Berliner Musikszene

Turntablerocker melden sich mit neuem Album zurück

Die Turntablerocker sind so etwas wie die ständige Vertretung der Fantastischen Vier in Berlin. Nun legt das Duo das Album "Einszwei" vor.

Foto: Alexander Gnaedinger / Alexander Gnaedinger/Sony

Am Berliner Mauerpark in den Arkona-Höfen machen alle irgendwas mit Medien. Fantasievolle Projekt- und Firmennamen stehen an den Briefkästen. An einer Stahltür klebt der Name Burchia, dahinter sitzen Thomas Burchia und Michael Beck, zwei Schwaben in Prenzlauer Berg, vor ihrem fenstergroßen Apple-Monitor wie vor einem Altar.

Der Bildschirmschoner zeigt wie einem Mann im Frack der Schädel explodiert und strahlt. Sein Kopfhörer wird abgesprengt. Hier arbeiten zwei Musiker: DJ Thomilla und DJ Hausmarke sind gemeinsam die Turntablerocker.

Michi Beck ist ein Viertel der Fantastischen Vier, Thomilla hat zuweilen Musik der Rapper produziert. Deshalb hängen in seinem Studio deren Platinplatten an den Wänden. Turntablerocker sind so etwas wie die ständige Vertretung der Fantas, in Berlin. 2002 zog Michi Beck von Stuttgart nach Berlin, Thomilla folgte ihm 2005. Seit ihrer Ankunft haben sie kein neues Album aufgenommen. „Smile“, ihr letztes, ist zehn Jahre alt.

Musikalische Bildungsvorsprünge

Beck deutet stolz auf ihre Einrichtung. Auf Multiplex-Regale voller Schallplatten, auf Misch- und DJ-Pulte, auf elektrische Klaviere, Heimorgeln und Schallschutzpolster. „Das als Antwort auf die Frage, warum es so lang gedauert hat“, sagt er. Es hat gedauert mit dem dritten Album und dem ersten in Berlin, nun ist es da und heißt „Einszwei“.

Der platzende DJ-Kopf verziert die Hülle. Die Dramaturgie der Tracks erzählt eine Geschichte aus dem Nachtleben wie sie berlinischer nicht sein könnte, vom Tanzen und vom Trinken bis zum Sonnenaufgang. Gesungen wird von den DJs selbst und Gästen wie Miss Platnum, durchweg auf Deutsch.

„Einszwei“ erzählt noch eine zweite Geschichte. Darin geht es um die Sounds der Städte. Stuttgart war die deutsche HipHop-Hauptstadt in den Neunzigern. „Wir hatten musikalische Bildungsvorsprünge“, erklärt Michi Beck. „Aus den GI-Diskotheken Süddeutschlands, das war unsere Sozialisation, der Sound war schwärzer.“

„Berlin war alternativlos“

Die GIs verschwanden, und die Rapper drehten sich im Kreis, bis sie erschöpft das Weite suchten. Es ging Stuttgart in den Neunzigern wie Hagen in den Achtzigern als Hort der NDW. Die Gründer gingen fort, aufs Land oder in größere Städte. „Aber ich bin ja nicht nach Berlin gezogen, weil da mehr passierte, sondern weil in Stuttgart immer weniger passierte“, sagt Beck. Als gar nichts mehr passierte, packte auch Thomilla seine Plattenkoffer. „Berlin war alternativlos“, sagt er.

Vom Berlinsound wurde immer viel geredet. Umso überschwänglicher, je dichter sich Plattenfirmen, Clubs und Agenturen drängten, und je mehr die Prophezeiung der Musikhauptstadt sich selbst erfüllte. In den Achtzigern hatte Berlin die Neue Welle, kühl und rotzig wie bei Ideal. Der Mauerfall verwandelte die Stadt in eine Technolandschaft.

Geschichte von Schwaben in Berlin

Als sich in den Nullerjahren vieles etablierte, richtete man sich im Minimal Techno ein, und wer heute ins Berghain geht, will immer noch das Gleiche hören. „Wir haben uns anfangs von den minimalistischen Sounds mitreißen lassen“, gesteht Thomilla.

„Wenn du in eine neue Stadt ziehst, willst du mitspielen“, ergänzt Beck. Als sie irgendwann zur Ruhe kamen, fragten sie sich, wo Turntablerocker als Idee geblieben war und wo das Schwäbische. Sie mieteten sich Räume und nahmen ein ordentliches Album auf.

„Einszwei“, das Album, ist die Platte, die auch von zwei Schwaben in Berlin erzählt - das wäre dann die dritte, heimliche Geschichte. Man hört einem Dutzend Liedern zu und möchte dazu tanzen.

Der Elektrosmog der Synthesizer weht aus den Berliner Easyjet-Set-Clubs herüber, wirkt aber nicht so durchdacht und schick auf karg designt, weil auch die gute, alte Diskothek zu ihrem Recht kommt. Und sogar die NDW: Plötzlich singen sie „Déjà Vu“ von Spliff, von 1982, ein bis heute rätselhaftes Lied über tote Vögel, Klavier spielende Kellner und das Warten darauf, dass die Zeit vergeht.

Witz auf eigene Kosten

Auch Michi Beck gibt zu, es nie kapiert zu haben. Aber es steht für Berlin und überbrückt in der Bearbeitung die letzten 30 Jahre städtischer Musikgeschichte. „Alles auf die 303“ nennen Beck und Thomilla ein eigenes Stück. Der Roland 303 war ein gebräuchliches Gerät der Housemusik um 1989.

„D.W.I.E.S.“ heißt ein anderes Stück, es steht für die DJ-Weisheit „Die Welt ist eine Scheibe“ und handelt vom Kerngeschäft der Turntablerocker. Es geht so: „Ich will einen DJ, ich brauch einen DJ. Du hast deinen Laptop mit dabei, die Top Ten. Du hast keine Planung, du hast keine Ahnung. Dein Programm läuft von allein, doch darauf fall ich nicht rein.“ Man kann „D.W.I.E.S.“ als Gemeinheit hören gegen die Berliner Laptop-Musikanten oder als Verbeugung vor sich selbst und dem Vinylhandwerk. Aber es ist ein Witz auf eigene Kosten.

"Deutsche brauchen Sündenböcke"

Sie verraten, dass sie selbst in Clubnächten die Schallplatte nur noch zum Ansteuern ihrer Musikdateien und der Scheinwerfer verwenden. Das Gepäck auf Dienstreisen wird leichter. Michi Beck ist 44 Jahre alt, Thomilla 38. Alles steckt in diesem Album: Die Provinz, die Großstadt und der Ferienort, die Plattensammlungen und die erlesenen Geschmäcker zweier gütiger Veteranen.

Wo sie wohnen, werden Parkuhren und Kneipenklowände mit Schwaben-Hasszetteln beklebt. Der Schwabe wird verantwortlich gemacht fürs Bionade-Biedermeier. „Einszwei“ zeigt, dass Schwaben die Musik der Stadt auch aufregender, warmherziger, musikalischer und größer machen können.

„Deutsche brauchen immer Sündenböcke, und der Schwabe kann sein Timbre in Berlin nun mal am wenigsten verstecken“, sagt Michi Beck. Thomilla sagt: „Ich bin gern schuld, wenn es die Anderen glücklich macht.“