Comic-Tag

Berlins Comiczeichner bringen ernste Stoffe zu Papier

Die Szene in der Hauptstadt ist überschaubar, hat aber vieles zu bieten. Auch politische Themen spielen in den Zeichnungen eine Rolle.

Foto: Christian Hahn

Der Panzer steht mitten auf dem Schreibtisch. Es ist ein TPz Fuchs, detailgetreu nachgebaut und hellbeige lackiert. Die Farbe der Wüste. Es musste dieses Fahrzeug sein, als Arne Jysch nach einem Modell für seine Bilder suchte. In seinem Comic „Wave and Smile“, der im Juli in die Läden kommt, befasst sich der Berliner als erster deutscher Zeichner mit dem Bundeswehreinsatz in Afghanistan. Ein Auszug der spannenden und berührenden Geschichte gehört zu den 30 Bildgeschichten, die am Sonnabend beim Gratis-Comic-Tag kostenlos in einschlägigen Buchläden ausgehändigt werden.

Was über drei Jahre hinweg entstand, sei „das, was ich selbst am liebsten lesen würde“, sagt Jysch über sein fiktives, aber realitätsnahes Comic-Debüt. Als Szenenbuch-Zeichner beim Film hatte ihn das immer populärer werdende Genre der Graphic Novel gereizt. Heraus kam eine Geschichte um zwei deutsche Soldaten und eine Journalistin, die der Krieg zusammenführt und doch sehr verschiedene Schicksale erleben lässt. „Ich wollte nicht das 20. Zombie-Projekt starten oder Superhelden erfinden. Es musste ein Thema sein, das sich lohnt“, sagt Jysch.

In Jeans und Hemd steht er in der lichtdurchfluteten Pankower Wohnung und ist so präsent, als hätte er nicht bereits sechs Stunden mit Fernsehleuten hinter sich. Das brisante Thema und seine kritisch reflektierende, nie schematische Sicht darauf, bescheren dem 38-Jährigen ein Medieninteresse, das ihn selbst erstaunt.

Geschichten aus der DDR

Dabei sind ernste Stoffe unter Berlins Comiczeichnern nicht die Regel, aber doch nichts Außergewöhnliches. Der Avant-Verlag in Prenzlauer Berg veröffentlicht Geschichten aus der DDR-Diktatur, über jüdisches Leben und drogenabhängige Jugendliche. Immer mehr Berliner gehören zum Autorenkreis des 2001 gegründeten Verlags. Die Comic-Szene der Hauptstadt ist überschaubar, aber „quicklebendig und gut vernetzt“, sagt Titus Ackermann. Der gebürtige Schweizer gründete 1994 die Künstlergruppe Moga Mobo, die mittlerweile Nummer 108 eines gleichnamigen Comicmagazins in Umlauf brachte. Die drei Moga-Mobo-Macher wollten damit eine Plattform für Comic-Zeichner schaffen. „Manche der Zeichner möchten eine Idee umsetzen, anderen geht es um ihre künstlerische Verwirklichung“, sagt Ackermann.

Zugkraft besitzt die Vielzahl meist kleiner, aber dynamischer Aktivitäten. „Viele der Leute hier sind Macher-Typen, die selbst was auf die Beine stellen“, weiß Aisha Franz. Die 27-Jährige veröffentlicht gerade mit „Brigitte“ ihren zweiten Comicband bei Berlins zweitem renommierten Comic-Verlag, Reprodukt, mit Sitz in Schöneberg. In die Hauptstadt lockte die vielbeschäftigte Einwanderer-Tochter Franz unter anderem diese für die hiesige Kreativszene typische Vitalität. Kleine Galerien stellen Comic-Zeichner aus, Lesungen werden auch in der Welt der Sprechblasen immer populärer. Die Lange Buchnacht in Kreuzberg, die mit dem Gratis-Comic-Tag zusammenfällt, bietet eine Bühne für Auftritte. Comicbörsen bringen Künstler und ihre Leser zusammen. Erst am 29. April traf man sich beim Festival „Comic-Invasion“ am Alexanderplatz. Organisiert hatte die Messe unter anderem Marc Seestaedt, dessen grafische Szenen einer Metropole im Fahrgastfernsehen in den U-Bahnen laufen.

