Auch eine Lampe kann warm angezogen sein. Der Beweis hängt unter der Decke im hinteren Raum der Galerie Oona an der Auguststraße in Berlin-Mitte und leuchtet unter eine Hülle aus Wolle. Schräg darunter steht eine Bank, auf der ein gestricktes Kissen neben einer ummantelten Vase und einer kuscheligen Decke liegt.

Die Schöpferin all dieser gestrickten Wohnaccessoires ist Maike Dietrich, die gerade einige Mohair-Pullover in einem Holzschrank ordnet. „Maiami“ heißt ihr Label, deren Entwürfe sie regelmäßig in der Wintersaison in ihrem „gestrickten Shop“, wie sie ihn nennt, in der Galerie präsentiert. „In ein paar Tagen ist hier alles fertig“, sagt die Designerin, „dann kommt man hier auch gut hinein.“ Noch steht nämlich der Schreibtisch der Galeristin Anna Schetelich im Durchgang und behindert den Zutritt zum hinteren Teil der Galerie.

Eigentlich werden bei Oona Schmuckstücke von ausgewählten Designern verkauft, doch seit rund drei Jahren hat Anna Schetelich ihrer Freundin Maike Dietrich im Winter einen Raum zugeteilt, den die Strickdesignerin nun in einen kleinen Showroom verwandelt hat. Hier steht ihr Computer, und hier ist auch ihr Atelier, in dem sie die Prototypen ihrer Entwürfe strickt. Grob gestrickte Pullis in schmeichelnden Pastellfarben mit extragroßen Maschen, bunte Schals in Rosa, Rost und Braun sowie lässige Oversize-Cardigans und Seemannspullover liegen und hängen auf Sesseln, in Schränken und Regalen. Die qualitativ hochwertigen Teile sind zwar in traditioneller Handarbeit gefertigt, haben aber gleichzeitig etwas sehr Modernes. Bei ihren Entwürfen habe sie an die französischen Schauspielerinnen und Birkin-Töchter Lou Doillon und Charlotte Gainsbourg gedacht, sagt Dietrich.

Gestrickte Pullover und Jacken ihr Markenzeichen

Wenn sie nicht in der Galerie an ihren Entwürfen arbeitet, sitzt sie am liebsten zu Hause vor dem Fernseher. „Das ist mein absoluter Lieblingsplatz zum Stricken“, sagt Dietrich, „und das nicht nur, weil das Sofa so gemütlich ist.“ Die 45-Jährige erzählt, dass sie beim heimischen Werkeln vor dem Fernseher auch die meisten Inspirationen bekomme. „Die ästhetische Qualität einiger Filme haben mich zu ganzen Kollektionen angeregt“, sagt Dietrich, die aus Bad Lauterberg im Harz stammt. So ist der Labelname ein Wortspiel aus ihrem Vornamen Maike und der amerikanischen Metropole Miami, jener Stadt, in der früher ihre absolute Lieblingsserie spielte: „Miami Vice“. Natürlich stehe der Name damals wie heute nicht für einen ausgesprochen anspruchsvollen Geschmack und rieche eher nach pastellfarbenem 80er-Jahre-Trash. Doch das ist gewollt. „Ich liebe Brüche“, sagt Dietrich.

Schon als Maike Dietrich ihr Label 2003 gründete, waren gestrickte Pullover und Jacken ihr Markenzeichen. Begonnen hat alles mit einem Pulli mit Blumenmotiv, den Dietrich für sich selbst gestrickt hatte. „Durch das besondere Garn wirkte die Auflösung der Maschen irgendwie pixelig, und das sah ganz speziell aus“, erinnert sich die Designerin. Plötzlich wollten ihre Freunde solche Pixel-Pullis auch. Und Dietrich lieferte. Sie strickte und strickte und kam bald mit der Produktion nicht mehr nach. Vom Pferdekopf bis zur Kalaschnikow, vom Martiniglas bis zum Flamingo reichte ihre Motiv-Palette.

Irgendwann hängte Dietrich ihren Job als Stylistin endgültig an den Nagel und machte sich selbstständig. Auf der Premium-Messe vor neun Jahren war es vor allem ein Japaner, der die Handarbeit zu schätzen wusste und kräftig orderte. Heute hat sie ihr Sortiment durch die Wohnaccessoires erweitert und liefert ihre Modelle nicht nur nach Japan, sondern auch in die USA, nach England und Australien. Längst kann sie die Order nicht mehr selber bewältigen. Bei 2600 Pullovern pro Saison verschickt sie die Wolle an ausgewählte Frauen in ganz Deutschland, die nach ihren Entwürfen die Sachen stricken. Die Prototypen stellt sie immer noch selbst her. Und wartet gespannt auf die nächste gute Fernseh-Serie.