Schloss Sanssouci

Warum "Preußens Arkadien" einen Direktor braucht

Menschen, die in Parks heimlich Blumen pflücken oder picknicken, sind Michael Rohde ein Graus. Als Direktor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten ist er auch Herr über den berühmten Schlosspark von Sanssouci. Morgenpost Online sprach mit ihm über das "preußische Arkadien" – und warum es Eintritt kosten sollte.

Die historischen Parks der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten ziehen Millionen Besucher an, allein im Unesco-Welterbe-Park von Sanssouci flanieren jährlich vier Millionen. Herr aller Parks – auch Rheinsberg gehört dazu – ist seit Dezember 2004 Professor Michael Rohde. Der gebürtige Ostfriese, Jahrgang 1959, ist ausgebildeter Gärtner und studierter Landschaftsarchitekt. Von seinem Büro aus, einem anmutigen Gebäude des Architekten Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff, blickt er direkt auf dessen Meisterwerk, das "Weinbergschloss" für Friedrich den Großen im Park von Sanssouci. Sorgenfrei ist der Gartendirektor trotz des weltberühmten Panoramas nicht.

Morgenpost Online : Treibt Ihnen der Start der Freiluftsaison die Schweißperlen auf die Stirn? Millionen Besucher werden wieder heimlich Blumen pflücken, auf dem Rasen picknicken und über verbotene Wege radeln.

Michael Rohde : Wir freuen uns, dass die Parks so von den Menschen angenommen werden. Sanssouci ist beim Bekanntheitsgrad die Nummer eins in Deutschland!

Morgenpost Online : Leider benehmen sich manche Flaneure wie Banausen. Eine neue strenge Parkordnung sorgte über Berlin hinaus für Schlagzeilen.

Rohde : Falsch! Die Parkordnungen gab es schon immer – wie in allen historischen Parks Europas. Es wurde jedoch notwendig, daran zu erinnern und sie durchzusetzen, nachdem sich in den vergangenen 20 Jahren ein Gewohnheitsrecht eingeschlichen hatte. Erstmals haben wir Parkwege zum Radeln und Liegewiesen freigegeben. Inzwischen hat sich der Wirbel gelegt, und wir erfahren auch sehr viel Zuspruch. Auch durch "Preußisch Grün", eine Veranstaltungsreihe zu Historie und Praxis der Parks.

Morgenpost Online : Viele Parkbesucher vergleichen die Parks von Sanssouci in Potsdam und Schloss Charlottenburg in Berlin gerne mit dem Englischen Garten in München. Dort darf man quasi alles – hier nicht. Warum?

Rohde: Der Englische Garten wurde 1793 als erster und berühmtester Volksgarten Deutschlands eröffnet, von Anfang an für die Öffentlichkeit gedacht, wie auch später der Hamburger Volkspark. Aber bei den Potsdamer Gärten oder dem Park von Schloss Charlottenburg handelt es sich um repräsentative, von Fürsten angelegte grüne Refugien mit einem bestimmten Sinngehalt. Und mit sehr intim abgeschirmten Bereichen. Bürger durften darin promenieren, aber "entsprechend gekleidet und mit gutem Benehmen". Und der Marlygarten, am Rande von Sanssouci gelegen, einer der schönsten "Pleasuregrounds" überhaupt, war unter Friedrich Wilhelm IV. durch einen Zaun abgetrennt – den wir wieder errichtet haben.

Morgenpost Online : Park ist also nicht gleich Park?

Rohde : Genau. Wir müssen unsere historischen Parks so erhalten und restaurieren, wie sie einmal geplant waren. Es geht einerseits um ihren Schutz und andererseits um eine angemessene Nutzung in der heutigen Zeit. Diese Gärten sind lebendige Museen, Kunstgärten, viel mehr als nur Natur. Deswegen wurden sie vor 20 Jahren auch Unesco-Welterbe.

Morgenpost Online : Was macht den besonderen Zauber des viel gerühmten "preußischen Arkadien" aus?

