Stil-Kolumne

Kann man ohne Kippen cool sein?

Zigarettenraucher sterben allmählich aus, zumindest im echten Leben. Im Kino wird allerdings kräftig weiter gequarzt. Klar. Es ist eben nahezu unmöglich, einen lässigen Film ohne Zigaretten zu drehen – glauben die Trendscouts von „The Corner".

Wie sollen sich die Leute eigentlich im Zeitalter der Rauchverbote kennen lernen? „Haben Sie mal ein Kaugummi für mich?“, kann es wohl nicht sein. Kein Wunder, dass die Menschen den ganzen Tag im Internet surfen müssen, um das zu organisieren, was früher mal vor der Zigarette danach kam.


Keine Frage: Rauchverbote sind toll. Und ja, Rauchen ist furchtbar giftig, es stinkt schrecklich und überhaupt ist es total out. Aber so ein ganz kleines bisschen kann man doch wehmütig werden, wenn man an die Zeit der monströsen Aschenbecher denkt, die da in der Welt herumstanden. Ob in der Bank, im Büro oder im Fernsehstudios – überall wurde sorglos gequalmt (und gesoffen)! Und wie weit weg war man da von dem heutigen Antizigarettenwahn.


Heute geziemt es sich für einen Star eher, einen Privatporno zu drehen als mit einer Zigarette erwischt zu werden. So ungewöhnlich sind Raucher in der Öffentlichkeit, dass man über Ex-Kanzler Helmut Schmidt staunen muss, wenn man ihn in Talkshows Ketterauchen sieht.


Nur im Kino ist die Raucherwelt noch mehr als in Ordnung. Vor ein paar Wochen war im „Stern“ zu lesen, was man als Kinogänger schon ahnte: Es wird laut Studien im Film mehr gepafft denn je, obwohl im echten Leben immer weniger Menschen von der Zigarette abhängig sind. Das ist einleuchtend: Selbst ein Medizinethiker, der Rauchen in dem Artikel verurteilt, muss zugeben, dass Zigarren, Pfeifen und Zigaretten aus „dramaturgischen Gründen“ unverzichtbar sind.

Rauchen ist spannend...

Rauchen hilft eben nicht nur beim Kennenlernen, sondern ist auch der Spannung dienlich. Daran können Menschen sich bestimmt gut erinnern, die sich durch David Lynchs „Wild at Heart“ gezittert haben. Da weiß man, wenn mal wieder eine Zigarette angezündet wird, dass gleich wieder höllische Gewalt droht. Überhaupt gehört Feuer, Rauchen und Gewalt irgendwie zusammen. Das Böse raucht, seit eh und je. So zündet sich Jean-Paul Belmondo, der in „Außer Atem“ einen Polizistenmörder spielt, in dem Film eine nach der anderen an. Wenn Al Pacino in "Scarface" den Mafia Boss mimt, muss er dabei rauchen. Und der Serienkiller aus dem aktuellen Tarantino-Film "Death Proof" qualmt natürlich auch.

Böse und cool, das liegt so nah beisammen wie nett und Nichtraucher. Die Überhausfrau Doris Day mit Zigarette? Niemals! Dagegen kann man sich Vamps wie Marlene Dietrich, Jean Morreau oder Lauren Bacall kaum ohne Zigaretten vorstellen. Was waren das noch für herrlich verruchte Frauen. Und was konnten die noch rauchen, so richtig mit inhalieren! Heute, da wird ja oft nur noch gepafft. Man hat richtig vor Augen, wie diese blonden, unfassbar anständig ausschauenden Schauspielerinnen nach den Dreharbeiten trotzdem erst mal drei Wochen machen müssen. Doris Days Töchter eben. Schade eigentlich, dass Kate Moss keine Filme dreht. Die kann noch wirklich qualmen!

...und rebellisch

Rauchen, das hat immer noch etwas Rebellisches, Unangepasstes, Outlawmäßiges. Kein Wunder, dass pubertierende Kinder in den Schulen in Raucheraufklärungskampagnen heutzutage Filmausschnitte aus Quentin Tarantinos Film „Pulp Fiction“ gezeigt bekommen. Kinder, so nicht, bitte! Nichts desto trotz quarzen auch die Helden in seinem neuesten Film „Death Proof“ beachtliche Mengen Zigaretten.

Aber das wird die Nichtraucherbewegung nicht stoppen. Im Kino selbst darf man ja ohnehin schon längst nicht mehr rauchen. Die Raucher werden aus dem echten Leben ebenso verschwinden wie Zippofeuerzeuge, Zigarettenetuis, Zigarettenspitzen und Aschenbecher mit Dreh-Versenk-Mechanismus. „Was ist eigentlich Rauchen?“, werden die Kinder eines Tages fragen. Dann schicken wir sie einfach ins Kino. Zu Bildungszwecken.