Einige unbekannte Gesichter gab es bei der Comic-Invasion auch für Peter „Auge“ Lorenz zu entdecken. Dabei ist der bibliothekarische Leiter der Comicbibliothek Renate an der Tucholskystraße – Deutschlands einziger Leihbücherei für grafische Literatur und Treffpunkt für Fans wie Kreative – vielleicht der beste Kenner der Berliner Szene. Auf rund 100 Künstler schätzt der gebürtige Ostberliner die Community der Hauptstadt. „Ich kenne nicht alle, aber die meisten kommen einmal im Leben bei uns vorbei.“ Gerade für Freunde des Independent-Comics sei Berlin attraktiv, glaubt Aisha Franz. Vielleicht auch deshalb, weil günstige Lebensbedingungen einer Sparte entgegenkommen, in der es viel Leidenschaft, aber kaum echten Broterwerb gibt. „In diesem Berufsfeld muss man sich breit aufstellen“, bestätigt Henning Wagenbreth. Der Professor an der Universität der Künste bietet die Fertigkeit der Bildgeschichte deshalb nicht als Fach, sondern nur als Teil der Gesamtausbildung an.

Verschiedene Quellen des Lebensunterhalts hat auch Paula Bulling gefunden. Etwas chaotisch sehe es aus, entschuldigt sich die 27-Jährige beim Blick auf ihren Schreibtisch in einer Ateliergemeinschaft, versteckt zwischen Autowerkstätten und einem türkischen Hochzeitsausrichter am Neuköllner Schifffahrtskanal. Die letzten Nächte hat sie durchgearbeitet.

Politisches Anliegen

Im Juni veröffentlicht die in Steglitz aufgewachsene junge Frau ihren ersten Comic-Band, „Im Land der Frühaufsteher“. Monatelang besuchte sie zuvor Asylbewerber-Heime in Sachsen-Anhalt, sprach mit Flüchtlingen, sammelte deren Geschichten. Schnell merkte sie, dass man ihr offener begegnete, wenn sie zeichnete anstatt zu fotografieren. „Im Laufe der Recherche hat sich herauskristallisiert, dass daraus ein Comic wird“, sagt die Frau mit dem jungenhaften Kurzhaarschnitt. Ihr Versuch einer dokumentarischen Darstellung der Lebensumstände von Asylbewerbern und des Schicksals eines Afrikaners, der bei einer Explosion verletzt wurde und starb, ist für Bulling auch ein politisches Anliegen. „Als diese Sache passierte, war ich eigentlich an einem Punkt, wo ich aufgeben wollte“ erzählt sie. Die Schwierigkeit, als privilegierte Außenstehende mit viel Empathie, aber kaum echten Hilfsmöglichkeiten eine verantwortliche Haltung zu finden, hatte sie frustriert. „Aber genau an dem Punkt haben alle gesagt, jetzt musst du weitererzählen.“

Mittlerweile hat sie bereits ein anderes Projekt begonnen, eine Idee für einen zweiten größeren Comic gibt es auch. Die wirtschaftliche Unsicherheit scheut sie nicht. Oder, wie es Aisha Franz formuliert: „Das Motto ist nicht, viel zu verdienen. Man will nicht für die Schublade arbeiten. Und zeichnen tut man ohnehin.“

Der Gratis-Comic-Tag ist eine Werbeaktion von Händlern und Verlagen und findet zum dritten Mal statt. In Berlin beteiligen sich 19 Geschäfte, darunter neben einschlägigen Comic-Läden auch das Kulturkaufhaus Dussmann (Friedrichstraße 90, Mitte) und Lehmanns Media GmbH (Hardenbergstr. 5, Charlottenburg). Insgesamt 30 Gratis-Comics sind im Angebot, von „Starwars The Clownwars“ über „Donald Duck“ bis hin zu Erwachsenen-Comics aus Berlin wie „Don Quijote“ von Flix oder „Fräulein Rühr-Mich-Nicht-An“ von Kerascoët. An jeden Interessenten werden bis zu fünf Bände ausgegeben, nach freier Wahl (solange der Vorrat reicht). www.gratiscomictag.de

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