Manchmal kommen sie wieder: John Cooper lebt bei Mini weiter, Fiat entstaubt den Namen Abarth, und bald könnten sogar Alpine und Triumph wieder auferstehen. Auf der Suche nach immer neuen Nischen graben die Automobilhersteller tief in ihren Archiven. „Um den Kunden etwas Besonderes bieten zu können, mit dem sie sich vom Fahrzeug ihres Nachbarn abheben, spreizen sie ihre Modellpalette immer weiter auf“, sagt Marktforscher Nick Margetts aus Limburg. Doch weil man das Angebot einer Marke nicht beliebig weit spreizen könne, ohne den Kern zu beschädigen, führen diese Bemühungen nach Margetts Beobachtungen oft zu neuen Marken, die wie bei Smart entweder neu geschaffen oder wie bei Maybach reanimiert werden. Dabei fällt der Blick der Hersteller vor allem auf eine Reihe von Tunern, Rennställen und Sportwagenschmieden, die in der Zeit des Wirtschaftswunders groß geworden und während der Ölkrisen wieder verschwunden oder in den Armen großer Konzerne sanft entschlafen sind.
Nach diesem Muster hat zum Beispiel BMW mit dem Mini den Tuning-Papst John Cooper reanimiert. Sein Name ziert nicht nur zwei von drei Modellvarianten, sondern er steht auch Pate für ein Tuning-Kit, das die Rennsemmel noch stärker, schneller und schöner, aber auch teurer macht. „Genau das ist oftmals die Strategie hinter solchen Projekten“, sagt der Marktforscher. „Die Autos werden veredelt, werden individueller und unterscheiden sich von der breiten Masse, und dafür sind die Kunden gern bereit, mehr zu bezahlen.“
Das hat Luca de Meo verstanden. Deshalb hat der Fiat-Markenchef, der mittlerweile in die Führungsriege des Gesamtkonzerns aufgestiegen ist, Anfang des Jahres die Wiedergeburt des Namens Abarth beschlossen. Der Österreicher Karl Abarth, der seinen Namen später in Carlo änderte, hat bereits 1949 mit dem Tuning von Fiat angefangen. Obwohl die Marke im Fiat-Imperium längst eingeschläfert wurde, hat sie bei den Italienern noch immer einen guten Klang. „Selbst die Mehrzahl der Jugendlichen kann damit noch etwas anfangen“, sagt de Meo. Wer Abarth vergessen hat, bekommt jetzt Gelegenheit, seine Erinnerung aufzufrischen: Denn in diesen Tagen kommt in Italien und im nächsten Sommer auch bei uns als erstes von mindestens drei neuen Modellen ein zum Muskelprotz trainierter Grande Punto Abarth in die eigens umgebauten Schauräume, die von einer exklusiven Händlerschaft im Namen der neuen Marke betreut werden. Außerdem gibt es dort künftig wie in alten Zeiten auch wieder Tuning-Pakete.
Renault besinnt sich auf Alpine
Nach diesem Vorbild könnte auch bei Renault bald wieder ein Name auftauchen, der seit mehr als zehn Jahren von der Bildfläche verschwunden ist: Alpine. Als Rennstall und Sportwagenschmiede vom Rallyefahrer Jean Rédélé in Dieppe gegründet, hat das Unternehmen 1955 mit viel Technik aus dem Renault-Regal sein erstes Auto auf die Straße gebracht und mit leichten Flundern Geschichte geschrieben. Allerdings wurde die Firma 1973 von Renault übernommen, und peu à peu degradieren die Franzosen den wohlklingenden Namen zum schmückenden Beiwerk auf konventionellen Sportmodellen, bis er Mitte der 90er-Jahre vollends verschwindet.
Nun allerdings könnte er ein Comeback feiern: Zwar ist im Zuge der von Konzernchef Carlos Ghosn losgetretenen Produktoffensive mit 29 neuen Modellen bis zum Jahr 2009 das Laguna Coupé das einzige Auto, das Lust und Leidenschaft schüren soll. Doch für die Zeit danach arbeiten die Franzosen wieder an einem echten Sportwagen, bestätigte Vertriebs- und Marketingchef Patrick Blain kürzlich. „Dieses Auto soll zeigen, zu welchen Ingenieursleistungen Renault in der Lage ist“, sagte Blain und schloss dafür die Gründung einer neuen Marke kategorisch aus. Wahrscheinlicher sei stattdessen der Namenszusatz „Alpine“.
