Ärztekammer-Chef

Verharmlosen Sie das Rauchen, Herr Jonitz?

Günther Jonitz erhitzt die Gemüter, ganz besonders die der Nichtraucher. Bei einem Zigarren-Händler hielt er einen Vortrag über die Grenzen des Nichtraucherschutzes – auf eigenen Wunsch. Morgenpost Online hat mit dem Ärztekammer-Chef über seine umstrittenen Thesen gesprochen.

Foto: Michael Brunner

Offiziell eingeladen hatte Günther Jonitz der Zigarrenhändler Maximilian Herzog. Den schienen die Thesen des Ärztekammer-Chefs so zu erfreuen, dass er einen Bericht über den Abend auf seiner Internetseite veröffentlichte. Dort steht auch, wer sonst im offenbar gut besuchten Salon zugegen war. Mediziner und Vertreter der Tabakindustrie. Anwesend war beispielsweise der Pressesprecher des Deutschen Zigarettenverbands.

Jonitz rauchte demonstrativ eine Zigarre, outete sich als Zigarren-Fan und Genussmensch. Und er sagte: Rauchen in geringen Dosen sei nicht gesundheitsschädlich. „Allein die Dosis macht, dass ein Gift ein Gift ist“, sagte der Ärztekammerpräsident wörtlich. Er fürchte sich vor dem Moment, wo Gesundheitsapostel ihm all das verbieten, was das Leben ausmache.

Jonitz forderte statt Nikotinverbot in Gaststätten bessere Abluftanlagen einzubauen. Auch Raucherzimmer in Krankenhäusern hält er für sinnvoll. Die Tabaksteuer solle zweckgebunden zur Finanzierung der Krankenkassen eingesetzt werden dürfen. Berliner Krebs- und Lungenspezialisten und Nichtraucherverbände zeigen sich empört. Allen voran die Volksinitiative Frische Luft in Berlin, die jetzt den Rücktritt des Ärztekammerpräsidenten fordert. „Er argumentiert wie Vertreter der Tabakindustrie, wissenschaftlich lassen sich die Thesen nicht halten“, sagte Vivantes-Lungenspezialist Wulf Pankow. Frank Montgomery, Chef der Bundesärztekammer, kämpft übrigens gerade in Hamburg für ein absolutes Rauchverbot in der Öffentlichkeit.

Gegenüber Morgenpost Online verteidigte Jonitz seine Thesen. Die Fragen hat er schriftlich beantwortet.

Morgenpost Online: Herr Dr. Jonitz, Ihnen wird vorgeworfen, das Rauchen verharmlost zu haben!

Günther Jonitz: Ich verharmlose das Rauchen nicht. Ich bin dafür, dass man sich um die Ursachen und Auswirkungen von Problemen und Gefährdungen anschaut, anstatt die Welt schwarz-weiß zu betrachten.

Morgenpost Online: Was war das denn für eine Veranstaltung?

Günther Jonitz: Ein Treffen von Menschen, die gerne Zigarre rauchen.

Morgenpost Online: Warum waren Sie dort?

Günther Jonitz: Um zum Thema „Nichtraucherschutz unter Erhalt des Genussrauchens“ zu reden.

Morgenpost Online: Was hat Sie bewegt, dort einen Vortrag zu halten?

Günther Jonitz: Die derzeitigen Maßnahmen zum Nichtraucherschutz berücksichtigen relevante Aspekte des Themas noch nicht ausreichend.

Morgenpost Online: Was stört Sie am Rauchverbot?

Günther Jonitz: Dass Rauchen verhindert werden soll, ist ein richtiges und wichtiges Anliegen. Aber Raucher zu stigmatisieren und auszugrenzen, halte ich für den falschen Weg. Verbote sind nur eingeschränkt in der Lage, Verhaltensänderungen und eine gesunde Lebensweise herbeizuführen.

Morgenpost Online: Was sind Ihre Verbesserungsvorschläge?

Günther Jonitz: Man muss an die gesellschaftlichen Ursachen des Suchtrauchens herangehen, wie ich in einem Thesenpapier dargelegt habe. Exzessives Suchtrauchen ist eine Krankheit, deren Behandlung von der Kasse bezahlt werden muss. Man muss darüber nachdenken, wie man diesen Menschen helfen kann, anstatt sie zu stigmatisieren, dazu kann auch die Einrichtung von Raucherzimmern in Krankenhäusern beitragen. Dass Nichtraucher tatsächlich wirkungsvoll geschützt werden müssen, ist unbenommen.

Morgenpost Online: Raucherzimmer in Krankenhäusern, warum ist das sinnvoll?

Günther Jonitz: Wer Patient ist, hat in der Regel schon mit seiner Krankheit genug zu tun. Kranksein ist kein Grund für eine Zwangsentwöhnung, aber eine gute Gelegenheit, die Eigenmotivation zu erhöhen.

Morgenpost Online: Was halten Sie vom Rauchverbot in Kneipen?

Günther Jonitz: Das Rauchverbot ist im Prinzip richtig. In allen öffentlichen Gebäuden dürfen Nichtraucher nicht von Rauch belästigt und gefährdet werden. Das totale Rauchverbot in der Gastronomie hat aber zum Beispiel dazu geführt, dass vermehrt im häuslichen Umfeld geraucht wird. Dort sind Kinder völlig ungeschützt.

Morgenpost Online: Die Volksinitiative gegen das Rauchen fordert Ihren Rücktritt…

Günther Jonitz: Ich bin kein Befürworter einer Weltsicht, die in „gut“ und „böse“ teilt.

Morgenpost Online: Braucht Berlin eine Volksinitiative, die sich für frische Luft einsetzt?

Günther Jonitz: Gerne, aber mit Augenmaß und auf solider inhaltlicher Grundlage.