50 von 51 Partien in Frankreich sind ­gespielt. Ich denke, dass die Europameisterschaft 2016 nicht in Erinnerung bleiben wird für viele spektakuläre ­Spiele. Auch taktisch werden mit diesem Turnier keine Neuerungen verbunden sein. Die EM 2016 ist geprägt von Spielkontrolle. Defensive Stabilität ist Trumpf. Es geht darum, das Risiko zu minimieren. ­Belgien ist mit seinem Hurra-Fußball im Viertelfinale gescheitert.

Die Kritik an der deutschen Taktik mit der Dreierkette gegen Italien kann ich nicht verstehen. Ob international oder in der Bundesliga – es ist üblich, dass Klubs unterschied­liche Systeme spielen. Klar, für TV-Experten wie Mehmet Scholl gehört Kritik mit zum Job. Aber Deutschland verfügt über einen Kader mit außer­ordentlichen Fähigkeiten. Es ist ein ­Zeichen von Qualität, verschiedene ­Systeme spielen zu können.

Wegen der deutschen Defensivstärke hat Italien in der Offensive so gut wie nicht stattgefunden. Die Entscheidung von Bundestrainer Joachim Löw für die Dreierkette war goldrichtig.

Mit dem neuen Turniermodus ­habe ich mich nach wie vor nicht ­­an­gefreundet. Portugal, Gruppen-Dritter der Vorrunde, steht nun im Finale. Der Modus gibt es her, dass man mit nur einem Sieg in der regulären Spielzeit Europameister werden kann. Auch wenn das 2:0 im Halbfinale gegen Wales die beste Turnierleistung von Portugal war und Cristiano Ronaldo ein schönes Tor geköpft hat: Im Endspiel ist ­Portugal Außenseiter.

Wer gegen Topnationen bestehen will, braucht herausragenden Teamspirit

Ein Wort zu Mannschaften wie ­Wales oder Island: Beide waren in Frankreich zum ersten Mal bei einer Europameisterschaft am Start. Wenn man gegen die Topnationen bestehen will, braucht es einen herausragenden Teamspirit und die Fähigkeit, als Mannschaft permanent am oberen Rand der eigenen Möglichkeiten zu arbeiten. Vor dem gegnerischen Tor braucht es eine hohe Effektivität, um Tore zu erzielen. Auch Italien, das im Moment nicht die großen Stars hat, hat mit Erfolg auf die Karte Mannschaft gesetzt.

Auch bei Hertha konnten wir uns deshalb letzte Saison so lange im oberen Tabellendrittel der Bundesliga halten, weil wir als Mannschaft einen herausragenden Job ­gemacht haben. Das wird auch die Messlatte für die neue Spielzeit 2016/2017 sein.

Neue Stars habe ich bei der EM nicht entdeckt. Es gibt herausragende Spieler, die ihre Qualität unterstrichen haben wie Paul Pogba oder Antoine Griezmann. Renato Sanches hat mit einer erstaunlichen Präsenz trotz seiner erst 18 Jahre bewiesen, warum Bayern München ihn verpflichtet hat.

Der klassische Neuner ist wieder gefragt

Was mich als ehemaligen Mittelstürmer freut: Wir ­haben die Rückkehr des Mittelstürmers gesehen. Vor zwei Jahren, bei der WM in Brasilien, war nur die Rede vom „falschen Neuner“, der Stoßstürmer galt als Auslaufmodell. Doch siehe da: Ob ­Frankreich mit Olivier ­Giroud oder ­Deutschland mit Mario ­Gomez oder ­Italien mit Graziano Pellè: Der Zeitgeist hat sich gedreht, der ­klassische Neuner ist wieder gefragt.

Schade fand ich, dass Spanien so früh ausgeschieden ist. Die hätte ich gern noch etwas länger im Turnier ­gesehen. Die Konstellation, so früh auf Italien zu treffen, war dem Turnierbaum geschuldet. Mit dem Aus im ­Achtelfinale ist die Ära der erfolgreichsten Mannschaft der Welt der vergangenen acht Jahre zu Ende gegangen.

Insgesamt fehlen bei der Europameisterschaft in Frankreich die Heiterkeit und Ausgelassenheit, wie wir sie bei der WM 2006 im ganzen Land erlebt ­haben. Das war allerdings nicht zu ­erwarten. Schaut man auf die Ereignisse der vergangenen Monate und darauf, wie sich die Sicherheitslage geändert hat: Wir leben mittlerweile, leider, in anderen Zeiten. Insofern: Wenn wir am Sonntag nach dem Endspiel in St. Denis auf dieses Turnier zurückschauen und ausschließlich über Fußball reden, wäre das eine gute Botschaft.