Techno

DJ Wankelmut - ein Berliner Student als Chart-Stürmer

Vom unscheinbaren Philosophiestudenten zum Musikphänomen: Mit dem Remix von „One Day”eroberte DJ Wankelmut aus Friedrichshain Platz eins der Charts in gleich acht Ländern und holte Doppelplatin.

Foto: pr / Jacob Dilßner

Jacob Dilßner alias DJ Wankelmut ist in Friedrichshain aufgewachsen. Dort wohnt er noch heute, und dort möchte er auch nicht weg. Da trifft es sich gut, dass seine Plattenfirma, bei der er zum Interview geladen hat, direkt an der Oberbaumbrücke liegt – auf der Grenze zwischen Friedrichshain und Kreuzberg und nur einen Katzensprung von zu Hause entfernt. "Es wird dort zwar langsam alles ein bisschen viel, aber ich wohne oben im Nordkiez, da geht es noch. Nicht an der Simon-Dach-Straße, da hätte ich mir schon längst die Kugel gegeben. Da, wo ich wohne, kenne ich noch Leute in besetzten Häusern, die schön die Mieten niedrig halten", sagt der Philosophiestudent, der mit seinem Asaf-Avidan-Remix "One Day/Reckoning Song" 2012 erst zum Soundcloud-Star und dann zum Sommerhit-Lieferanten wurde.

Seitdem liest sich sein Terminkalender wie die Route eines Around-the-World-Tickets, und für entspannte Tage in seinem Kiez bleibt nur noch wenig Zeit. "Ich vermisse das Chillen, jeder Tag ist voll", erzählt der 26-Jährige. Doch beschweren will er sich nicht: "Dafür kann ich in der Welt herumreisen, vor Tausenden Leuten spielen und denen eine schöne Zeit machen. So gesehen ist DJ ein Traumjob."

Nach Upload Soundcloud-Star

Dass er ausgerechnet mit Techno bekannt werden würde, hätte Wankelmut selbst noch vor kurzer Zeit nicht gedacht. "Ich habe mit Rock und Metal angefangen", erinnert er sich, "damals war Techno für mich noch ein Schimpfwort." Doch an elektronischer Musik kommt in Berlin kaum jemand vorbei. Und so landete auch Jacob Dilßner irgendwann auf einer Party im Sisyphos – seitdem hat ihn die Musik nicht mehr losgelassen. 2005, 2006 begann er, Playlists für private Partys zusammenzustellen, und legte in Berliner Clubs auf, bis er im Winter 2011 "One Day" beim Online-Portal Soundcloud hochlud und damit zum internationalen Musikphänomen wurde.

Die Uni hat er seitdem nur noch selten von innen gesehen: "Am Anfang habe ich noch einen Kurs in der Woche gemacht, habe am Wochenende aufgelegt und versucht, nebenbei noch eine Hausarbeit zu schreiben. Aber mit Philosophie kann man sowieso keinen Besenstiel gewinnen."

"Wir leben noch vom Rotz der Nachwendezeit"

Stattdessen ist er heute Vollzeit-DJ. Seine Musik beschreibt er als "Berliner Sound", denn die Stadt hat ihn geprägt. "Es ist schon gerade das Mekka des Techno", sagt er angesichts der nicht abreißenden Ströme von Touristen, die jedes Jahr in die deutsche Hauptstadt kommen, um einmal im Berghain zu tanzen. "Dass hier alles noch ein bisschen roher ist, zieht die Leute schon an. Wir leben immer noch vom Rotz der Nachwendezeit, aber der wird immer mehr weggefegt."

Trotzdem nehme Berlin international noch immer eine Sonderstellung ein: "Allein die Anzahl der Clubs pro Einwohner, das findet man sonst nirgendwo auf der Welt. Dabei ist die Berliner Clubkultur trotzdem noch ziemlich szenig und undergroundig geblieben. Hier beschweren sich die Leute schon, wenn auf einer Party nicht mehr 200, sondern plötzlich 500 Leute tanzen. Darüber können die Leute auf Ibiza nur lachen."

Dass er selbst nicht mehr so undergroundig und szenig ist wie in der Vergangenheit, merkt Wankelmut nicht nur an seinem Meilenkonto und den immer größer werdenden Locations, in denen er auflegt, sondern auch an den Reaktionen der Kollegen auf seinen neuen Song "My Head is a Jungle".

Während "One Day" am Anfang sogar von DJ-Größen wie Efdemin gespielt wurde, habe es sein jüngstes Werk in dieser Hinsicht schwer. "Man möchte als DJ Vorreiter sein und Musik spielen, die die Leute flasht, aber die noch unbekannt ist", erklärt er. "Aber ich kann das total verstehen, ich mache das genauso."

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