Alles am Fluss

Wenn die Berliner Dampferfahrt zur Techno-Party wird

Partyboote erfreuen sich in Berlin immer größerer Beliebtheit. Für viele Feierwütige gleicht der Besuch an Bord einem Kurzurlaub auf Mallorca. Ein Besuch auf dem Techno-Dampfer „Harry Klein“.

Foto: Sven Lambert

Es ist 14 Uhr. Die Sonne scheint und das Konfetti fliegt. Mit pinken Strohalmen saugen Zwanzigjährige Sangria aus einem blauen Eimer. „Party, Palmen, Weiber und’n Bier“, gröhlt eine Herrengruppe mit erhitzen Gesichtern. Abwechselnd singend und schreiend hüpfen sie auf und ab, während eine spärlich bekleidete junge Frau Seifenblasen aus einer Pistole über sie hinweg sprüht.

Austragungsort dieser Ereignisse ist nicht etwa eine spanische Ferieninsel, sondern das Moabiter Hansa-Ufer. Und das ausgelassene Jungvolk macht hier nicht etwa Urlaub, sondern wartet auf ein Berliner Salonschiff.

Unbestritten: Berlin ist die deutsche Partyhauptstadt. Aber um sich auch europaweit als solche zu behaupten, fehlt es Berlin seit jeher an einer entscheidenden Zutat: Meer. Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass sich Partyboote immer größerer Beliebtheit erfreuen.

Im Sonnenschein auf Deck, umgeben von glitzerndem Spreewasser, mit Fahrtwind im Haar und Cocktail in der Hand, kommt man in Berlin dem Partyurlaubs-Gefühl schon ziemlich nahe. Viele Reedereien bieten mittlerweile neben ihren klassischen Stadtrundfahrten auch regelmäßige Tanzfahrten an, oder vermieten ihre Boote samt Kapitän und Crew an private Veranstalter.

Loveparade auf dem Wasser

Die größte Bootsparty Berlins ist die jährliche „Berlin, Beats und Boats.“ Ein Techno-Umzug auf der Spree, der vor fünf Jahren erstmals stattfand. Wenn man so will eine Art Loveparade auf dem Wasser. Statt Wagen werden dafür 15 Stadtrundfahrtsboote von Berliner Electro-Clubs wie dem „Tresor“ aus Mitte oder dem Kreuzberger „Club der Visionäre“ zu einer Flotte schwimmender Tanztempel umfunktioniert.

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Die Kapitäne, die sonst den Erläuterungen zum Reichstagsufer und Oberbaumbrücke lauschen dürfen, werden nun mit elektronischer Musik beschallt. Sechs Stunden dauert die jährliche Feierfahrt. Vom Hansa-Ufer aus geht es zum Müggelsee. Dort werden ein paar Runden gedreht. Gegen Abend laufen die Schiffe dann im Treptower Hafen ein. Können die Party-Matrosen an Land noch stehen, können sie dort gleich weiterfeiern. Das „Eastport Festival“ knüpft nahtlos an die Party an.

Beats statt Bestuhlung

Gegen 14:30 Uhr legt sie endlich an. Die „Spreeprinzessin“ ist heute ein Er. Sie heißt heute wie ein Müncher Techno-Club: „Harry Klein“. Ihre Bestuhlung ist von Deck verschwunden. Statt Touristen lehnen schwarze Lautsprecherboxen an ihrer Reling. Viele Partygäste haben zwar bereits bevor der Schiffsmotor läuft, ihren eigenen Partymotor angelassen, trotzdem bildet sich nach wenigen Minuten an Bord eine lange Schlange an der Bar. Der Beat allerdings beginnt erst, nachdem das Passagierschiff Fahrt aufgenommen hat.

Wie auf Kommando beginnen die 300 Partygäste loszutanzen. Bier wird verschüttet und Trillerpfeifen werden geblasen. Und unter jeder Brücke wird laut gejubelt. Warum? „Na, weil es da ein Echo gibt und die Musik unter der Brücke deswegen besonders laut ist“, sagt ein Koch aus Prenzlauer Berg, kurz bevor das Boot die nächste Brücke passiert. Das Dach des DJ-Zelts muss bei jeder Brücke ein paar Zentimeter heruntergedrückt werden. Die Musik darf trotzdem nicht abreißen.

