Beziehungen

„Gastfreundschaft zeigt sich gerade da, wo der Gast nicht gebraucht wird“

Heidrun Friese, Expertin für Interkulturelle Kommunikation, über Flüchtlinge und die Willkommenskultur in Deutschland

Foto: privat

Wie ist es in Deutschland um die Gastfreundschaft bestellt, und zwar ungebetenen Gästen wie Flüchtlingen gegenüber? Darüber sprachen wir mit Heidrun Friese, Professorin für Interkulturelle Kommunikation an der Technischen Universität Chemnitz. Heidrun Friese ist auch Autorin des Buches „Die Grenzen der Gastfreundschaft. Die Bootsflüchtlinge von Lampedusa und die europäische Frage“ (Bielefeld, 2014).

Berliner Morgenpost: Viele Menschen tun sich in Deutschland schwer, Flüchtlinge willkommen zu heißen. Woran liegt das?

Heidrun Friese: Gastfreundschaft stellt immer die Frage, wie wir miteinander leben wollen. Sie entwickelt sich zwischen religiösen, ethischen Forderungen, rechtlichen Normen und politischen Bestimmungen. Die Aufnahme von Flüchtlingen ist neben einer religiösen und ethischen Anforderung auch eine politische Frage. Offenbar versucht man mit Ängsten vor sozialem Abstieg in Situationen, die als krisenhaft wahrgenommen werden, politisches Kapital zu schlagen – und das ja nicht nur in Deutschland. Erstaunlich ist dennoch, dass man meint, mobile Menschen würden einem – oder einer imaginierten „Volksgemeinschaft“ – etwas „wegnehmen“. Fakt ist: Deutschland und Europa wurden durch Flüchtlinge, Migranten, mobile Menschen geschaffen. Und es gibt das Menschenrecht, sein Land zu verlassen. Wenn das nur für bestimmte Menschen gilt, spielt hier Rassismus eine Rolle. Darüber muss man reden.

Ist das in anderen Ländern anders? Was haben Sie in Lampedusa erlebt?

Lampedusa – ich habe dort länger als ein Jahr gelebt – ist sehr beeindruckend. Die knapp 6000 Bewohner waren bis vor kurzem fast alle Fischer. Seeleute haben eine Haltung, die ihnen verbietet, denen nicht zu helfen, die in Not sind. Da wird nicht gefragt, woher einer kommt, wie er heißt, was er will. Da wird selbstverständlich geholfen. Als ich nach der tunesischen Revolution 2011 auf der Insel war und über 100.000 Menschen dort landeten, gab es schon Besorgnisse. Zeitweilig waren mehr Tunesier auf der Insel als Einheimische. Man stelle sich so was mal in Deutschland vor! In Dresden mehr Tunesier oder Syrer als Einwohner! Auf Lampedusa haben Bewohner Telefonkarten spendiert, in der Bar Kaffee ausgegeben, Cous-Cous gekocht, ich habe ich nie ein fremdenfeindliches Wort gehört. Allerdings war die Berichterstattung nicht gelitten, die Leute fürchteten um den Tourismus. Und: Man kritisierte die Regierung, die keine anständigen Unterkünfte zur Verfügung stellte, die Ankommenden mussten unter freiem Himmel schlafen.

Haben sich Demonstranten wie die von Pegida von der Verpflichtung zur Gastfreundschaft abgekoppelt?

Ja. Eindeutig. Erstaunlicherweise beruft man sich auf die Rettung des christlichen Abendlandes. Offenbar kennen die Verteidiger Europas die biblischen Texte nicht: In Paulus’ Briefen an die Hebräer (Hebr 13,2) heißt es: „Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt.“ Das Alte Testament (Ex 22, 21) fordert, Fremde nicht schlecht zu behandeln oder zu unterdrücken, war man doch selbst als Fremde in Ägypten. Zugleich besteht die Pflicht, Fremden Asyl zu gewähren (4 Mose 30; Dt 4, 41.43; 19, 1-10). Ebenso fordert das Neue Testament Nächstenliebe, Wohltätigkeit und Gastfreundschaft (Rom, 12, 13). Unter den Werken der misericordia – dem Hungernden und Dürstenden Speise und Trank anzubieten, den Nackten zu kleiden, dem Kranken und dem Gefangenen zur Seite zu stehen – steht die Aufforderung, den Fremden aufzunehmen und zu beherbergen, an dritter Stelle (Matt. 25, 36). Auch der Koran kennt solche Anweisungen. Das arabische Gastrecht fordert, Fremde bei sich aufzunehmen, und sei es den ärgsten Feind.

Gilt Gastfreundschaft nur dem, der gebraucht wird?

Gastfreundschaft zeigt sich gerade da, wo der Gast nicht gebraucht wird – ja, diese Frage gar nicht gestellt wird. Fragen wir unsere Freunde, welchen Nutzen sie haben? Die heutige Diskussion leidet gerade an dieser Frage nach Nützlichkeit – gemeint ist: Nützlichkeit für die Wirtschaft. Eine menschenwürdige Gesellschaft ist aber mehr als Effizienz, Nützlichkeit und Produktivität. Im Grunde sehnen wir uns doch danach, nicht in einer solchen Gesellschaft zu leben. Im Urlaub bewundern wir die herzliche, spontane, großzügige Gastfreundschaft der anderen, die Freundlichkeit, die Offenheit. Wir sehnen uns nach Menschlichkeit, Authentizität, nach dem, was nicht nach Nutzen und Nützlichkeit fragt.

Was erwartet den Flüchtling, den Asylbewerber, den Einwanderer - den ungebetenen Gast bei uns?

In der Regel nichts Gutes – das gilt besonders für Asylsuchende, die bekanntlich nicht arbeiten dürfen, was man ihnen dann auch noch vorwirft. Sie werden unter teils menschenunwürdigen Bedingungen zusammengepfercht. Diese Menschen leiden an der Unsicherheit und der fehlenden Zukunftsperspektive, manche werden jahrelang nur geduldet. Diese Menschen wollen nichts anderes als Normalität. Arbeit, eine Familie, einen uns selbstverständlichen Alltag. Die Menschen, die hierher kommen, unterscheiden sich kaum von dem, was wir alle für uns erträumen, wie wir unsere Leben gestalten wollen.

Kann eine Willkommenskultur, wie von der Kanzlerin verlangt, oktroyiert werden oder kommt sie nur aus freien Stücken zustande?

Kultur kann man nicht schaffen. Was man aber schaffen kann, sind institutionelle und rechtliche Bedingungen, die Ausgrenzung einschränkt: Behörden, Kindergärten, Schulen müssen Regelungen schaffen, die gleichberechtigtes Zusammenleben erlaubt und fördert. Im Grunde braucht Europa eine gerechte Migrationspolitik. Das wäre Willkommenskultur.