Im Sommer ist der Hertha-Fan ein glücklicher Fußball-Anhänger. Die Erinnerungen an das wenig überzeugende Ende der vergangenen Saison verblassen mit jedem Tag etwas mehr.
Da die neue Spielzeit noch nicht begonnen hat, gibt es keine neuen Enttäuschungen. Stattdessen blühen die Hoffnungen. Dass von den vielen Jungspunden aus dem Hertha-Nachwuchs, die derzeit bei Trainer Pal Dardai vorspielen, einer dabei sein möge, der durchstartet wie Mario Götze oder Leroy Sane. Oder, dass die Berliner auf dem Transfermarkt das eine hässliche Stürmer-Entlein finden, das sich zum wundersamen Torjäger-Schwan entwickeln möge. Das ist die Theorie.
Tatsächlich ist der Hertha-Anhänger in diesem Sommer ratlos. Der blau-weiße Tross befindet sich in der dritten Trainingswoche. Die Zahl der Neuen: null. Auch in der Gerüchteküche wabert kein Name durchs Internet, der die Fantasie beflügelt, dass Hertha in diesem Jahr hoch hinaus will.
Unentschlossenheit bei Anhängern
Stattdessen registriert der Fan beklommen, was in der Branche los ist. Werder Bremen hat 26 Millionen Euro in der Kasse, eingenommen für die Spieler Jannik Westergaard und Anthony Ujah. Borussia Dortmund hat bereits 105 Millionen Euro eingenommen (für Mats Hummels, Ilkay Gündogan, Henrikh Mkhitaryan), nun hat Atletico Madrid für BVB-Torjäger Pierre-Emerick Aubameyang 60 Millionen Euro geboten.
Ganz zu schweigen von Manchester United. Neu-Trainer Jose Mourinho will den in die Jahre gekommen englischen Vorzeigeklub mit neuen Federn schmücken: Superstar Zlatan Ibrahimovic wurde Entscheidung mit einem Jahressalär von 15 Millionen Euro erleichtert. Da Juventus Turin die 90 Millionen-Offerte für Jung-Star Paul Pogba nicht sofort angenommen hat, hat ManU das Angebot erhöht auf 105 Millionen Euro.
Der Wahnsinn der XXL-TV-Gelder ist mitten in der Fußball-Branche angekommen. In England greift der neue milliardenschwere Fernsehvertrag in diesem Sommer. In der Bundesliga gilt der neue Kontrakt ab Juli 2017. Vor dem Hintergrund dieser Summen mutet es seltsam an, dass bei Hertha ein Spieler wie Valentin Stocker mit der Bürde eines „Königstransfers“ zu kämpfen hat – weil er für drei Millionen Euro verpflichtet worden war.
Unter den Anhängern von Hertha herrscht Unentschlossenheit. Die spiegelt sich auch im Blog Immerhertha wider. Dass der Verein als einziger Bundesligist keine Neuen hat, finden 49 Prozent der Nutzer „merkwürdig“, „ein bisschen“ bis „sehr beunruhigend“. 51 Prozent stimmten mit „Das wird noch“ und „In Preetz we trust“.
„Transfer-Meister der Bundesliga“
Manager Michael Preetz hat sich Kredit erarbeitet. Nicht zuletzt mit dem vergangenen Transfersommer, als Hertha nur vier Zugänge meldete, zwei davon wurden erst in der letzten Transferwoche geholt (Niklas Stark, Vedad Ibisevic). Die wichtige Erkenntis jedoch war: Alle vier Neuen halfen der Mannschaft sofort weiter. Der „Kicker“ kürte Preetz daraufhin zum „Transfer-Meister der Bundesliga“.
Angesichts des schmalen Geldbeutels von Hertha weiß man nicht, was man raten soll. Mit Blick auf die erwarteten TV-Millionen ab 2017 in die Vorhand gehen und jetzt schon investieren? Diese Art des Wirtschaftens steht bei Hertha auf dem Index nach den gemachten schlechten Erfahrung aus der Dieter-Hoeneß-Zeit. Was ist, falls Hertha jetzt teure Profis holt – und Ende der kommenden Saison absteigt? Borussia Mönchengladbach gilt als Rollenmodell für Hertha. In Gladbach hält sich Max Eberl an die Kaufmannsregel: Wir geben nur Geld aus, das wir haben.
Eine andere Option ist der Verkauf von guten Spielern, um Einnahmen zu erzielen. Sportlich macht es jedoch keinen Sinn, Tafelsilber wie John Brooks, Mitchell Weiser oder Vladimir Darida zu verkaufen.
Zurück bleibt ein verunsicherter Hertha-Fan. Die einzigen Gewissheiten sind: Der Kontostand ist übersichtlich. Hertha braucht Verstärkungen. Und die Transferliste ist noch 47 Tage geöffnet.




