Man kann Adam Riese nicht schlagen, das nicht. Aber zur Persona non grata erklären, offensichtlich. Irgendwann werden wir addieren und nachvollziehen können, wie viele Menschen im Sommer 2015 nach Deutschland geflüchtet sind. Aber der vorherrschende Eindruck ist, dass die Behörden es gerade nicht so genau wissen (können? wollen?) und Politiker mit gefühlten Größen hantieren, je nach Interesse.
Für den Innenminister beträgt die Orientierungsgröße immer noch 800.000 Flüchtlinge in diesem Jahr. Eine Zahl, die nicht überholt ist, aber auch nicht zu halten sein wird, falls die Entwicklung vom September anhält. Der Wirtschaftsminister bietet mehr, viel mehr, eine Million. Mit Zahlen wird Politik gemacht. Und Auflage, auch das. Via „Bild“ wurde gestern die Zahl von 1,5 Millionen kolportiert, die niemand bestätigen, aber auch keiner dementieren will, und insgeheim auf Bayern zurückgeführt wird, weil dort der Leidensdruck am dramatischsten ist.
So geht das seit Langem. Jede Woche machen neue Zahlen die Runde, mal belegt, mal zumindest nicht dementiert, offizielle wie inoffizielle, von den Ländern wie vom Bund, Fakten, aber genauso Schätzgroßen, Dunkelziffern, Prognosen. Nur eines ist gesichert und wirklich komplett, nämlich die Verwirrung.
Das ist nicht nur der allgemeine Eindruck. Mangelnde Transparenz bei den Flüchtlingszahlen hat schon Frank-Jürgen Weise, der neue Leiter des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge beklagt, wenn man so will: seine Eröffnungsbilanz. Unbedingte Transparenz aber ist eine Voraussetzung für Vertrauen. Hat der Wirrwarr System, ist er also gewollt, fühlen sich die Bürger nicht ernst genommen, weil man ihnen die Wahrheit nur gestückelt, zeitlich versetzt vorlegt, dosiert, im Ergebnis: manipulativ. Ist der Wirrwarr dagegen ehrlich und unfreiwillig, erlaubt er Rückschlüsse auf die Politik, die auch nicht gerade schmeichelhaft sind. Dann heißt es hinterher über Politik und Verwaltung: Es läuft ihnen alles aus dem Ruder. Sie wissen es nicht.
Zahlen sind wichtig. Sie sind eine Basis. Wie sollen die Kommunen sich sonst auf den Ansturm vorbereiten, wie die Finanzminister und Kämmerer Vorsorge treffen? Die Dynamik der Flüchtlingsbewegung ist gewaltig, viele Erfahrungswerte zählen nicht. Zum Beispiel sinkt gewöhnlich die Zahl der Flüchtlinge im Winter, was mit dem Wetter und den Seebedingungen im Mittelmeer zu tun hat – eine Frage der Risikominimierung. Dieses Jahr aber muss sich die Lage nicht entspannen, weil alternativ mehr Menschen die Landroute über die Türkei nehmen. Dass viele ihre Familien nachholen werden, davon kann man ausgehen. Aber welchen Faktor legt man zur Berechnung zugrunde? Mal zwei, vier, acht? Wenn die Preise der Schleuser sinken, werden umso mehr Menschen sie in Anspruch nehmen. Aber wie viele? Niemand kann auch sagen, ob, wann und wie schnell sich die Gesetzesverschärfungen oder die Vereinbarungen innerhalb der EU auswirken werden. Es fehlt eine Politik aus einem Guss. Mit jedem Luftangriff in Syrien verschärft sich auch die Situation der Flüchtlinge. Aber wer denkt beides zusammen, die Außen- und Sicherheitsfrage mit der Flüchtlingspolitik?
Zwei Punkte sind entscheidend. Zunächst müssen sich Länder und der Bund auf ein Verfahren und ein Zahlenwerk einigen; die Indiskretionen der letzten Tage lassen daran Zweifel aufkommen. Bund und Länder müssen belegen können, was sie einkalkulieren, und umgekehrt offenlegen, wo ihnen die Planungsgrößen fehlen. Vor allem brauchen sie eine Kommunikationsstrategie. Die ändert übrigens nichts daran, dass die Zahlen nicht zurückgehen, die Fehlerquoten groß sind, weil Flüchtlinge schon mal doppelt und dreifach gezählt werden. Die Behörden konzentrieren sich darauf, so viele Aufnahmekapazitäten wie nur möglich zu schaffen, ganz gleich, wie viele Menschen kommen oder prognostiziert werden.
Auf die Zahlen ist kein Verlass.



