Kommentar

Kosslick kann noch Berlinale

Dem Berlinale-Chef gelingt der Spagat zwischen Kommerz und Botschaft, Glamour und politisch ambitioniertem Kino, meint Peter Zander.

Berlinale-Chef Dieter Kosslick

Berlinale-Chef Dieter Kosslick

Foto: Jens Kalaene / dpa

Eigentlich wäre das seine letzte Berlinale gewesen. Und es wäre ein guter Abschluss gewesen. Aber Dieter Kosslick hat vor anderthalb Jahren seinen Vertrag als Berlinale-Chef noch mal bis 2019 verlängert. Er hat damals einige Häme einstecken müssen über Festivalchefs, die nicht aufhören können. Die Bilanz der 66. Berliner Filmfestspiele, die heute mit dem Publikumstag zu Ende gehen, spricht aber einmal mehr für Kosslick. Er hat Stars en masse auffahren lassen, es begann mit Meryl Streep und George Clooney am ersten Tag, und von da an hat er täglich mindestens einen veritablen Star auf einem der roten Teppiche begrüßen können. Daneben hat er aber viele Filme programmiert, die Finger in akute Wunden legen, allen voran die Dokumentation „Fuocoammare“ über die Flüchtlingsinsel Lampedusa.

Damit ist dem Berlinale-Chef einmal mehr der Spagat gelungen zwischen Kommerz und Botschaft, zwischen Glamour und politisch ambitioniertem Kino. Dass er das Festival unter das Motto „Ein Recht auf Glück“ gestellt hat, mag allzu hoch gegriffen sein. Aber es zeigt, wie ernst es ihm mit diesem politischen Anspruch ist, der die Berlinale über all die anderen Festivals hebt.

Dann ist es auch eine Kunst dieses Festivals, auf die Krisen der Welt zu verweisen, ohne direkt von ihnen betroffen zu sein. Nach den Anschlägen auf Paris war zu befürchten, dass es zu großen Sicherheitsvorkehrungen kommen würde. Aber was sich auch hinter den Kulissen abgespielt hat, auf dem Festival war nichts davon zu spüren. Und schließlich ist den Programmgestaltern eine Filmauswahl geglückt, die sich wirklich sehen lassen konnte. So viele gute Filme hat es schon lange nicht mehr gegeben.

Kosslick kann also noch Berlinale. Er wird vielleicht sogar immer besser, spielt sich zum Ende richtig frei. Es ist ja schon lange kein Fachmeeting für Spezialisten mehr, was er da leitet. Kurz vor Schluss waren bereits rund 300.000 Tickets verkauft. Die Berlinale ist ein brummender Publikumsevent.

Man muss sich nur langsam Gedanken machen, was wohl nach der Kosslick-Ära kommt. Der Mann wird noch drei Festivals ausrichten, aber die Frage stellt sich schon jetzt: Wer wird diesen Tanker in Zukunft lenken, wer soll dieses Riesenmonstrum, das sich wie eine Krake über die ganze Stadt bis in die Kieze ausgebreitet hat, übernehmen? Wird das ohne radikale Einschnitte überhaupt möglich sein? Gerade erst hat die Stage Entertainment ihr Musical Theater am Potsdamer Platz aufgegeben. Der Mietvertrag ist zwar kurz zuvor noch verlängert worden, und die Berlinale wird dort erst mal weiterhin ihren Berlinale Palast bespielen können. Aber auch die immer mal wieder, auch von Kosslick ins Spiel gebrachte Standortfrage wird dann einmal mehr diskutiert werden. Es sind noch drei Jahre hin, aber die sind im Zweifel sehr schnell um.