In der Anonymität der Großstadt wird das Schicksal des Einzelnen oft vom Alltag überrollt. Das ist gerade für jene unerträglich, die sich nicht wehren können und nicht wissen, wer Zuflucht und Hilfe bietet, wenn ihnen ein gewalttätiger Mensch zu Hause das Leben zur Hölle macht. In Hamburg liegt der 13 Monate alte Tayler im Sterben. Obwohl eine Betreuerin bei ihm zuvor Verletzungen festgestellt hatte, brachte ihn niemand rechtzeitig in Sicherheit.
Um künftig wirksamer auf Missbrauch und Vernachlässigung von Jungen und Mädchen zu reagieren, werden ab Januar 2016 an fünf Berliner Kliniken sogenannte Kinderschutzambulanzen entstehen. Wer in Berlin mit Kindern arbeitet, erreicht dort Ärzte, die im Verdachtsfall junge Gewaltopfer untersuchen – bis hin zu einer Beweissicherung, die vor Gericht Bestand hat. Eine Stadt, die sich für ihre Familienfreundlichkeit rühmt, beweist damit Verantwortung.
An Kinder werden heutzutage höchste Ansprüche gestellt. Moderne Helikopter-Eltern, die immer um ihre Zöglinge herumschwirren wollen, planen deren Leben schon im Grundschulalter so, dass sie schnellstens ihre Positionen als leistungsfähige Mitglieder der Gesellschaft einnehmen können. Dabei wird übersehen, dass Kinder trotz selbstbewussten Auftretens und allerlei Wissens über Lehrstoff, Mode und Prominenz wenig Ahnung haben vom Leben. Ohne aufmerksame Erwachsene, die verborgene Signale erkennen, sind Kinder verloren.
In Berlin wurde im vergangenen Jahr bei 2369 Minderjährigen eine erhebliche Schädigung ihres körperlichen, geistigen oder seelischen Wohls festgestellt oder prognostiziert. Experten sprechen von einer „akuten Gefährdung“. Die Zahl nicht eindeutiger Fälle aber ist weit größer. Sie sollen nun in Kinderschutzambulanzen aufgeklärt werden.
Sich einzumischen ist Pflicht. Das gilt für Bürger wie Behörden. Deshalb ist es gut, dass das Land Berlin jetzt Zentren zum Schutz der Jüngsten schafft. Angesichts des dabei bewiesenen Zusammenspiels mehrerer Senatsverwaltungen möchte man hoffen, dass die Stadt künftig auch andere humanitäre Großaufgaben in den Griff bekommt. Etwa die Versorgung der Flüchtlinge.



