Es war im Juni vor neun Jahren und ich ein naiver Neuling in Berlin, als ich plötzlich diese Riesenrauchwolke über der Stadt westlich des Brandenburger Tors sah: Randale – dachte ich sofort! Die Tumulte des 1. Mai steckten mir noch in den Knochen. Dann stand ich mittendrin in den Nebelschwaden und war wie betäubt vom Bratduft der Suçuk-Würste, Köfte und ganzen Lämmer am Spieß um mich herum. Sobald es nämlich Sommer wird in der Hauptstadt, also praktisch nach der Schneeschmelze Ende April, eröffnen die Berliner die Grillsaison, ihr Sommerfest im größten Garten überhaupt – genauer: im Tiergarten. Und da auch nicht irgendwo, sondern in direkter Sichtweite zum Schloss Bellevue, dem Sitz des Bundespräsidenten Christian Wulff. Da schwärmen ganze Völkerstämme aus, ausgerüstet mit Klappstühlen, Wolldecken, Kühlboxen und Lidltüten voller Grillgut. Manche reisen mit ihrem halben Hausstand an – Sessel, Teppich, Ghettoblaster – und die Natur wird zur erweiterten Wohnstube, in der man das ungezwungene Leben unter freiem Himmel genießt und begießt.
Selten feiert der Mensch so fröhlich wie im Freien zu dieser leider ja sehr kurzen Jahreszeit: Er ist ausgelassener – im Garten macht man keine teuren Möbel kaputt. Der Gastgeber ist entspannter – selbst wenn der Rotwein umkippt, er landet ja nur auf den Hortensien. Gartenpartys finden außerdem am Tage statt, da sind alle fit. Keiner muss befürchten, dass er bis in die Nacht versackt – zu kalt. Und das gilt für jeden Garten – ob's der eigene ist, ein besetzter wie der Tiergarten oder der Privatpark von Sir Elton John – aber dazu später mehr.
Trotzdem lässt es sich natürlich auf vielerlei Weisen feiern. Wer einmal Gast auf dem barocken Landsitz eines rheinischen Werkzeugherstellers war, der durfte sich die Zeit erst einmal mit Bogenschießen oder Heuballenwettwerfen vertreiben und mit den übrigen Gästen relaxen, bis am Abend gelöst der Hausherr erschien: „Nee, wie schön, datta alle da seid. Habta Spaß jehabt?“ Das hat wirklich Stil.
An einem Julitag im Schrebergarten eines Models aus Potsdam zwischen Bahngleisen und Plattenbauten herrschte wiederum ein ganz anderer Glamour: Da entspannte man in der Hollywoodschaukel auf 100 Quadratmeter Rollrasen, eingewachsen zwischen Stachelbeerbüsche und Tomatenstauden. Planschbecken davor. Es gab Nudelsalat zum Käseigel, Bier aus der Flasche, und aus dem Radio dudelten Schlager: Die Parzellenparty als Urlaubsgefühl mit Jägerzaun drum herum.
Auch das berühmte Pferderennen in Ascot ist im Grunde nichts anderes als eine riesige Gartengaudi, zu der die Männer in Cut und Zylinder, die Frauen mit großem Hut in ihren Bentley und Rolls-Royce vorgefahren kommen. Auf den Parkplatzwiesen packen dann livrierte Butler schwerstes Silber aus: Picknicktafeln mit feinstem Porzellan, Kristall und Blumen. Man haut sich ins Gras, und zu Pâté und kaltem Huhn an Minzsoße am frühen Mittag schon die schwersten Rotweine, Pimm's und Champagner in den Schädel. Wenn gegen zwei das erste Rennen beginnt, räumt die Dienerschaft den Rasen wieder ab, die Gesellschaft schreitet mit betont geradem Rücken zu ihren Logeplätzen. Dort sitzt man dann, lacht und plaudert und schaut ab und zu mal raus, ob da irgendwo ein Pferd läuft.
