Leitartikel

Die Rente auch für künftige Generationen retten

Gute Nachrichten täuschen über die wahre Verfassung der Alterssicherung in Deutscmhland, sagt Philipp Neumann.

Selten haben Rentner so gute Nachrichten gehört: Im nächsten Jahr gibt es nicht nur überhaupt mehr Geld, es gibt sogar die „größte Rentenerhöhung seit der Jahrhundertwende“. Das hat die Deutsche Rentenversicherung am Mittwoch angekündigt. Was für ein Superlativ. Nach dem absurden schwarz-roten Wahlgeschenk mit der Rente mit 63 und der Mütterrente gibt es jetzt noch einmal ganz regulär etwas oben drauf.

Um bis zu fünf Prozent sollen die Altersbezüge steigen, das ist deutlich mehr als Arbeitnehmer derzeit bei Tarifverhandlungen herausholen können. Dort sind gerade weniger als vier Prozent drin. Wenn überhaupt. Aber auch die Berufstätigen können sich freuen: Der Beitragssatz zur Rentenversicherung bleibt bei niedrigen 18,7 Prozent. Auch das ist eine Größenordnung, die vor 20 Jahren das letzte Mal erreicht wurde. Wer wollte angesichts dieser Lage davon sprechen, die Rente sei nicht sicher?

Ja, es sind rosige Zeiten, zumindest für heutige Rentner. Die wirtschaftliche Lage ist gut, die Arbeitslosigkeit niedrig, die Löhne steigen. Die Rentenversicherung hat sogar mehr Geld eingenommen als erwartet. Natürlich sollen die Rentner davon profitieren. Das ist Teil des Generationenvertrags. Und doch: Das dicke Ende kommt erst noch. Wer jetzt arbeitet, zahlt in den nächsten Jahren nicht nur höhere Beiträge, er bekommt später auch eine im Vergleich zu heute noch einmal deutlich abgesenkte Rente.

Und das alles in einer Situation, in der die private Altersvorsorge wegen der anhaltenden Nullzinsen unattraktiv ist. Der großen Koalition ist das alles bewusst. Sie unternimmt nichts, um trotzdem das unterentwickelte Bewusstsein der Deutschen für zusätzliche Altersvorsorge zu schärfen.

Schlimmer noch: Mit dem Rentenpaket, das 2014 in Kraft trat, haben Union und SPD erheblichen Schaden angerichtet. Es ist ungerecht, weil die Rente mit 63 nur ausgewählte Jahrgänge bevorzugt. Es ist teuer, weil diese Jahrgänge fluchtartig ihre Arbeitsplätze verlassen und viele Betriebe ohne wertvolle Fachkräfte dastehen. Es ist auch teuer, weil die milliardenschwere Mütterrente aus der Rentenkasse und nicht aus Steuergeld bezahlt wird. Wenn die Reserven aufgebraucht sind, wird der Beitragssatz einen deutlichen Sprung nach oben machen. Das Rentenniveau wird schneller sinken. Man muss angesichts dieser Perspektive nicht gleich den Generationenkrieg ausrufen. Aber Tatsache ist, dass die große Koalition mit ihrer willkürlichen Rentenpolitik einen Keil zwischen die Generationen treibt.

Das ist umso bitterer, weil sich gerade das gute, alte umlagefinanzierte Rentensystem, bei dem Junge für Alte einstehen und ihre Rente zahlen, in der Finanzkrise als besonders stabil erwiesen hat. Private Altersvorsorge jedenfalls ist – so wichtig sie als Ergänzung bleiben wird – zuletzt immer unattraktiver geworden. Gerade ist die Koalition dabei, den einheitlichen Garantiezins in der Lebensversicherung abzuschaffen.

Leider schaffen Union und SPD es nicht, das Umlagesystem zu stabilisieren und zusätzliche Anreize zum längeren Arbeiten oder zum gleitenden Übergang in die Rente auf den Weg zu bringen. Vorschläge dazu gibt es, nur stecken sie seit fast einem Jahr im großkoalitionären Unterholz fest. Auch die so wichtige Reform der Betriebsrente kommt nur in Trippelschritten voran. Gerade hier gäbe es noch Potenzial, die gesetzliche Rente zu stützen.

Rettung könnte nun von den Flüchtlingen kommen, die ins Land strömen. Dabei handelt es sich überwiegend um junge Männer, die den Ehrgeiz haben, sich hier eine Existenz aufzubauen. Das wird einige Zeit dauern, und es wird Geld kosten, sie in den Arbeitsmarkt und in die Gesellschaft zu integrieren. Nicht bei allen wird das gelingen. Der damit verbundene Aufwand ist aber als Investition zu sehen. Am Ende könnten sie zu langjährigen Beitragszahlern für die Rentenkasse werden. Kommende Generationen werden ihnen noch dafür dankbar sein.