Kommentar

Die Berliner SPD wird bürgerlich - und die CDU sieht zu

Die SPD in Berlin macht sich in der Mitte breit und die CDU hat dem zurzeit nichts Entscheidendes entgegenzusetzen, sagt Jens Anker.

Bezahlbare Wohnungen, mehr Polizei auf der Straße, keine Sonntagsöffnung für Spätis und keine Freigabe von Cannabis: Das Ergebnis der Mitgliederbefragung der Berliner Sozialdemokraten zeigt, dass die Partei bürgerlicher ist, als Viele gemeinhin so gedacht hätten. Auch die strikte Trennung von Staat und Religion weist auf ein verblüffend ideologiefreies Meinungsbild unter den Berliner Genossen hin. Politisch aufgeladene Debatten, wie die derzeitige Diskussion um die Freigabe von Cannabis, interessieren den Normalo-Sozialdemokraten augenscheinlich nicht besonders, wie das Umfrageergebnis zeigt. Es steht im Interesse der Genossen weit hinten auf Platz 8. Wenn nun Landeschef Jan Stöß vor allem beim Thema Innere Sicherheit Handlungsbedarf bei der SPD sieht, ist das durchaus als Kampfansage an die CDU zu verstehen. Sie droht, den Begriff der Bürgerlichkeit an die Sozis zu verlieren.

Mit Michael Müller haben die Berliner Sozialdemokraten bereits einen Regierenden Bürgermeister, für den der Begriff der Bürgerlichkeit hätte erfunden werden müssen, wenn er nicht schon existierte. Müller, der fast unscheinbare Tempelhofer, hat es geschafft, den langen Schatten seines Vorgängers Klaus Wowereit hinter sich zu lassen. War Wowereit derjenige, der im allgemeinen Berlin-Bashing durch seine Volksnähe, Schlagfertigkeit und seine Ausflüge in die schillernde Promiwelt, Farbe in die Hauptstadt zurückbrachte, steht Müller für das Berlingefühl des kleinen Mannes - und die Mehrheit der Berliner Genossen. Insofern ist er der perfekte Spitzenkandidat für seine Partei. Es wird seinem CDU-Widersacher Frank Henkel schwer fallen, Müller ernsthaft bei Fragen der Berliner Befindlichkeit in Bedrängnis zu bringen. Zumal der CDU mit den neuen politischen Kräften AfD und Alpha Druck von rechts droht.

Die Sozialdemokraten in Berlin machen sich in der Mitte breit und die CDU hat dem zur Zeit nichts Entscheidendes entgegenzusetzen. Der Kampf um die Mitte in Berlin hat zehn Monate vor der Wahl begonnen.