Heute sind wir wieder im Supermarkt. Wer Wein beim Discounter Aldi kauft, muss wissen: Es gibt Aldi-Süd und Aldi-Nord. Aldi-Süd hat inzwischen ein erstaunliches Angebot, zu dem auch die „Edition Fritz Keller“ mit untadeligen Weiß- und Rotweinen aus Baden gehört. Zudem wird Aldi-Süd durch so große Namen wie Sommelier-Weltmeister Markus Del Monego erstklassig beraten. Das ist bei Aldi-Nord anders. Hier marschiert der Kunde durch ein bunt gemischtes internationales Sortiment von Weinen der niedrigsten Preisklasse bis hin zu Weinen aus dem Großraum Bordeaux, die auch um die 11 Euro kosten können.
Ich greife mir bewusst eine deutsche Flasche Riesling – und stutze ob des hehren Namens. Das Weingut nennt sich „Rembert Freiherr von Schorlemer“. Ich kenne viele deutsche Adelsgüter, aber dieses hier ist mir neu. Der Wein hat eine regelrechte Lagenbezeichnung, eine amtliche Prüfnummer, das Prädikat Spätlese und den unvorstellbaren Preis von 1,59 Euro. Hier stockt der Fachmann, kehrt in sich, holt den spitzen Bleistift und fängt ungläubig an zu rechnen.
Die Händler-Gewinnspanne wird etwa 32 Cent betragen. Bleiben 1,27 Euro. Der 0,75-Liter-Preis Spätlese Fasswein liegt in Rheinhessen bei 75 Cent. Macht 52 Cent, die da bleiben. Für Flasche und Kunststoffkorken setzen wir Materialkosten von 26 Cent an. Bleiben 26 Cent. Wie man von diesem Restposten noch Abfüllung, Etikett und Transport bezahlen, oder gar noch einen Gewinn erzielen will, bleibt mir völlig schleierhaft.
Dieser Wein ist einfach nur: süß
Dabei ist die Spätlese-Qualität dieses restsüßen Rieslings durch eine amtliche Prüfnummer staatlich garantiert! Die Verkostung zeigt: Die Restsüße könnte – ganz legal – durch die Arbeit mit Süßreserve unterstützt worden sein. Der Wein selbst hat keine Nase, verströmt also keinen wahrnehmbaren Duft. Am Gaumen zeigt er Süße und einen Hauch von Aprikose. Weitere spezifizierbare Aromen oder eine Riesling-typische Mineralik habe ich nicht gefunden. Wer ganz einfach gern süße Weine trinkt, dem kann man nicht einmal ganz grundsätzlich von dem Produkt des Gutes von Schorlemer abraten. Wer aber von einem Wein die Charakteristik einer Rebsorte, eigene Ausprägung, Terroir und wahrhafte Aromen verlangt, der sollte deutlich mehr Geld in die Hand nehmen.
Weine wie dieser werfen noch eine andere, sehr grundsätzliche Frage auf: Wenn dieser Wein von den Beamten der Weinbehörden als Spätlese anerkannt wird und eine amtliche Prüfnummer bekommt, dann sind diese Prüfnummern einen Dreck wert. Und die vom Steuerzahler besoldeten Beamten, die die Nummern vergeben, sollten im Zeichen der Sparzwänge in den öffentlichen Haushalten womöglich in anderen Landesbehörden eine andere Aufgabe zugewiesen bekommen.
2007 Alzeyer Sybillenstein Riesling Spätlese: 1,59 Euro pro Flasche, erhältlich in den Filialen von Aldi-Nord.



