Wer neu nach Deutschland kommt, egal aus welchem Teil der Welt, der lernt schnell eine deutsche Vorliebe kennen: den Hang zum Dokument. Egal ob in der Behörde, beim neuen Vermieter oder beim potenziellen Arbeitgeber. Bei uns braucht man ständig beglaubigte Nachweise über Leben und Werdegang.
Man muss sich das klarmachen, um zu verstehen, wie wichtig es ist, was 124 Neuberliner am Montag verliehen bekommen. In einer Feierstunde mit Vertretern der Kultusministerkonferenz wird Jugendlichen zwischen 13 und 16 Jahren ihr Deutsches Sprachdiplom der Stufe I überreicht. Die Schüler kamen mit den unterschiedlichsten Kenntnissen zu uns. Viele haben die deutsche Sprache hier zum ersten Mal gehört. Und doch haben sie es geschafft, im Rahmen ihrer Ausbildung in den Berliner Willkommensklassen eine Prüfung über ihre Deutschkenntnisse zu bestehen. 81 von ihnen sogar auf hohem Niveau.
Angesichts der Gesamtzahlen klingt 124 nicht wie ein Erfolg. Momentan lernen knapp 4.300 Kinder in den Vorbereitungsklassen in Berlin. Und reicht es nicht, dass sie dort Deutsch lernen? Wozu eine spezielle Prüfung und ein eigenes Lehrprogramm, für das die Lehrer wieder eine Zusatzausbildung brauchen?
Der Erfolg aber gibt dem Pilotprojekt recht. Die hohe Quote, mit der die Jugendlichen bestanden haben, zeigt, dass die Aussicht auf ein Diplom zu Leistungen motiviert. Nur 12 Jugendliche bestanden die Prüfung nicht. Das Diplom wird den Jugendlichen auf ihrem weiteren Weg, ob nun in Ausbildung, Beruf oder Weiterbildung, nutzen. Genauso wie die Deutschkenntnisse selbst natürlich. Aber dieser schriftliche Nachweis zeigt ihnen eben schwarz auf weiß, dass sie einen Schritt nach vorne gekommen sind. Dass sie akzeptiert werden hier.
Ihr Zeugnis wird den frisch diplomierten Jugendlichen aber nicht nur hierzulande helfen. Auch wenn sie nicht in Deutschland bleiben werden, haben sie jetzt einen Nachweis darüber, dass sie zusammen mit der Sprache auch ein Stück deutscher Kultur gelernt haben. Auch wenn wir manchmal einen übertriebenen Hang zu Dokumenten haben: In diesem Falle kann man sich sogar sehr darüber freuen. Der Anfang ist gemacht, nun muss es dringend weitergehen.




