Als die Sonne die Berliner schon Anfang März in Frühlingsstimmung versetzte, mochte keiner dem schönen Wetter so recht trauen. Seit wenigen Wochen aber steht es fest: Der Winter ist verjagt, die Natur erwacht, an allen Ecken blüht und zwitschert es. Da entstauben nun auch Garten- und Balkonbesitzer die Gartenmöbel und Blumentöpfe. Stiefmütterchen und andere bunte Frühlingsboten werden eingepflanzt, Beete geharkt, Blumen, Kräuter und Gemüse gesät. Ernten können jedoch nicht nur diejenigen, die viel Platz im Garten haben. Auch auf kleinen Balkonen können Obst und Gemüsesorten angebaut werden.
Tobias Janzen, Küchenchef des Restaurants „Jolesch“ in Kreuzberg, erntet jedes Jahr aus den Balkonkästen. Bohnen, Erbsen, Zucchini, Kräuter, aber auch vier verschiedene Tomatensorten hat er auf kleiner Fläche stehen. „Man kann sich nicht komplett selbst versorgen“, sagt er. „Bei den Zucchini ernte ich etwa fünf Stück und bei den Tomaten komme ich auf etwa ein bis anderthalb Kilo.“ Tatsächlich kommt es nicht darauf an, ab sofort vom Gemüsehändler oder Supermarkt unabhängig zu leben. „Ich mag es, zu sehen, wie etwas entsteht und wächst“, so Janzen. Außerdem schmecken die selbst angebauten Leckereien intensiver, das Aroma ist eigener und kräftiger. „Und es schmeckt frischer.“
Sonne und Schatten
Je nach Lage des Balkons kommen unterschiedliche Sorten infrage. An Tagen, an denen die Sonne vom Himmel knallt, ist ein Wohlfühltag für Tomaten. Walderdbeeren ranken und liefern ihr intensives Aroma auch auf schattigen Balkonen. Wie Autor Joachim Mayer in seinem Buch „Leckeres vom Balkon“ (s. Buchtipp) erklärt, reichen fünf bis sechs Stunden direkter Sonnenschein für viele Arten. Und einige Salate wie etwa Asia-Salate oder Rucola würden bei zu viel Sonne sogar unangenehm scharf oder bitter. Im Halbschatten gedeiht, so Mayer, zum Beispiel die Johannisbeere gut – besonders hübsch sieht sie als Hochstämmchen aus. Gärtnereien und Baumärkte haben sich auf den Trend eingestellt, dass auch auf dem Balkon Salat, Radieschen oder Kohlrabi groß gezogen werden. Manche Gemüse werden in Miniformat gezüchtet. Mayer nennt hier Cocktailtomaten, aber auch Babymöhren oder Zwerg-Broccoli. Sogar Obstbäume gibt es in XS-Ausgabe – ihre Früchte aber wachsen in üblicher Größe.
Auf die Gemüsezucht auf dem Balkon sind auch Hersteller von Pflanzgefäßen aufmerksam geworden. Sie entwickelten Lösungen, die den Anbau auf kleineren Balkonen möglich machen und den Platz optimal nutzen: So gibt es Töpfe, die seitlich aufeinandergestapelt werden können und so zu einem Türmchen gebaut werden. Und auch die Wände müssen nicht nackt bleiben. Hier können Kletterpflanzen hinaufranken, zu denen zum Beispiel Gurken, Bohnen, Kürbisse oder Erbsen gehören. In Pflanztaschen, ähnlich der Taschen für die Schuhaufbewahrung, sprießen die Salatzutaten wunderbar an der Wand aufgehängt. „Vertikale Gärten“ wird dies genannt.
Schutz vor Wind, Platzregen und Schädlingen
Einige Gemüsearten oder Obstsorten mögen allerdings keinen kräftigen Wind oder Platzregen, daher sollte man bei der Auswahl der Pflanzen besser vorab mit einem Gartenfachmann besprechen, was für den eigenen Balkon geeignet ist oder welchen Schutz man einrichten kann.
Zu eng, so rät es Autor Mayer, sollten die Kübel mit den Pflanzen nicht gestellt werden. Dies könnte zu geringer Ernte führen und Schädlingen Appetit machen auf die nahe Nachbarpflanze. Läusen und Mehltau macht Koch Janzen den Garaus mit Kaffeesatz, den er unter die Erde gräbt. „Sehr gut funktioniert es auch, wenn man Zigarettenkippen in Wasser auflöst und den Sud auf die Pflanze gibt“, rät er. Chemie ist schließlich keine Lösung.
Ansonsten betreibt Janzen mit dem Gemüse auf seinem Balkon nicht allzu viel Aufwand. „Ich dünge nicht, bei mir gibt es nur Wasser aus dem Hahn oder Regen.“ Die roten Spitzpaprika haben es im vergangenen Jahr auf jeden Fall gedankt – sie seien, so Janzen, in die Höhe geschossen und grandios gewachsen. Bei den Kräutern hat der Küchenchef die Erfahrung gemacht, sie besser in einzelne Töpfe zu setzen statt zusammen in einen Blumenkasten. „Vor allem Südkräuter wuchern so sehr, dass man nach zwei Monaten ein riesiges Kraut hat und alle anderen sind abgestorben.“
Letztlich rät er, ein wenig zu probieren, wie man auf seinem Balkon mit Gemüse und Obst umgehen kann. Janzen selbst tüftelt jedes Jahr etwas Neues aus. In diesem Jahr baut er Wassermelonen auf dem Balkon an. Auf seinem Balkon in Berlin. „Bei einem Freund hat das letztes Jahr sehr gut geklappt“, sagt er, „die Melonen wurden groß wie Handbälle.“ Wenn das keine Inspiration ist...





