Sie werden in den angesagten Londoner Stadtteilen Hackney und Spitalfields spielen, um den Briten die Berliner Ausgehkultur nahe zu bringen. Fünf Berliner Star-DJs. Mit dabei ist Ulrich Wombacher, er betreibt seit 2002 den Club Watergate an der Oberbaumbrücke und macht als DJ Metro Musik. Morgenpost Online hat Wombacher gesprochen.

Morgenpost Online: Herr Wombacher, brauchen die Londoner Nachhilfe von den Berliner DJs?

Ulrich Wombacher: Nee, das brauchen die nicht. Es geht eher darum, den Hype, der gerade auf Berlin liegt, zu exportieren. Alle Welt schaut gerade auf die Clubszene dieser Stadt.

Morgenpost Online: Warum?

Ulrich Wombacher: In Berlin kann man einfach noch zügellos feiern. Es gibt keine Restriktionen für Alkohol und keine Sperrstunde für die Clubs. Hier wird acht Stunden lang bis in den Vormittag rein gefeiert. Berlin hat eine lebhafte Clubkultur, die noch nicht von staatlicher Seite verdrängt wurde, das ist in New York oder London zum Teil nicht mehr so.

Morgenpost Online: Wie unterscheidet sich die Berliner Clubszene von der Londoner?

Ulrich Wombacher: Berlin ist dafür bekannt, dass hier ausdauernd, lang und schmutzig bis in den Morgen gefeiert wird. Eine Nacht durchlebt verschiedene Phasen und Stimmungen. Dadurch entsteht ein Mythos. Wer hierher kommt sagt sich, ‚Ich muss wenigstens einmal im Berghain, Watergate oder Kater Holzig gewesen sein und am besten drei Nächte lang durchfeiern'. In London haben die Leute einen viel größeren existenziellen Druck. Sie arbeiten von Montag bis Freitag, viele haben zwei Jobs, um sich ihr Leben überhaupt leisten zu können. Am Wochenende geht man dann vielleicht mal in einen Club. In Berlin wird jeden Tag gefeiert, man kommt auch mit 1000 Euro im Monat durch. Das gibt Musikern die Freiheit, ihr kreatives Potenzial auszuleben. Berlin ist das letzte Idyll der Clubszene.

Morgenpost Online: Ist Berlin die Partyhauptstadt?

Ulrich Wombacher: Unzweifelhaft. Ende der 80er-Jahre war das New York, Soho war bekannt für seine Untergrundszene. Heute ist der Stadtteil totsaniert und langweilig. Auch Paris war mal ganz groß und Anfang der 90er-Jahre wurde es London. Die multikulturelle Stadt brachte Dubstep und Drum 'n' Bass groß raus. Nach dem Mauerfall Mitte der 90er kam Berlin und lebte anfangs nur aus den eigenen Ressourcen. Es sind fast nur Berliner auf Berliner Partys gegangen. Heute erlebt die Stadt einen riesigen Feiertourismus. Die Stadt ist bekannt für ihre Ausgehkultur, die Leute wissen, Berlin ist mehr Club, weniger Disco.

Morgenpost Online: Gibt es einen typischen Berlin-Sound?

Ulrich Wombacher: Es gab einen vor etwa fünf Jahren. Damals wurde in der Stadt viel Minimal gespielt, also ganz reduzierte Beats. Das galt als typisch für Berlin. Heute mischt sich alles wieder mehr mit Strömungen aus New York oder England. Musik ist halt international und in den Zeiten des Internets sowieso. Aber es werden Legenden transportiert und Veranstaltungen mit dem „Berlin“-Label beworben.

Morgenpost Online: Wollen sich die Londoner jetzt abschauen, was Berlin richtig macht?

Ulrich Wombacher: Es ist ja nicht so, dass London neidisch auf Berlin guckt, die Stadt ist schließlich hochverschuldet, anders als London. Aber die Jugend interessiert sich eben für die sehr ursprüngliche Musik in Berlin und die Freiheit des Ausgehens, die in ihrer Stadt schon verdrängt wurde.

Morgenpost Online: Inwiefern?

Ulrich Wombacher: Es ist sehr selten, dass Clubs zehn Jahre lang bestehen, wie jetzt das Watergate. Die Clubs sind laut, ziehen junge Menschen an und werden da eröffnet, wo es keinen stört. Sie machen eine Gegend attraktiv. Doch wenn erst einmal die Investoren kommen, sind die Clubs die ersten, die wieder gehen müssen. Sie sind eben kein Standortfaktor für die Wirtschaft.

Morgenpost Online: Aber sie sind wichtig für den Tourismus.

Ulrich Wombacher: Ja, und das haben wir ganz alleine geschafft, ohne den Senat und ohne Fördergelder. Vielleicht auch gerade deshalb.

Morgenpost Online: Haben Sie sich für ihren Auftritt in London etwas Besonderes überlegt?

Ulrich Wombacher: Wir werden eins zu eins spielen, was wir in Berlin auch bringen. House, Techno, Elektro. Es werden etwa 2000 bis 4000 Leute in eine riesige Lagerhalle kommen. Der Ort wurde erst vor zwei Wochen bekannt gegeben. Dadurch bekommt die Veranstaltung etwas Subkulturartiges. Obwohl heute über Facebook, Twitter und so weiter nichts lange geheim bleibt.

Morgenpost Online: Ist in Berlin eigentlich an diesem Wochenende noch was los, wenn die guten DJs ausgeflogen sind?

Ulrich Wombacher: Na klar, das macht doch nichts. Die Szene ist unendlich lebhaft und es gibt so viele gute DJs. Hier ist immer was los.