Rohde : Hier ist eine einmalige Parklandschaft entstanden, in der jeder der Regenten neue Gärten hinzugefügt hat, denken Sie an den "Neuen Garten" als Gegenpart zum vorherigen Sanssouci. Das Ganze fügt sich durch die Blickachsen geglückt zu Landesverschönerung von höchster Harmonie. Damit hat Friedrich Wilhelm IV. im kongenialen Zusammenspiel mit Peter Joseph Lenné das Vorbild von Dessau-Wörlitz eingeholt. Auch dort war die Idee: aus dem ganzen Staat ein Gartenreich machen.

Morgenpost Online : Wer ist Ihr persönlicher Favorit unter den grünen Kostbarkeiten?

Rohde : Der ist völlig unspektakulär: die auf den ersten Blick armselige Maulbeere vor dem Orangerieflügel des Schlosses Charlottenburg! Sie ist über 200 Jahre alt, knorrig, verwachsen, zäh, muss gestützt werden – man kann Alter und Geschichte geradezu nachfühlen!

Alles wird nach historischen Plänen gepflanzt

Morgenpost Online : Die Besucher sind vor allem von blühenden Schönheiten gebannt. Was müssen Ihre Gärtner leisten?

Rohde : Logistische und professionelle Höchstleistungen. Aus den Orangerien werden demnächst 1000 mediterrane Kübelpflanzen ins Freie gefahren. Es gibt eine Frühjahrs- und eine Sommerbepflanzung, für die Ende Mai 120.000 Stauden ein- und zweijähriger Blumen gesetzt werden. Dabei wird nach historischen Plänen gepflanzt. Sehr wirkungsvoll sind die farbenfrohen Rabatten an der Fontäne unterhalb der Terrassen des Schlosses Sanssouci. Das war zu Zeiten von Friedrich Wilhelm IV. noch wie ein Wald. Erst vor einigen Jahren wurde es teilweise so wiederhergestellt, wie es Friedrich der Große erlebt hatte. Man erfreut sich wieder am betäubenden Duft der Tuberose, einer Zwiebelpflanze aus Mexiko, oder der Persischen Kaiserkrone. Alle Pflanzen werden in unseren Gärtnereien gezogen.

Morgenpost Online : Sie haben 120 Gärtner, es fehlen seit Jahren 40 Planstellen. Wäre ehrenamtliches Engagement hilfreich?

Rohde : Es gibt sehr viel ehrenamtliche Mitarbeit, die Bürger lieben ja ihre Parks! Aber bei uns mit Hacke, Spaten und Schere antreten ist leider keine Lösung. Hier geht es um Denkmalpflege. Unsere Gärtner sind speziell geschult. Es geht um alte Bäume als kostbares Kulturgut, um Proportionen und Sichtachsen, um Alleen und Hecken, die wie Theaterkulissen wirken – deswegen bezaubern sie uns. Ein wertvolles Gemälde oder Gebäude wird auch nicht mit ehrenamtlichen Helfern restauriert. Diese Parks sind lebendige Museen, die – wie jeder Garten – nie fertig werden, immer auf höchstem Niveau gepflegt werden müssen. Ein Kulturgut als gesellschaftliche Verpflichtung. Weniger Pflege – schon verwildert der Garten. Je höher die Qualität der Pflege, umso höher die Wertschätzung, umso weniger Vandalismus.

Morgenpost Online : Wie sensibilisiert man Spaziergänger dafür, dass sie in einem Kulturgut wandeln?

Rohde: Für diese Erkenntnis muss man keinen eigenen Garten haben, nicht mal einen Balkon. Wer je auf seiner Fensterbank eine Pflanze, ob Basilikum oder Geranie, selbst betütert hat, besitzt diese emotionale Bindung. Und damit die Wertschätzung. Daher zahlen auch viele unserer Besucher einen freiwilligen Eintritt – sie ahnen oder wissen, dass dies der Obolus für den Zutritt ins Paradies ist, wo sie Erholung und Ruhe finden. Mir ist es unverständlich, dass unsere Parks umsonst sind. Historische Gartenkunstwerke wie Versailles oder Schwetzingen kosten Eintritt.