Film-Tipp

Der wichtigste Comic-Künstler Europas

Seit Anfang der sechziger Jahre prägt der französische Zeichner Moebius den Comic - und das Kino. Er hat den Westernhelden Blueberry erfunden und die Science-fiction revolutioniert. Arte zeigt heute einen wunderbaren Film über den Mann mit den vielen Persönlichkeiten.

Foto: Arte

Hier hat einer den Satz ernst genommen, dass man in Kunstwerke eintauchen und hineingezogen werden muss. Der Zuschauer stürzt sich gleich am Anfang aus großer Höhe in Straßenfluchten. Die Stadt ist vom französischen Comic-Künstler Moebius gezeichnet, aber hier ist sie dreidimensional, eine schier endlose Hierarchie. Wir fallen und fallen an gelben Wänden vorbei, und erst mit einem Flugsaurier aus seiner Erzählung „Arzach“ naht sanfte Rettung. Für dieses Mal.

Der Höllensturz variiert den Anfang von Moebius großem Werk „Der Incal“ (1980), in dem der lausige Privatdetektiv John Difool in der Zukunft von der Selbstmörderbrücke gestoßen wird und durch die Stadt fällt. Sechs Alben, acht Jahre und eine Universums-Rettung später endet der Comic mit dem gleichen Bild, eine Moebiusschleife, klar.

Der wichtigste Comic-Zeichner Europas

Tatsächlich ist die faszinierende Kraft der Zeichnungen wie ein Sog: Man kann überall das Universum des Künstlers betreten und erkennt trotz ganz unterschiedlicher Sujets die gleichen Ideen und Perspektiven. Alle Türen im Werk führen in den selben Kopf hinein. Die Dokumentation „Moebius Redux – Ein Leben in Bildern“ porträtiert den immer noch wichtigsten französischen, wenn nicht europäischen Comickünstler der Gegenwart.

Seit Anfang der sechziger Jahre prägt Moebius mit seinen verschiedenen Facetten den Comic - und das Kino. Es ist ein wunderbarer Film, der die strahlenden und auch problematischen Seiten des Zeichners würdigt und zahlreiche prominente Kollegen als Kronzeugen auffahren kann. Ganz nebenbei werden, weil Frankreich den Comic ernst nimmt, die künstlerischen Bedingungen des Mediums überhaupt geklärt, ja beschworen. Der frühere Kraftwerk-Musiker Karl Bartos hat dazu hypnotische Musik geschrieben, die zu Science-fiction-Zeichnungen ebenso passt wie zu Bildern nackter, unwirtlicher Wüsten. Und zum lachenden Moebius selbst.

Denn der Mann, mittlerweile 69 Jahre alt, lacht gern. Er ist ein Schelm und spöttischer Beobachter - und ein schlagender Beweis für die stilbildende Kraft der 68er. Zu seinen Science-fiction-Arbeiten der siebziger Jahre sagt er: „Sie markieren einen Meilenstein in meinem Leben: ein Moment der Übereinstimmung mit Gesellschaft und Kultur“. Wie wahr!

Erste Comics verkauft er mit 15

Man muss dazu wissen, dass in seinen Zeichnungen die meisten Lebewesen den Betrachter milde und lieb anschauen. Bei aller Verrücktheit durchströmt ein weiser, esoterisch durchdrungener Humanismus sein Werk – im Himmel und auf Erden. Jean Giraud, geboren 1938, zeichnet schon als Kind wie besessen; mit 15 Jahren verkauft er seinen ersten Comic. Mitte der Fünfziger taucht er tief ins kulturell aufbrechende Paris ein. „Ich habe die Nouvelle Vague zu meiner Religion gemacht“, sagt Moebius.

Er beginnt bei der René Goszinnys Zeitschrift „Pilote“ unter dem Kürzel Gir zu zeichnen, zusammen mit dem Texter Jean-Michel Charlier erfindet und zeichnet er unter seinem bürgerlichen Jean Giraud den berühmten Westernhelden Mike Blueberry, der auch heute noch am Pokertisch sitzt und zwischen Indianern und Weißen vermittelt. Im Frühjahr wird ein neues Abenteuer auf deutsch erscheinen.

Zu seinen buchstäblichen Höhenflügen setzte Giraud erst nach Drogenexperimenten und einem langen Aufenthalt in Mexiko Mitte der sechziger Jahre an. Hier begeistert er sich für die metaphysische Leere der Wüste. Erst in vereinzelten Blättern, dann in längeren, oft wortlosen Erzählungen nennt er sich Moebius. Er füllt nicht mehr die Realität mit Realismus aus wie in „Blueberry“, er erfindet sich seine poetischen Welten, die noch immer so viele Comiczeichner und -autoren beeinflussen.

Viel schneller als die Kollegen

Fabelwesen, Traumfiguren, Weltenwanderer und Zukunftshelden spuken durch die Bilder, der Zeichner sucht nach Überwindung aller Grenzen von Zeit, Raum und Geschichte. Und findet sie: Kulturelles Hippietum und Ausdruck psychischer Zustände zugleich. Weltweit haben Comiczeichner dies bewundert und nachgeahmt.

In Hollywood wirkt Moebius gleichzeitig als Designer und Storyboardzeichner. Filme wie „Dune“, „Alien“, „Tron“, „Das 5. Element“ sind unverkennbar Moebius-Filme: überall ist sein Stil der geschwungenen Linien und der ausufernden Körperteile sichtbar. Die seltsame Lust, Helme zu tragen, hat Moebius zum Kult erhoben. Ridley Scott ließ sich nach „Alien“ noch für „Blade Runner“ inspirieren, der Look des Films beruht auf einer Kurzgeschichte von Moebius namens „The Long Tomorrow“. So viel Wirkung muss man erst einmal erzielen.

Und bei alledem hat Moebius offensichtlich nie die Lust am Zeichnen verlassen. Immer wieder sieht man ihn in der Dokumentation mit der Feder vor einem weißen Blatt, schnell und zielsicher füllt er die Leere aus. Aus seinem Strich entstehen Frauen, Männer, Tiere. Während die anderen Comiczeichner vor ihren Tischen sitzen und über ihn Auskunft geben, seine Schnelligkeit rühmen, ist Jean Giraud schon bei der Arbeit.

Es wirkt, als wolle, ja müsse er stets allen anderen einen Schritt voraus sein. In seinem Pariser Atelier, das halb Studio und halb Wohnung ist, gibt es noch viel zu tun.

Moebius Redux – Ein Leben in Bildern, Arte, 23.20 Uhr