Berlinale

Berlinale: Goldener Bär für Flüchtlings-Doku „Fuocoammare“

Es war der Film zur Stunde, der Favorit des Festivals. Der Goldene Bär geht an „Fuocoammare“. Ein politisches Signal für Clausnitz.

Regisseur Gianfranco Rosi miot Jury-Präsidentin Meryl Streep nach der Verleihung des Goldenen Bären bei der Berlinale

Regisseur Gianfranco Rosi miot Jury-Präsidentin Meryl Streep nach der Verleihung des Goldenen Bären bei der Berlinale

Foto: Reuters

Selten sind die Vorgaben eines Jurypräsidenten auf der Berlinale so klar in Erfüllung gegangen wie in diesem Jahr. Als Schauspielerin brauche sie ein mitfühlendes Herz, hat Meryl Streep gleich zu Beginn des Festivals gesagt, und das wolle sie auch hier einbringen. „Ich will in den Filmen die uns allen gemeinsame Menschlichkeit finden“, war ihr Motto. An „Fuocoammare“ von Gianfranco Rosi, der Dokumentation über die Insel Lampedusa, die zum Inbegriff der Flüchtlingskrise geworden ist, konnte die Jury damit gar nicht vorbei kommen, weil er genau diese Menschlichkeit dokumentiert – und beim Zuschauer anregt.

Der Film hätte wohl schon einen Preis bekommen allein wegen des Themas. Aber dann ist es auch noch ein so gutes, so herausragendes Werk geworden, dass es am Ende den Goldenen Bären gewonnen hat.

Es ist das erste Mal in der Geschichte der Berlinale, dass ein Dokumentarfilm den Hauptpreis erntet. In Cannes hat es das erstmals 2002 mit Michael Moores „Bowling for Colombine“ gegeben, in Venedig vor drei Jahren mit „Das andere Rom“. Regie führte auch hier: Gianfranco Rosi, der nun gleich als Dokuheld der Festivals gelten darf. Dokumentationen sind damit auf dem Vormarsch – und stehen nicht länger im Wahrnehmungschatten der Spielfilme.

Wenn ein Film die von Meryl Streep propagierte Menschlichkeit gezeigt hat im Wettbewerb der 66. Berlinale, dann dieser. „Fuocoammare“ sind eigentlich zwei Dokumentationen in einer. Rosi, der dafür anderthalb Jahre auf Lampedusa gelebt hat, zeigt den Alltag der Bewohner, für die die Insel Heimat ist, aber auch die Flüchtlinge, die ihre Heimat verloren haben. Das Unfassliche ist die Gleichzeitigkeit von Alltag und Ausnahmezustand – wovon letzterer, das ist die traurige Realität, längst selbst Alltag geworden ist. Rosi widmete den Preis auch all jenen Flüchtlingen, die sich auf den Weg gemacht haben, aber nicht in Lampedusa angekommen sind.

Die Jury konnte nicht wissen, wie brandaktuell ihr Votum werden sollte. Aber im Nachhinein ist dieser Goldene Bär, sind auch die drei unabhängigen Preise, die dieser Film obendrein gewonnen hat, auch ein Signal, quasi ein Kommentar auf das harte Vorgehen gegen die Flüchtlinge im sächsischen Clausnitz, das nicht nur den Festivalleiter am Sonnabend geschockt hat. Man müsste all jenen, die Flüchtlinge nicht aufnehmen wollen, die die Grenzen dicht machen wollen, verordnen, einmal diesen Film zu sehen. In denen Flüchtlinge aus Afrika ihre ganze Verzweiflung heraussingen.

Selten war ein Filmpreis so gold-richtig

Und die Kamera mit an Bord eines Schlepperbootes geht, in deren Unterdeck sie dann eine grausame Anzahl von Toten findet. Wer all das riskiert hat, um fortzukommen, wo keine Hoffnung mehr ist, den kann man so doch nicht empfangen. Es waren deshalb sehr aufwühlende Momente, als Rosi seine Trophäe entgegennahm. Selten war ein Filmpreis so verdient, so aktuell, so gold-richtig.

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Meryl Streep hatte zu Beginn betont, was man ohnehin wusste, dass sie sich seit langem für die Gleichberechtigung von Frauen einsetze. Es konnte denn auch nicht verwundern, dass der Regie-Preis in diesem Jahr an eine Frau geht. Dass es viel zu wenige Regisseurinnen gibt in der Branche, wird ja seit langem bemängelt. Es gab nicht wenige, die deshalb auf die Erfurterin Anne Zohra Berrached getippt hatten, die gleich mit ihrem Abschlussfilm „24 Wochen“ das große Reizthema Spätabtreibung angegangen und bewundernswert umgesetzt hat. Am Ende aber ging dieser Preis an die zweite Regisseurin im Wettbewerb, Mia Hansen-Løve für ihr Frauenporträt „L’Avenir“ mit Isabelle Huppert.

Ansonsten ist den Preisentscheidungen klar anzumerken, wie sehr die Jury versucht hat, diesen Wettbewerb in all seiner Divergenz, in all seinen Extremen abzubilden. Da war dieser Achtstünder, der so aus jedem Rahmen fiel, dass man auch um ihn nicht herumkam – und ihm den Preis gab, den es dafür gibt auf diesem Festival, den Alfred Bauer Preis für Filme, die neue Perspektiven eröffnen.

Der zweitwichtigste Preis, der Große Preis der Jury, ging an den bosnischen Beitrag „Smrt u Sarajevu“, der die ganze Zerrissenheit von Ex-Jugoslawien pars pro toto in ein Hotel steckt, das auch noch Hotel Europa heißt. Was für ein Präsent für Regisseur Danis Danis Tanović, der am Sonnabend Geburtstag feierte! Gleich zwei Preise, für den besten Schauspieler und das beste Debüt, gingen an „Inhebbek Hedi“, ein Film, der die Zerrissenheit von Tunesien zwischen Tradition und Moderne nach dem Arabischen Frühling zeigt.

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Als beste Schauspielerin gewann die Dänin Trine Dyrholm, die erst vor zwei Jahren selbst in der Jury saß – und die letzte deutsche Hoffnung, Julia Jentsch in „24 Wochen“, verpuffen ließ. Aber auch der US-Film ist ja wieder einmal, trotz der Präsidentin, leer ausgegangen.

Das Menschliche haben Meryl Streep und ihre Mitjuroren in diesem anderen Hotel Europa, das Berlinale heißt, gesucht. Das Menschliche, sie haben es gefunden. Und ihr fühlendes Herz unter Beweis gestellt. So geht die 66. Berlinale, die eine sehr gute, sehr starke Berlinale war, auch einmal mit einer Bären-Vergabe zu Ende, die nicht wie so oft mit esoterischen Entscheidungen enttäuschte, sondern auch die Herzen von Publikum und Kritik traf.