Es riecht nach frisch gesägtem Holz. In der Ecke der 70 Quadratmeter großen Werkstatt stapeln sich Bretter, fertige Stühle stehen geordnet im deckenhohen Regal. An der Wand klebt ein bunter Wochenplan: Montag und Dienstag sind Arbeitstage. Dann werden in der Kreuzberger Fabriketage Bretter zugeschnitten, Nägel in helles Kiefernholz geschlagen und Kanten glatt geschliffen.

Mittwoch bis Freitag steht Deutschunterricht auf dem Programm. Denn was auf den ersten Blick wie eine kommerzielle Holzwerkstatt aussieht, ist das Reich von Cucula. Der Verein stellt Designermöbel her, gebaut von Flüchtlingen.

Malik Agachi, Maiga Chamseddine, Moussa Usuman, Saidou Moussa und Ali Maiga Nouhou sind fünf Hospitanten, die hier arbeiten. Die jungen Männer sind aus Westafrika geflohen, haben mit 350 anderen Passagieren in bunten Nussschalen die lebensgefährliche Überfahrt nach Lampedusa überlebt und sind im Dezember 2013 im Zeltlager auf dem Berliner Oranienplatz gestrandet.

Alle Stücke per Hand gemeinsam gefertigt und geölt

Ohne Arbeitserlaubnis und Aufenthaltsgenehmigung – kurz: ohne Perspektive. Bei Cucula bauen sie nicht nur Stühle, Bänke und Tische des italienischen Designers Enzo Mari, sondern im wahrsten Sinne des Wortes auch an ihrer Zukunft.

Alle Stücke werden per Hand aus massiver Kiefer gefertigt und geölt. „Die Jungs sind unheimlich pingelig, Bretter mit Astlöchern gehen gar nicht“, sagt Corinna Sy, eine der Initiatoren.

In der westafrikanischen Hausa-Sprache bedeutet Cucula, „etwas gemeinsam machen“, aber auch „aufeinander aufpassen“. Das Projekt soll den Männern eine legale Zukunft in einem neuen Land ermöglichen.

Initiatoren sind die Designer Sy und Sebastian Däschle, Sozialpädagogin Jessy Medernach und Barbara Meyer vom Kulturhaus „Schlesische 27“. Dort entstand die Cucula-Idee. Ihre besondere Botschaft bekommen die Möbel durch eingebaute Planken von den Flüchtlingsbooten, die sich die Macher vom Schiffsfriedhof in Lampedusa holten.

Cucula soll Flüchtlingen künftig legalen Arbeitsplatz bieten

Cucula ist Schulungsort, Arbeitsstätte und gemeinnütziger Verein. Als eigenständiges Unternehmen soll es Flüchtlingen künftig einen legalen Arbeitsplatz und damit ein selbstbestimmtes Dasein bieten.

Diese kreative Art der Flüchtlingshilfe fand viele Unterstützer. 150 Ehrenamtliche sind gelistet, Prominente wie Schauspieler Charly Hübner fungieren als Botschafter. Zur Finanzierung wurden durch Crowdfunding 124.000 Euro gesammelt, die vor der Ausländerbehörde eine sogenannte Lebenskostengarantie rechtfertigen.

Die ist Voraussetzung für ein Visum. Die Anträge sind gestellt, doch die Angst vor Abschiebung sitzt allen im Nacken. Gut, dass die Arbeit ablenkt: Zurzeit baut Malik, ein Tuareg aus Niger, Stühle für den Kinderzirkus Cabuwazi und eine Kreuzberger Kita, erzählt Sy. Als der hundertste Stuhl fertig wurde, war Malik „stolz wie Oskar“.

www.cucula.or