Leitartikel

Ein präsidialer Glücksfall

Eigentlich war er nur die zweite Wahl - Doch auch in Amerika glänzt Joachim Gauck mit einem glänzenden Auftritt.

Er ist zweite Wahl. Joachim Gauck entwickelt sich aber mehr und mehr zu einem Glücksfall für das Land. Seine Rede zum 25. Jahrestag der deutschen Einheit und sein Auftreten während des Besuchs in Amerika, wo er als erster Bundespräsident nach 18 Jahren auch vom US-Präsidenten empfangen wurde, sollten auch letzte Zweifler zum Schweigen bringen. Wenn nach unserem Grundgesetz in der Rede die eigentliche Macht des Staatsoberhauptes zu suchen ist, übt Gauck diese selbstbewusst, unabhängig und bisweilen auch mutig, ja professionell aus. Meist in einer Tonlage, die seine pastorale Vergangenheit nicht leugnen kann. All das zusammen hat den unschätzbaren Vorteil, dass die Menschen auch noch verstehen, was Gauck sagt.

Kaum noch nachzuvollziehen, dass Joachim Gauck, der Christ und politisch Konservative, selbst bei der zweiten Kandidatur nicht der aus Überzeugung getragene Kandidat der beiden christlich-konservativen Parteien CDU und CSU und damit von Angela Merkel war. 2010, als Gauck als Kandidat von SPD und Grünen gegen Christian Wulff verlor, obsiegte in der Union die Parteitaktik. Nach dessen von Peinlichkeiten begleitetem vorzeitigem Rücktritt votierten CDU und CSU 2012 notgedrungen für Gauck, nachdem dieser überfallartig von Rot- Grün, diesmal sogar zusammen mit Merkels Koalitionspartner FDP, nominiert worden war. Die Union sollte dafür noch heute dankbar sein.

Gauck hat etwas vom Martin Luther angedichteten „Hier stehe ich und kann nicht anders!“. Klare Worte sind zu seinem Markenzeichen geworden, political correctness und der wabernde Zeitgeist sind seine Sache nicht. Vom auch in seiner evangelischen Kirche verbreiteten Gutmenschentum hält er wenig. Mehr davon, was die Bürger über Parteigrenzen hinweg bewegt und antreibt, verbunden mit einer eigenen, ganz persönlichen Botschaft.

So hat er in seiner Rede am 3. Oktober einerseits den Nörglern den Wind aus dem Segeln genommen, als er angesichts der wiedererlangten Einheit den Deutschen mehr Zuversicht und Selbstbewusstsein, ja auch Stolz anempfahl. Gipfelnd in dem Satz: „Die friedliche Revolution zeigt: Wir Deutschen können Freiheit.“ Andererseits nahm er die Befürchtungen und Sorgen vieler Bürger auf, als er die vermeintliche, in weiten Teilen der Welt zumindest so verstandene Botschaft der Kanzlerin, Deutschland habe die Tore für Flüchtlinge weit geöffnet, mit feinem Gespür für die Stimmung im Lande relativierte, ohne Angela Merkel etwa zu desavouieren: „Unser Herz ist weit. Aber unsere Möglichkeiten sind endlich.“ Eine präsidiale Punktlandung.

Mutig und selbstbewusst wie kaum ein Präsident vor ihm ist er jetzt auch in Amerika aufgetreten. Das Preisen der Freundschaft zwischen beiden Völkern und das Bedauern über den verbreiteten antiamerikanischen Zeitgeist verband er mit der Mahnung an Washington, mehr zu tun, um im Zusammenhang mit der NSA-Affäre verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen. Und dann ein präsidialer Hieb, der seinesgleich sucht: Die USA seien lange im Nahen Osten aktiv, mitverantwortlich für die Kriegs- und Krisenlage und damit auch für die Fluchtbewegung Richtung Europa. „Da beißt die Maus keinen Faden ab“, wird Gauck fast wieder lutherisch zitiert. Mit der zumindest indirekten Aufforderung, Washington solle sich deshalb an der Lösung der Flüchtlingsproblematik beteiligen. Eine eindeutige Botschaft an die Verantwortlichen in Washington, gründend auch auf der Stimmungslage in Deutschland. Unter verlässlichen Freunden muss das ausgehalten werden.

Doch Gauck spricht auch für die Deutschen Unbequemes aus. Etwa bei der Münchner Sicherheitskonferenz 2014. Da mahnte er zur Freude der Amerikaner mehr weltpolitische Verantwortung Deutschlands an.

Joachim Gauck mag ein bisschen zu eitel sein, sein Privatleben nicht nach jedermanns Geschmack. Als Bundespräsident bleibt er ein Glücksfall.