Ein Gedankenspiel: Wie hätte Klaus Wowereit agiert, wäre er noch im Amt? Hätte er sich nach dem Morden vom Breitscheidplatz die Videoüberwachung gefährdeter Orte zerquatschen lassen? Hätte er die Affäre Holm mit ins neue Jahr genommen? Und: Hätte ein Fraktionschef Saleh gewagt, ebenso aufmerksamkeitsstark wie illoyal den Spandauer Seehofer zu machen und die giftigste Kritik aus den eigenen Reihen geliefert? Dreimal klares Nein.
Wie ehedem Bundeskanzler Schröder war auch Wowereit mit jenem raren Qualifikationsmix aus Instinkt, Kälte und Mut gesegnet, der oft monatelang nicht gebraucht wird, aber in entscheidenden Momenten vollautomatisch funktioniert. Solche Instinktpolitiker spüren sofort, dass ein Staatssekretär Holm nicht zu halten ist, weniger seiner Vergangenheit wegen als vielmehr aufgrund des unsouveränen Verhaltens. Wowereit wie Schröder hätten diesen Killerblick aufgesetzt, das Kreuz staatsmännisch durchgedrückt und klare Kante gezeigt. Denn: Jetzt wird’s ernst.
Führungskraft wirkt wie ein Zauberpulver, das alle anderen Machthungrigen auf dem politischen Pavianfelsen riechen und die ansonsten frechen Gesichter zwischen die Schultern ziehen. Alle wissen: Manche Elfer kann nur der Chef selbst schießen. Wer jetzt meckert, erledigt sich selbst. Selbst die erbittertsten Kritiker müssen Respekt zollen, sei es aus Angst, Bewunderung oder Erleichterung, dass jemand in der Krise Verantwortung übernimmt. Helmut Schmidt, Otto Schily, Schröder und eben Wowereit – manche Politiker haben dieses Alpha-Gen von Geburt an.
Michael Müller leider nicht. Berlins Regierender Bürgermeister ist ein netter Kerl, fleißig, integer, nicht so leicht korrumpierbar durch Statusklimbim. Er kennt und liebt seine Stadt. Müller ist der ideale Senator, für jedes Ressort. Aber für den Job an der Spitze braucht es eben dieses fast mystisch umwobene Führungstalent. Oder zumindest den Willen, sich notfalls mit routinierten Beratern diese Qualifikation anzueignen. Alles andere bleibt Scharping.
Es ist keine Schande, gerade am Anfang Fehler zu machen und Schwächen zu zeigen. Aber es ist ein Versäumnis, offenkundige Defizite nicht anzugehen. Müllers Führungsstil sorgte bereits in der vergangenen Legislaturperiode für Irritation, als die CDU-Senatoren Henkel und Czaja über Monate dafür sorgten, dass Berlin sich einmal mehr zum Gespött der Republik machte: Lageso, diese sechs Buchstaben waren plötzlich bundesweit bekannt. Ob es die McKinsey-Story war, die ungelenke Art, wie Müller den Parteivorsitz übernahm oder die vergurkte Olympia-Bewerbung – auch Wohlmeinenden wurde viel Geduld und Optimismus abverlangt, um im Agieren des Wowereit-Nachfolgers einen neuen Stil zu entdecken, jene spröde aber zielstrebige Sachlichkeit, wie sie etwa Angela Merkel verkörpert.
Die mageren 21,6 Prozent schubsten den ohnehin nicht selbstbewussten Müller endgültig in die allgemeine Verunsicherung. Ob er sich vorwiegend mit Vertrauten umgibt oder dünnhäutig, wütend, beleidigt agiert, ob er verpasst, Gegner wie Saleh elegant einzubinden oder in der Koalition den Grat zwischen Rücksicht und Handlungsschwäche verpasst – allenthalben ist Angst zu riechen, die Angst vor der eigenen Partei, vor aufmüpfigen Koalitionären, vor einer schnippischen Öffentlichkeit.
Wer aber angstvoll führt, der hält den Kompass oftmals falsch herum. Die Koordinaten stimmen nicht mehr, das Schiff schlingert, die Mannschaft verliert den Mut oder begehrt auf. Müller bleiben exakt zwei Optionen: Entweder jenseits von Angst und Schweigen alle Fehler und Schwächen selbstkritisch auf den Tisch und fortan besser machen. Oder sich von den geschätzten Mitstreitern zerfleischen lassen.


