Künstler sind merkwürdige Wesen. Sie säbeln sich ein Ohr ab. Sie schlitzen sich die Stirn auf. Sie nennen ihren Hund „Hitler“. Manche trinken zu viel, bedröhnen sich sonstwie und sterben früh. Sie provozieren, mal nach rechts, mal nach links. Weltweit gerühmten Bands wie „Kraftwerk“ oder „Rammstein“ wurde Nazi-Nähe vorgeworfen. Kunst ist oft eine Zumutung für das, was wir guten Geschmack nennen. Kalifate sperren Künstler ein, bringen sie um oder verweisen sie des Landes, früher Wolf Biermann, heute Ai Weiwei.
Xavier Naidoo ist ein begnadeter Musiker und, ja, manchmal eine Zumutung. Er redet bisweilen wirr, seine Sprache ist eben die Musik. Er hat den Soundtrack für das Sommermärchen 2006 geliefert. Ist er ein Staatsfeind? Nein. Sonst hätte er all die Jahre nicht in den Castingshows im deutschen Fernsehen auftreten dürfen.
„Ich rauche ziemlich viel Marihuana“, hat der emotional hochtourige Barde mal gestanden. Das kann zu „ideenflüchtigem Denken, Kritikschwäche, Merk- und Konzentrationsstörungen“ führen, wie Suchtforscher wissen. Das mag manche Aussage erklären. Künstler balancieren immer am Rande der Klippe und nicht in der bürgerlichen Komfortzone.
Naidoo ist ein typischer Fall von einseitiger Hochbegabung, die mit einer Ödnis in anderen Bereichen einher gehen kann. Kicker-Kaiser sollten auch nicht über Menschenrechte in Scharia-Staaten reden. Verbieten wir aber all unseren einseitig Hochbegabten den Auftritt, bleiben Deutschlands Bühnen, Museen und Bücherregale ziemlich leer.
Der ESC war immer ein Klassentreffen der Seltsamen, ein Test für Europas Scham- und Schmerzgrenzen: Wer hält wo wie viel aus? Und siehe da: Der starke Putin ist schon bei Österreichs Conchita überfordert. Repräsentiert die nette Transe Wurst ein Ende des Regenbogens, steht Naidoo an einem anderen. Nein, er entspricht keinesfalls dem netten Schweini-Helene-Hape-Mainstream. Aber er gehört zu diesem Land, das wir so gern als bunt bezeichnen. Insofern war die Nominierung Naidoos ein mutiges Experiment.
Vor einer Woche erst haben sich die Menschen Europas geschworen, ihre Werte zu verteidigen. Toleranz gehört dazu. Toleranz fängt da an, wo’s weh tut. Naidoos Nominierung war ein Toleranztest. Die Rückrufaktion der ARD hingegen ist ein Akt der Feigheit.




