Der Gestaltungs-Ehrgeiz vieler Geschirr-Designer geht heute weit über den Tellerrand hinaus. Ein Beispiel dafür ist „Urban Nature“, eine neue Idee des saarländischen Herstellers Villeroy & Boch. Das Unternehmen aus Mettlach hat den gesamten Tisch im Blick. Teller im XXL-Format und Schalen - nach dem Vorbild von Holztrögen geformt - sollen in Kombination mit Brückenelementen Landschaften formen und den Spieltrieb wecken. Denn der kommt nach der Erfahrung von Marketingdirektor Alexander Lohnherr beim Tischdecken oft zu kurz. Spontan und locker sollte ein Tisch ihm zufolge heute dekoriert werden - doch das falle den meisten Menschen schwer.
Die Produktdesigner helfen jetzt aber kräftig mit Ideen nach und lassen sich dabei selbst gerne von der Natur inspirieren. So hat der britische Designer Sebastian Conran eine Kollektion namens “2iCon“ für die deutsche Firma Leonardo entworfen, bei der er sich ganz auf organische Formen beschränkt. Werden Teller verschiedener Größen aufeinander gestapelt, erinnert das an die Jahresringe eines Baums.
Auch bei der Entwicklung ihrer Entwürfe gehen die Kreativen äußerst einfallsreich ans Werk. So soll die dänische Designerin Louise Campbell bei der Ideenfindung zum Service „Elements“ gleich reihenweise teures Porzellan zerschlagen haben – um zu sehen, wie sich Dekore aus verschiedenen Epochen mit modernen Elementen verbinden lassen. Campbell mischte schließlich ihre eigenen Ideen mit Mustern aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Zu sehen sind sie auf insgesamt 15 Geschirrteilen, die es ganz in Weiß oder mit kräftigen Farben verziert gibt.
Hauptsache individuell
Tatsächlich sollen heute selbst maschinengefertigte Stücke wie handgemacht und nicht völlig perfekt wirken. „Luxus steigt weiter in der Bedeutung“, heißt es dazu bei der Einrichtungsmesse Ambiente in Frankfurt. Und diese ungebrochene Lust an Kostbarkeiten drücke sich auch in der steigenden Vorliebe für Individuelles, für Einzelstücke und Sonderanfertigungen aus.
Ein paar ganz besonders originelle Ideen sind seit neustem in einem Buch zu bestaunen. „Handled with care – contemporary ceramic design” lautet der Titel. Darin stellt die Internetplattform Designboom.com 180 zum Teil ziemlich verrückte Keramikprojekte vor, die im vergangenen Herbst in einer Ausstellung in London zu sehen waren.
Da sind etwa die „Fruitbowls“ eines britischen Designers abgebildet: Schüsseln, die aussehen wie Basektbälle aus denen man die Luft rausgelassen hat. Auch Tassen und Teller mit Pfropfen und Abflüssen sind zu sehen. Es gibt Trinkbecher mit kleiner Kerbe, in der man seine Zigarette ablegen kann und welche, die aussehen, wie mehrere ineinander gestapelte Tassen. Ein brasilianisches Designkollektiv wiederum hat Salz und- Pfefferstreuer in Form kleiner Gespenster gestaltet.
Die Hamburger Produktdesignerin Andrea Broeggelwirth hat sich gleich den ganzen Fernsehturm der Hansestadt als Vorbild genommen. Sie hat ein Geschirr-Service gestaltet, das zusammengesetzt genauso aussieht wie eine weiße Miniversion des Gebäudes. Noch gibt es allerdings gerade mal zwei Prototypen dieser Idee, ein Produzent dafür wird noch gesucht. Das gilt auch für den praktischen Einfall des spanischen Designers Victor Vinamata. Er hat Teller ausgetüftelt, die tatsächlich einen Haken haben, beziehungsweise einen kleinen Einschnitt, damit man sie aufhängen kann. Zum Beispiel an die Wäscheleine. Jetzt muss eigentlich nur noch einer eine Waschmaschine erfinden, in der man Wäsche und das Geschirr zusammen reinigen kann.