Das berühmteste Modell Rédélés, der in diesem Sommer gestorben ist, war die Alpine A110, die Sammler Hansjörg Rill aus dem Rhein-Main-Gebiet als puristischen Rennwagen beschreibt, der notdürftig für die Straßenzulassung umgebaut wurde. Er fährt seit nun schon 30 Jahren eine für den Wettkampf gerüstete A110, die er damals für 25.500 Mark gekauft hat. Nachdem er sie gerade frisch hat restaurieren lassen, ist sie „heute ein Mehrfaches wert“, schwärmt der Fan, bevor er durch den Überrollkäfig hinunter in die knappen Rennschalen klettert, den Hosenträgergurt schließt und seine Füße im engen Tunnel unter dem Lenkrad auf die winzigen Pedale sortiert. Danach erstickt der ins Heck gerückte Motor jedes weitere Wort. Zwar nur 1,6 Liter groß und 135 PS stark, macht der Vierzylinder in der ungedämmten Glasfaserkarosserie Radau, als würde er mit mindestens acht Töpfen kochen. Und weil der Wagen kaum mehr als 700 Kilo wiegt, hat er buchstäblich leichtes Spiel.
Zwar fährt Rill angesichts des tückischen Fahrverhaltens und der angespannten Ersatzteillage eher verhalten, doch viel mehr als sieben Sekunden braucht die Flunder nicht bis Tempo 100, und „Schluss dürfte erst nach 220, 230 km/h sein“, schätzt Rill. Immer allerdings muss er sich diese Strapazen nicht aufbürden. Im Alltag fährt er lieber Opel Omega. Und seit diesem Sommer steht in seiner Garage auch noch eine Alpine 310, deren Karriere 1971 begonnen hat. Auch sie ist leicht und schnell, steht aber bereits für den Wandel vom brachialen Renn- zum komfortableren Sportwagen, der mehr Platz und bequemere Sitze bietet – obwohl die potente S-Version in Rills Garage im Heck einen 150 PS starken V6-Motor, einen schmucken Spoiler und weit ausgestellte Kotflügel hat.
Die Franzosen sind nicht die Einzigen, die mit dem Geist von gestern liebäugeln. Auch BMW denkt angeblich über neuen Glanz für einen alten Namen nach. Englische Fachblätter zumindest berichteten, die Bayern wollten die Marke Triumph wiederbeleben, deren Namensrechte sie seit der Übernahme von Rover 1994 besitzen. Bereits 1885 von Deutschen in England als Fahrradfabrik gegründet, hat Triumph 1923 sein erstes Auto auf die Räder gestellt und in der Nachkriegszeit vor allem mit ebenso puristischen wie klassischen Roadstern wie dem Spitfire oder dem TR4 gepunktet. Dieser offene Zweisitzer dient nun angeblich auch als Vorbild für den Neuanfang, weil er die Lücke zwischen einem Mini Cabrio und dem Z4 schließen könnte, schreiben die Briten und zeigen interessante Retuschen eines kleinen Sportwagens, der vorn ein wenig an einen Chrysler Crossfire und hinten an eine Mischung aus Opel GT und Toyota MR2 erinnert.
Zwar ist der einzige Kommentar von BMW wie immer in solchen Fällen „kein Kommentar“, und hinter vorgehaltener Hand hört man aus dem Management, dass da bei den Briten wohl eher der Wunsch der Vater des Gedanken gewesen sei. Doch für Marktforscher Margetts sind solche Überlegungen durchaus sinnvoll: „Die Hersteller können mit wenig Aufwand vorhandene Technik clever verpacken und eine zusätzliche Umsatzquelle aufmachen“, sagt der Experte. „Natürlich funktioniert das nicht auf Anhieb bei allen alten Markennamen, insbesondere wenn sie heute in Zielmärkten unbekannt oder imageneutral sind“, sagt Margetts. „Doch wenn der Name den richtigen Klang hat und es den Kunden in den Ohren klingelt, klappt es.“
Genau aus diesem Grund hört Alpine-Fan Hansjörg Rill die Gerüchte um die mögliche Wiedergeburt der französischen Flundern mit einer gehörigen Skepsis, denn er hat Angst, es könne nur ein Marketingtrick werden: „Ein leichter, puristischer Sportwagen wäre schon eine feine Sache“, gerät er ins Schwärmen. Einfach nur den Namen an einen hoch motorisierten Kleinwagen zu schreiben wäre ihm dagegen zu wenig. „Nicht alles, was da in der Vergangenheit gelaufen ist, war wirklich gut.“





