Willkommensklassen

Immer mehr Flüchtlingskinder lernen Deutsch in Berlin

Die Willkommensklassen für Flüchtlinge in Berlin sind ein Erfolg. Besonders viele Kinder lernen in Mitte und in Reinickendorf.

Es ist ein großer Moment, den 124 Jugendliche am Montag erleben werden: Noch vor einem Jahr sind die meisten von ihnen als Flüchtlingskinder aus den Krisengebieten dieser Welt nach Berlin gekommen, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Jetzt erhalten die Schüler aus den sogenannten Willkommensklassen das Deutsche Sprachdiplom (DSD) der Stufe I.

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Allein die Feierstunde mit Vertretern der Kultusministerkonferenz, des Auswärtigen Amtes und Staatssekretär Mark Rackles (SPD) zeigt, dass es sich hier nicht nur um irgendein Zertifikat handelt, sondern um ein Ereignis, das bundesweit Beachtung findet.

Kommentar: Ein Schritt nach vorn

Die Schüler sind Teil eines Pilotprojektes, das in Berlin und acht anderen Bundesländern vor zwei Jahren gestartet ist. Waren es in den ersten beiden Jahren erst wenige Schüler, die an den Prüfungen teilnehmen konnten, ist es nun eine beachtliche Zahl, die dafür spricht, das Modellprojekt weiter auszudehnen.

Ziel des Pilotprojektes ist es, nicht nur die sogenannte Willkommenskultur zu stärken, sondern den Jugendlichen auch die Möglichkeit zu bieten, einen Nachweis zu erhalten, der international anerkannt ist. Das Deutsche Sprachdiplom der Kultusministerkonferenz ermöglicht es ihnen beispielsweise an mehr als 1000 Schulen im Ausland zu lernen, wo das von der Zen­tralstelle für Auslandsschulwesen entwickelte Zertifikat seit Jahren für einheitliche Standards im Deutschunterricht sorgt. Es hilft ihnen, wenn sie sich in einem deutschen Unternehmen um eine Ausbildung bewerben möchten und wenn sie noch die zweite Kompetenzstufe erwerben, bietet es ihnen den Zugang zu allen deutschen Hochschulen.

Guten Start ermöglichen

Und das ist genau das, was Wirtschaftsverbände immer wieder von der Politik fordern: Die Flüchtlinge angesichts des demografischen Wandels als potenzielle Fachkräfte zu sehen und ihnen gute Startchancen zu ermöglichen. In Berlin nehmen bisher Willkommensklassen an 23 Schulen in neun Bezirken an dem Pilotprojekt teil. Insgesamt 166 Schüler sind zur Prüfung angetreten, davon haben 154 bestanden, 81 sogar auf dem oberen Niveau B1, das beispielsweise dazu berechtigt, an einem Studienkolleg teilzunehmen. Die Erfolgsquote ist beachtlich, denn die Prüfungen, die von der Zentralstelle für Auslandsschulwesen überwacht werden, sind anspruchsvoll.

So müssen die Schüler beispielsweise zu einem Thema eine Präsentation in deutscher Sprache erarbeiten, sie der Prüfungskommission vorstellen und dann dazu Fragen beantworten. Doch die Möglichkeit das Diplom erreichen zu können, motiviert die Jugendlichen offenbar zu hohen Leistungen. „Die Erfolgsquote spricht für sich. Das ist auch einer außergewöhnlich hohen Einsatzbereitschaft der Lehrkräfte zu verdanken“, sagt Beate Stoffers, Sprecherin der Senatsverwaltung für Bildung. Seit 2013 wurden 100 Lehrer fortgebildet, denn das Deutsche Sprachdiplom ist nicht nur ein standardisierter Test, sondern beinhaltet ein ganzes Lehrprogramm. Im September sollen schon die nächsten 40 Prüfungen abgenommen werden.

Betrachtet man die Gesamtzahl der Kinder ohne Deutschkenntnisse in den Willkommensklassen ist das allerdings noch eine relativ geringe Zahl. In Berlin lernen derzeit nach Angaben der Senatsverwaltung für Bildung 4269 Kinder in diesen Vorbereitungsklassen, in denen sie zunächst die Grundlagen der deutschen Sprache lernen sollen, bevor sie nach einem Jahr in die Regelklassen integriert werden. An den Sekundarschulen und Gymnasien, die für das Sprachdiplom in Frage kommen, sind es 2082 Schüler. Und ständig kommen neue hinzu.

In Mitte lernen die meisten Schüler in Willkommensklassen

Die Frage der Willkommenskultur wird da häufig überlagert, von den Herausforderungen, überhaupt Platz für die Schüler zu finden. Dabei sind die Flüchtlingskinder in den Schulen auf die zwölf Bezirke sehr unterschiedlich verteilt. Das geht aus der Antwort auf eine Anfrage der bildungspolitischen Sprecherin der Grünen, Stefanie Remlinger, hervor. Demnach lernen im Bezirk Mitte 707 Schüler in Willkommensklassen. Das ist mit Abstand die höchste Zahl, obwohl in dem Bezirk ohnehin die Schulplätze knapp werden.

An zweiter Stelle steht Reinickendorf mit 560 Schülern ohne Deutschkenntnisse, gefolgt von Neukölln, wo 464 Kinder in Willkommensklassen lernen. Dagegen lernen beispielsweise in Treptow-Köpenick lediglich 173 Schüler in solchen Vorbereitungsklassen.

Wenn man die Gesamtzahl der untergebrachten Flüchtlinge betrachtet, steht Mitte eigentlich an fünfter Stelle im Vergleich der Bezirke. Offenbar seien das vor allem Familien mit Kindern, sagt Silvia Kostner, Sprecherin des Landesamtes für Gesundheit und Soziales. „Bei Familien mit Kindern achten wir vor allem darauf, sie möglichst in kleinere Unterkünfte zu bringen“, sagt Silvia Kostner. Eine gerechte Verteilung über die Bezirke werde zwar angestrebt, sei aber häufig nicht möglich.

„Wir zeigen nicht auf andere Bezirke, wenn es um die Unterbringung von Flüchtlingen geht. Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, den geflüchteten Kindern die besten Integrationschancen zu geben“, sagt Sabine Smentek (SPD), Stadträtin für Bildung in Mitte.

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