Jana Hentschel, die Steuerfrau der „Spreeprinzessin“ nimmt den Trubel an Bord gelassen. „Statt Touristen haben wir heute halt betrunkene Jugendliche an Bord“, sagt sie schulterzuckend. Normalerweise mache sie die Stadtrundfahrten, aber auch solche Partytouren würden immer häufiger, sagt sie. Einmal im Monat, immer sonntags, veranstalte ein Privatmann Technopartys auf der Spreeprinzessin. An der Kapitänskajüte hängt längst ein laminierter „Techno Party“ - Flyer mit umfassenden alkoholischem Angebot. Das Schiff und seine Crew sind den Trubel schon gewohnt.

Gäste müssen Spielregeln einhalten

Damit auch die Spree-Anwohner zu einer entspannten Einstellung in Sachen „Partyboote“ kommen, müssen auf dem Schiff einige Spielregeln eingehalten werden. Felix Hahn, der zuständige Veranstaltungstechniker an Bord, erklärt: „Bevor alles losging war ein Pegelmessungsteam hier. Die haben die Anlage so eingestellt, dass es auf der Tanzfläche niemals lauter als 90 Dezibel wird“, erklärt Hahn. Am Ufer dürften nicht mehr als 84 Dezibel ankommen. Und in den Schleusen müsse die Musik pausieren. „Sollte die Wasserpolizei ranfahren, müssen wir schnell nachweisen können, dass wir auch alle Auflagen eingehalten haben.“

Von all dem bekommen die Partygäste wenig mit. Gabi aus Kreuzberg, trägt Glitzer im Gesicht. Ausgelassen tanzt sie mit ihrer Freundin. Mit dem Smartphone werden Fotos für die Sozialen Netzwerke gemacht. „Seht her, wir feiern auf einem Boot“, lautet die Botschaft. „Bei den Berlin, Beats und Boats bin ich bis jetzt jedes Mal dabei gewesen“, sagt Gabi und glitzert in der Sonne: „Party auf dem Wasser, das fühlt sich ganz einfach immer so ein bisschen wie Urlaub an. Zudem kann keiner vom Boot runter, das macht das Ganze viel intensiver. Am Ende kennt man immer jeden Gast“, sie lacht. Und wie zum Beweis schmiegen sich gleich zwei männliche Passagiere an Gabi. Erst tanzen sie, dann vergleichen sie Handy-Fotos.

Die Oberbaumbrücke scheint vom Wasser aus gleich noch viel schöner zu sein. Das Partyvolk fotografiert. Eine junge Frau aus München freut sich „so auch mal richtig was von der Stadt zu sehen“: „Wenn man sonst zum Feiern nach Berlin fährt, bekommt man ja nicht so viele Sehenswürdigkeiten zu Gesicht“, sagt sie. Wer nicht allzu viele Wodka-Maracuja, Bier oder Schnäpse getrunken hat, kann bei der Partyboot-Tour unter anderem einen Blick auf das Regierungsviertel, die Museumsinsel und die East Side Gallery werfen.

Touren sind deutschlandweit bekannt

Aber auch die Tour an sich, sei mittlerweile schon eine Sehenswürdigkeit, sind sich Daniel und Anna sicher. Die beiden 24-Jährigen kommen ursprünglich aus Fulda und studieren in Darmstadt und Mannheim. Zum Feiern aber kommen sie auf die Spree. „Ich habe jetzt schon zwei Jahre lang versucht, an Tickets für die „Berlin, Beats und Boats“ zu kommen, aber die ist nach 15 Minuten immer komplett ausverkauft“, sagt Daniel. Sechs Stunden Partyboot kosten hier 36 Euro. Die Studenten finden, dass sich das lohnt. Der Berliner Partyboot-Umzug habe sich in der deutschen Techno Szene bereits rumgesprochen. Sie wollen wiederkommen, sagen sie.

Gäste auf herkömmlich genutzten Salonschiffen beäugen die Partybootflotte erst verdutzt, dann winken sie. An Bord wird die Stimmung stündlich ausgelassener. Man kommt leicht ins Gespräch. Das Deck der „Spreeprinzessin“ ist nur etwa 40 Meter lang. Aus den Augen verliert man sich hier nicht so leicht. In den Schleusen nehmen manche der Party-Passagiere dann Kontakt zu den Gästen der anderen Partyboote auf: Grüßend bespritzt man sich hier gegenseitig mit Bier und Seifenblasen. Im Treptower Hafen wird man sich abends wiedersehen. Für manch einen Gast endet die Party aber schon eher: In Wuhlheide legt eines der Boote an. Ein Rettungswagen steht am Ufer. Die Mischung aus Sonne, Alkohol und Boot kann dem Gast – wie ein Partyurlaub auf einer spanischen Feierinsel auch – durchaus zum Verhängnis werden.

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