Und zwar nicht nur in der ersten, sondern auch in der zweiten Reihe, die Lamborghini seit dem Ende des unsäglichen Geländewagens LM002 geflissentlich ignoriert und einfach aus dem Repertoire gestrichen hatte.
Selbst beim Kofferraum ist die Zeit der freiwilligen Selbstbeschränkung mit dem Estoque vorbei. Musste man bislang Zahnbürste, Nachthemd und Wechselwäsche schon arg stauchen, um sie vorn unter die Haube zu bekommen, fasst der Kofferraum des Estoque nun angeblich das gesamte Wochenendgepäck oder mehrere Golftaschen.
Der Motor liegt nun zwischen Fahrer und Vorderachse
Nicht nur das Design haben die Italiener von Gallardo und Murciélago übernommen. Sondern auch die Technik stammt nahezu unverändert aus den Supersportwagen. Zwar ist der Antrieb aus dem Heck eine halbe Fahrzeuglänge nach vorn gerückt und thront nun als "Front-Mittelmotor“ zwischen Fahrer und Vorderachse, doch bleibt es beim V10-Motor des Gallardo, der seine 560 PS wie im Zweisitzer über alle vier Räder auf die Straße bringt. Offizielle Daten zu den Fahrleistungen des Einzelstücks gibt es zwar noch nicht. Aber ein Sprint unter fünf Sekunden und eine Höchstgeschwindigkeit über 300 km/h sollten mit diesem Konzept zu schaffen sein.
Und noch bevor die Klimakritiker Zeder und Mordio rufen, nehmen die Italiener ihnen mit zwei Nebensätzen den Wind aus den Segeln. Denn nicht nur ein vom V10-Motor abgeleiteter Achtzylinder sei im Estoque denkbar. Sondern auch über ein Hybrid-Modul und sogar einen Hochleistungsdiesel werde nachgedacht, sagt Fitzgerald und legt so dem vermeintlichen Klimakiller ein grünes Mäntelchen um.
Die Idee für den Estoque kommt nicht von ungefähr: Seit Lamborghini zu Audi zählt und sich vom windigen Exoten zu einem aufstrebenden Sportwagenhersteller mit ernsthaften Absichten gemausert hat, spekuliert die Branche über eine dritte Baureihe neben den beiden Spitzensportlern Gallardo und Murciélago. Denn nachdem die Italiener ihre durchschnittlichen Zulassungszahlen mittlerweile fast verzehnfacht haben und nicht mehr 300, sondern bald 3000 Autos im Jahr verkaufen, sind mit dem aktuellen Modellprogramm keine derart großen Sprünge mehr möglich.
"Wenn wir weiter exponentiell wachsen wollen, müssen wir in ein neues Segment“, sagt Winkelmann. "Und das hier scheint uns das lukrativste.“ Denn mit einer sportlichen Limousine könnten die Italiener nicht nur ihren bestehenden Kunden ein Auto bieten, das auch für den Alltag taugt. "Sondern mit diesem Konzept würden wir auch Menschen erreichen, die noch nie über einen Lamborghini nachgedacht haben.“
Feines Nappa-Leder statt kahler Schalensitze
Noch ist der Estoque natürlich nur eine Studie. Aber anders als die Idee vom neuen Miura, mit der Lamborghini vor zwei Jahren in Detroit überrascht hat, gibt es diesmal nicht nur eine inhaltsleere Hülle aus Ton und Plastik, sondern auch ein komplettes Interieur. "Dort zeigen wir uns viel eleganter als je zuvor“, verspricht Fitzgerald. Natürlich soll man dem Estoque seine sportlichen Wurzeln auch ansehen, doch Schalensitze und Carbon passen trotzdem nicht so recht zum eiligen Handlungsreisenden.
Statt dessen gibt es feines Nappa-Leder, vier elektrisch verstellbare Einzelsitze, die zwar mehr Seitenhalt bieten als etwa eine Mercedes S-Klasse, aus denen man aber auch nach 1000 Kilometern noch entspannt aussteigen soll. Dabei blickt der Fahrer ähnlich wie im Reventón in ein neuartiges Cockpit mit einem großen Computerbildschirm, auf dem er frei zwischen der Illusion von konventionellen Rundistrumenten oder anderen digitalen Darstellungen wählen kann. Und damit es im Fond nicht langweilig wird, gibt es dort neben einer leistungsstarken Musikanlage auch ein Videosystem.
Zwar zeugen die Detailgenauigkeit und die technische Bodenhaftung der Studie von den ernsthafteren Absichten, die Lamborghini mit dem Estoque verfolgt. Nicht umsonst haben die Italiener auf überzogene, realitätsferne oder allzu verspielte Lösungen verzichtet. Doch lässt sich Marken- und Designdirektor noch keine Zukunftsprognose für seinen jüngsten Entwurf entlocken. Aber eines stellt er ganz klar: "Der Estoque ist keine Luftnummer“, sagt Fitzgerald, "sondern wir haben das Konzept so gewählt, dass er problemlos in Serie gehen könnte.“ Und dabei seien die Italiener nicht einmal auf die Hilfe ihrer Mutter in Ingolstadt oder der Konzernzentrale in Wolfsburg angewiesen.
"Die Supersport-Limousine könnten wir in der Gruppe herstellen oder alleine bei uns in Sant’Agata – beide Möglichkeiten stehen uns offen“, sagt Fitzgerald. Egal wie die Italiener entscheiden: Ein bisschen Geduld werden eilige Geschäftsleute und PS-verrückte Familienväter noch haben müssen. Denn selbst wenn es direkt nach der Premiere grünes Licht geben würde, "bräuchten wir noch drei Jahre, bis das Auto auf der Straße ist“, sagt Fitzgerald.
Sein Chef Winkelmann tritt noch fester auf die Bremse: "Der Estoque ist nur eine von mehreren Möglichkeiten, wie eine dritte Baureihe von Lamborghini aussehen könnte“, sagt der Präsident und macht mit einem Satz alle schnellen Hoffungen zunichte: "Noch sind keine Entscheidungen zu diesem Thema gefallen: Weder zur dritten Baureihe im Allgemeinen noch zum Estoque im Speziellen.“