Der Engländer, kann man sagen, hat das kultivierte Gartenleben überhaupt erfunden. Als ein permanent Schlechtwetter-Geplagter drängt es ihn nach draußen, sobald für einen Moment mal der Himmel aufreißt. Schon allein darum prägt ihn, wir wissen es von Prinz Charles, eine starke Sehnsucht nach Flora und Fauna. Ist das Grundstück auch noch so klein, er zähmt das Grün, das ihn umgibt, künstlerisch und liebevoll – und möchte den Anblick dann natürlich auch teilen und feiern. Überhaupt, plötzlich, da draußen, kriegt alles eine Heiterkeit. Die Sinne werden gestärkt durch den Duft von frisch gemähtem Gras, Jasmin, Lindenblüte – allein die Farben! Dazu weht eine warme Brise. Schöner ausstatten kann man keine Party. Grün macht glücklich, sagen sogar Therapeuten. „Jeder Morgen“, offenbarte sich mal eine Millionärsgattin auf ihrem Dachgarten, einer Oase mitten in Manhattan, „ist wie ein Fest mit mir selbst. Ich liebe es, in aller Frühe barfuß auf meine Terrasse zu treten und meinen Decaf Latte zu trinken, wenn die Hunde an meinem Nachthemd zupfen. Da vergesse ich sogar, dass mich mein Mann seit 14 Jahren betrügt.“
Einer, der zu den begehrtesten Gastgebern von Gartenpartys zählt, ist zweifelsohne Sir Elton John. Sein „White Tie & Tiara Summer Ball“ ist legendär. Zu Recht: Keine Rauchwolken, kein Grillgeruch, hier achtet wirklich einer mal auf alles. Es beginnt schon damit, dass die Location, ein piekfeiner Park, sein ganz privater ist, wie auch das Schloss darin, das sehr hübsch aussieht, auch wenn es nicht sonderlich groß und ein Neubau ist. Das Ganze spielt natürlich in England, genauer im feinen Old Windsor, wo die andere Queen, die echte, seine Nachbarin ist. Am letzten Donnerstag im Juni war es wieder so weit und ich als Debütantin auf dem Garten-Defilee de luxe dabei.
Wie kommt man rein in den Garten? Zunächst mal: nur mit persönlicher Einladung. Die überbringt ein Paketdienst, denn wenn Sir Elton und sein angetrauter Partner David Furnish auf ihr schwer bewachtes Grundstück bitten, kommt richtig dicke Pappe an. Oder man kauft sich ein mit 3000 Pfund, da unterstützt man aber auch die Elton John AIDS Stiftung: Feiern kann jeder, dabei auch Gutes zu bewirken gelingt nur einem Popstar, der die Reichsten der Reichen seine Buddies nennt: Liz Hurley, Jon Bon Jovi, Anselm Kiefer, Alexander Lebedev, die Osbournes, die Beckers – alle waren dieses Jahr da. Da kam in seinem Lustgarten richtig Moos zusammen: 6,8 Millionen Euro.
Das Fest im Grünen beginnt erst oder schon, wie man's nimmt, zu einer Tageszeit, da ein Gast, der sich auf den Ausgang vorbereitet, hierzulande gerade in die Badewanne steigen würde: abends um sechs. Da steht man also, auch schon wegen der langen Anreise, für eine entspannte Gartenparty (630 engste Freunde) ganz schön unter Stress, zumal der Dresscode nicht casual T-Shirt, Shorts, Flipflops lautet, auf Eltons Wiese trägt man Frack und Diadem. Heißt, man schreitet in einen Garten wie in die Oper, bei 28 Grad im Schatten, obschon sich nicht jeder streng an die Kleidervorschrift hielt. Mal erschien Sie als schwarze Schwalbe und Er behängt mit Diamanten. Andere kamen wie zur Faschingsparty (Indianer-, Maharadscha-Look), viele in Turnschuhen zum Designer-Smoking. Die Frauen in Lang, schönheitsköniginnenartig, mit funkelnder Tiara. Die hat man im Bestfall geerbt, gekauft, geliehen (bei Chopard für bis zu fünf Millionen Euro) oder gehäkelt. Ich komme wie Ornella Muti: oben ohne. Unheimlich jung sieht die Aktrice plötzlich aus. Einen Vorteil hat die blue hour: den des Lichts und somit des Teints. Es ist die gnädige, die goldene Stunde.
An mit Mullbinden verarzteten Bäumen vorbei, von deren Ästen Menschen in Zwangsjacken baumeln – huch, hängen da nicht eigentlich Lichterketten? –, stöckle ich über den Kies, der schon die Pumps von Prinzessin Diana ruiniert hat. Elton, der Rührende: Eigens fürs Fest ließ er einen grün befilzten Steg über seine Auffahrt legen, damit den Gartengrazien genau das eben nicht passiert. Das Personal wartet schon – merkwürdig um Kopf, Arme und Beine bandagiert, als sei es frisch operiert. Plastiktabletts werden blitzartig heranjongliert, darin hängen langstielige Champagnerflöten wie in einer Art Laborset. So kann nichts umkippen, sollte ein Kellner über eine Wurzel stolpern, was nicht passieren dürfte. Fünf Gärtner haben vorgesorgt: Der Rasen wirkt wie mit der Nagelschere manikürt.
