Sexuelle Belästigung

Die #MeToo-Debatte erreicht die Fashion Week

Die „#MeToo“-Debatte ist auch Thema auf der Fashion Week: In der Berliner Morgenpost berichten Betroffene.

Berlin Fashion Week: Darum ist die Modewoche jetzt weniger glamourös

Fashion Week Berlin: In diesem Jahr ist vieles anderes: Neue Location, weniger Schauen – und irgendwie auch weniger Glamour, findet Reporterin Johanna Rüdiger.
Di, 16.01.2018, 15.38 Uhr

Berlin Fashion Week: Darum ist die Modewoche jetzt weniger glamourös

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Berlin. Champagnerfeten, Magazintitel und glamouröse Fotostrecken: Das Leben eines Models wirkt auf den ersten Blick traumhaft. Dass es in manchen Situationen eher einem Albtraum gleichen kann, zeigen die jüngsten Enthüllungen rund um die Modefotografen Bruce Weber (71) und Mario Testino (63). Sie sollen männliche Models während Aufnahmen belästigt haben. Weber soll laut Berichten der "New York Times" seine Modelle dazu aufgefordert haben, sich auszuziehen, außerdem soll er einigen von ihnen ans Genital gefasst haben.

Kollege Testino habe vor seinen Models masturbiert. Beide Fotografen streiten die Vorwürfe ab. Der Verlag Condé Nast verweigert vorerst die Zusammenarbeit mit den beiden Ikonen der Modefotografie. "Wir haben uns entschieden, unsere Arbeitsbeziehung mit den beiden Fotografen vorläufig auf Eis zu legen", schreibt Anna Wintour (68), Chefredakteurin der US-amerikanischen Ausgabe der "Vogue", die von Condé Nast herausgegeben wird, auf vogue.com.

Vogue wendet neue Richtlinien an

Gleichzeitig veröffentlichte sie neue Richtlinien, die von nun an in dem Medienunternehmen gelten. Demnach herrscht unter anderem striktes Alkoholverbot an den Sets, und Fotografen dürfen diese nicht mehr für Arbeiten nutzen, die vom Unternehmen nicht genehmigt wurden.

Außerdem müsse jedes Shooting, das Nacktheit, durchsichtige Kleidung, Unterwäsche, Badebekleidung, simulierten Drogen- oder Alkoholkonsum oder sexuell anzügliche Posen beinhaltet, vom Model im Voraus genehmigt werden. Christiane Arp (56), Chefredakteurin der deutschen "Vogue", wollte sich im direkten Gespräch nicht zu den Vorwürfen äußern. Sie bat um eine schriftliche Anfrage.

Auch deutsche Models steigen in die "#MeToo"-Debatte ein

Auch deutsche Models steigen in die "#MeToo"-Debatte ein und berichten von ihren Erfahrungen. Zum Beispiel Annika Gassner: "Ich habe es vor vier Jahren bei einem Shooting erlebt, dass ein Fotograf zudringlich wurde, als wir eine Zeit lang alleine im Studio waren. Er hat an meiner Bluse rumgefummelt, mich so angefasst, wie es eigentlich nur Aufgabe einer Stylistin gewesen wäre", erzählt die 29-Jährige.

"Ich habe ihm gesagt, dass ich gehe, wenn er nicht aufhört. Glücklicherweise ist weiter nichts passiert." Die Erfahrung habe sie stärker gemacht. "Ich kann aber auch verstehen, dass Frauen nicht oder erst sehr viel später über solche Erlebnisse sprechen. Es ist ja schon sehr intim."

Auch Jackie Hide musste so eine Negativ-Erfahrung machen. Im Gegensatz zu anderen hatte die 35-Jährige weniger Probleme mit Auftraggebern, sondern mit männlichen Models. "2006 war ich in Mailand, frisch eingetaucht ins Modelbusiness. Ich ging einen Abend aus, habe das Leben genossen, gefeiert und getrunken. Ich war in einer Gruppe unterwegs, jeder kannte jeden. Ich habe den Leuten natürlich vertraut, und mir erschien nichts gefährlich daran."

Im Laufe des Abends verlor Hide aber die Kontrolle über ihren Körper. "Das lag nicht am Alkohol, irgendetwas Unnormales geschah mit mir." Was dann passierte, will Hide für sich behalten. Ihre Botschaft an die Männer: "Sexy Kleidung, sexy tanzen und gemeinsam Spaß haben heißt nicht, dass man zu allem bereit ist."

"Ich bring dich groß raus" hören Models immer wieder

Anuthida Ploypetch war 2015 Kandidatin der Castingshow "Germany's Next Topmodel". Sie sagt: "Ich bin schon einigen Fotografen begegnet, die mir gegenüber komische Andeutungen gemacht haben – und mich fester angepackt haben, als das normal üblich ist. Es kam auch öfter schon die Frage danach, ob man sich nicht mal ganz ausziehen möchte 'für ein tolles Bild'. Es gibt eben diese Typen, die davon ausgehen, dass man als Model sowieso macht, was sie von einem verlangen."

Den Satz "Ich bring dich groß raus" habe sie in diesem Zusammenhang schon viele Male gehört. "Zum Glück kann ich gut Nein sagen und mich so immer wehren", so Ploypetch. Jungen Models rät die 20-Jährige, sich weder wider Willen nackt zu machen noch sich hochzuschlafen, um eine seriöse Karriere zu machen.

Eine, die auch schon negative Erfahrungen machen musste, ist Betty Taube, ebenfalls bekannt durch die Teilnahme an der Show mit Heidi Klum (44). "Es gibt definitiv Fotografen, die zu weit gehen. Einmal habe ich mit einem ein Shooting verabredet und vorab im Internet so viel Schlechtes über ihn gelesen, dass ich den Termin absagen musste", erklärt die 23-Jährige. "Außerdem kann man ja seine Tasche packen und gehen, wenn eine Situation unangenehm ist", so Taube weiter. Man könne ihrer Meinung nach derartige Avancen bemerken – und ihnen so rechtzeitig Einhalt gebieten.

Ähnlicher Meinung ist Kollegin Franziska Knuppe (43), die schon seit über 20 Jahren in der Modebranche tätig ist. "Ich habe selbst schon oft zu Männern Nein gesagt, denen ich anmerkte, dass sie nichts Gutes im Schilde führen." Ihr Ratschlag lautet: "Man geht einfach nicht mit auf Hotelzimmer!"

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