Plötzlich ein gellender Schrei aus den Buchsbaumhecken: Aaaaaaiiiiiihhhhhh! Was war das???
Später erfährt der Gast: Es war Lady Gaga, die Lady Gaga, beim Soundcheck für ihren Auftritt zu später Stunde. Klar, eine Gartenparty braucht Programm, keiner soll sich langweilen. Anderswo wird Federball gespielt, hier trällert eben ein zweiter Weltstar. „Wie süß von Elton, such a Darling! Ein solcher Überraschungskünstler, Geber!“, flötet eine Frau, die ihre Oberweite vor sich trägt wie den Balkon einer Abriss-sanierten Altbauvilla. Zur Kostümierung der ländlichen Lässigkeit hat sie sich in Klatschmohnrot gehüllt. Auf dem Kopf trägt sie eine Art Mistgabel. Manchmal kann man Gäste und Deko kaum auseinanderhalten: Ist das Kunst oder kann das weg? Aber auf weiter Fläche verläuft sich das.
Der Hausherr, im Frack natürlich, pennygroßer Brilli in einem Ohr, steht im Zentrum seines Gartens, wo ihn jeder sofort finden kann, und begrüßt mit seinem Partner gute zwei Stunden unermüdlich Gäste: Händedruck, Küsschen auf die Wange(n), Schulterschlag, umklammernde Umarmung – je nach Freundschaftsgrad. Oder Spendierfreudigkeit? Ein außerhalb der Reichweite deutscher Klatschzeitschriften unbekannter Keksfabrikant aus Aachen erfährt eine kurze, aber höfliche Begrüßung, dann auf Bitten schnell noch ein gemeinsames Foto. „IJay“ nickt, Gast strahlt. Alle glücklich. So funktioniert der „Circle of life“ im Garten Elton. Der Meister des Pops in Moll überreicht mir seine Hand wie ein Wurstbrot: warm, ehrlich, weich. Ich: „Sir John oder Elton?“ – Er, mit dieser dunklen, warmen „Candle in the wind“-Stimme, als wohnte in seiner Kehle seine ganze Seele: „Wir sind im Garten, Elton reicht.“ Was bedeutet die Deko, dass wir alle in der Klapse enden? Er: „Es gehört zum Motto: Gaga in Wonderland. Man muss seinen Gästen etwas bieten, nicht nur, um sich zu bedanken. Die meisten sind weit gefahren, erschöpft, die haben Stress. Da holt man sie nur raus, wenn man sie verzaubert mit einer Welt, in der sie sich auch mal fallen lassen können.“ Er trinkt den ganzen Abend übrigens nur Wasser. Die wilden Zeiten sind bekanntlich vorbei. Stehen, durch seine Sonnenbrille gucken, lächeln, Menschen streicheln. Mehr müsste er gar nicht tun. Er ist so berühmt, ihn nur anzuschauen reicht.
Es hat etwas Höfisches, wie alle vortreten und ihn anknicksen. Modedesigner Valentino beobachtet den Catwalk aus der Ferne, er träumt von besseren Zeiten: „Die Mode war toll in den 50ern, in den 70ern. Und jetzt? Ein Desaster!“ Macht ja nichts. Das Schöne an Gartenpartys ist ja doch die absolute Freiheit dort, ohne Regeln, Fauxpas. Man darf rauchen, trinken, in frischer Luft verträgt man ja viel mehr. Herumlaufen und ungeniert gucken: Ob die Haarfarbe von Kelly Osbourne, die mit 25 plötzlich ergraut ist, wirklich echt ist und mit welchem Jüngling Ivana Trump da wieder Händchen hält. Alles glotzt. Man gibt sich gar nicht erst Mühe, heimlich zu schauen oder Gespräche zu belauschen.
Im Park gibt's kein Placement, man lässt sich treiben und berieseln vom Small Talk des Sommers: „Hi, Darling, you look great!“ – „Oh love, du siehst auch so toll aus. Hast du was machen lassen?“ Andere resümieren das Fest vom Vorabend. Wer in London lebt, hat ja die Auswahl, auf mindestens fünf Gartenpartys pro Abend zu gehen. Wie geht's Kate (Moss)? Was macht Jade (Jagger), ist sie schon auf Ibiza? Und war der Kaviar wieder so schrecklich knapp, jetzt wo auch noch der Stör stirbt? Bleibt nur die Frage: Und wie war Ihre Grillparty gestern so?





