Kostenmanagement, Synergien, Kalkulationen, Preistabellen – Martin Textors Tisch liegt voll mit Papierkram, um den er sich kümmern muss und den er noch nie sonderlich gern gemacht hat. Durch die geschlossene Bürotür dringen Geräusche, zur Alltäglichkeit gewordene Laute, die er kaum noch wahrnimmt. Zwei Männer lachen, einer hat einen Witz erzählt, den sein Kumpel noch nicht kannte. Ein anderer verkündet mit tiefer Stimme, dass der Kaffee durch sei. Irgendwo kracht es laut, dann scheppert es mächtig. Seine Jungs trainieren, üben das Eindringen in eine Wohnung. „Noch mal“, ertönt wieder eine andere Stimme, „und lass die Tür ausnahmsweise mal ganz.“
Es ist Freitagmorgen, der 11. April 2003. Ein Radio wird eingeschaltet, in wenigen Minuten kommen die Nachrichten auf 104,6 RTL. Früher hat Textor selbst noch trainiert und Wohnungen gestürmt und Schwerverbrecher festgenommen und mit den Jungs darüber gefachsimpelt, ob nun die israelische Uzi oder die Heckler & Koch MP5 die bessere Maschinenpistole ist. Heute ist er Chef aller Spezialeinheiten der Berliner Polizei. Das Spezialeinsatzkommando (SEK), die Männer des Mobilen Einsatzkommandos (MEK) und die Präzisionsschützen sind ihm unterstellt. Textor ist Urgestein, alter Haudegen, er hat das SEK in Berlin aufgebaut und Terroristen festgenommen. Er ist ein Zwischending aus Vorbild und Vaterfigur, und auch die ganz Harten kommen schon mal auf einen Kaffee in sein Büro am Augustaplatz in Lichterfelde, wenn sie Liebeskummer haben oder einen Rat für die Finanzierung ihres Hauses brauchen. „Verdammte Preistabelle“, denkt Textor und widmet sich wieder den „Führungsaufgaben“.
Dann kommt die Meldung von der Geiselnahme
Plötzlich ändert sich die Geräuschkulisse. Lautes Getrampel schallt durch das alte Gebäude am Augustaplatz. Jetzt rennen seine Jungs, greifen nach Schutzwesten und Helmen und Masken, Waffen werden ins Freie zu den Fahrzeugen geschafft. Textor macht die Tür auf und sieht sich um. „Darf ich mal erfahren, was hier los ist?“, ruft er den Flur hinunter. Sero rennt an ihm vorbei, ein Funkgerät einsteckend. „Ne Geiselnahme, und zwar eine mobile. Ein Bankräuber hat ’nen Bus gekapert“, ruft der Führer des 2. Teams noch, dann ist auch er verschwunden.
Ein Hüne mit kurzen, dunklen Haaren erscheint bei Textor. „Wir wissen noch nicht viel, aber der Kerl hat die Commerzbank an der Schloßstraße überfallen. Er hat mindestens eine Schusswaffe, und er lässt den Bus quer durch die Stadt fahren. Funkstreifen sind an ihm dran, das MEK auch“, berichtet SEK-Chef Jörg M. Er hat sich in die Tür gelehnt, und Textor sagt leise: „Ach du Scheiße.“ Es ist 9.48 Uhr.
Die Polizei befindet sich in der sogenannten „chaotischen“ Phase. Es gilt, schnellstmöglich Informationen zusammenzutragen. Noch wird der Einsatz von der für Steglitz zuständigen Direktion 4 geführt, doch Textor ist schon fast auf dem Weg zum Platz der Luftbrücke, zum Polizeipräsidium, wo er bald den Gesamteinsatz leiten wird. Jörg M. ist ab sofort für die Aktionen des SEK zuständig.
Der Täter hat die Dienstwaffe einer Polizistin
Zu diesem Zeitpunkt wissen die beiden Männer noch nicht, dass es zwei Täter waren, von denen einer nach dem Banküberfall an der belebten Einkaufsstraße im U-Bahn-Tunnel verschwunden ist und dabei einen Teil der Beute verloren hat. Auch nicht, dass der andere zu Fuß in eine andere Richtung geflüchtet ist und dann einen BVG-Bus der Linie 185 an einer Haltestelle betreten hat. Dass ihn die Besatzung eines Funkwagens verfolgen konnte, aber dann mit der Waffe bedroht wurde. Dass der Verbrecher den männlichen Beamten aus dem Fahrzeug vertrieben und eine junge Polizistin als Geisel genommen hat. Dass sie den Lauf einer Pistole bereits an der Schläfe hatte. Dass er jetzt ihre Waffe hat und sich aus Versehen ein Schuss löste. Die Kugel trifft den Geiselnehmer, geht aber nur den Hosenstoff.
All dies beschäftigt die beiden Polizeiführer drei Minuten später. Jetzt wissen sie, dass die Lage wirklich ernst ist. Hatten sie eben noch hoffen können, dass der noch unbekannte Täter vielleicht nur eine Schreckschusspistole bei sich haben könnte, so ist dieser Wunsch nun zerplatzt, denn jetzt hält er eine Dienstwaffe in den Händen. Und zwei volle Magazine.
Der Bus soll gestoppt werden – aber nicht am Kudamm
„Stoppt den Bus, Jörg, stoppt den Bus“, sagt Textor leise. „Aber nicht am Kudamm oder am Brandenburger Tor. Irgendwo, wo wenige Menschen sind.“ Dann steigt er ins Auto, und Jörg M. geht in die SEK-Zentrale. Es ist 9.55 Uhr.
Der Bus fährt über die Grunewaldstraße auf die Avus. An der Landesgrenze zu Brandenburg stehen schon Bereitschafts- und Elite-Polizisten für den Fall bereit, dass der Täter diese Richtung nimmt. Doch der „Große Gelbe“ fährt nach rechts, Richtung Charlottenburg, Richtung Kurfürstendamm. Im Kopf von Jörg M. arbeitet es. Er wird nicht schlau aus den Handlungen des immer noch unbekannten Geiselnehmers. Immer wieder hatte er auf seiner Route ohne festes Ziel Geiseln aus dem Fahrzeug gelassen, zuletzt eine alte Frau an der Abfahrt Hüttenweg. „Immer in Bewegung bleiben, bleib in Bewegung“, soll der Geiselnehmer den Fahrer angehalten haben. „Halt bloß nicht an!“ Ein ganzer Tross von Zivilwagen der Polizei hat sich inzwischen an den Bus geheftet, ab Dreieck Funkturm werden alle Funkstreifenwagen abgezogen. Der Täter soll nicht wissen, dass er verfolgt wird. Und tatsächlich steht er im Heck des gekaperten Busses und fragt immer wieder: „Sind das da Polizisten? Sind das die Bullen?“
Sie sind es. Mehr als 30 SEK-Beamte und zusätzliche Kollegen des MEK rasen durch die Stadt, den Menschen hinterher, die sich in der Hand des Verbrechers befinden. Über Funk sprechen sie sich ab, und sie haben einen Plan. Der Sachsendamm, das wäre es, der Sachsendamm. Und tatsächlich fährt der Täter in diese Richtung. Dann geht alles ganz schnell. Mehrere Fahrzeuge überholen den Bus, setzen sich davor und treten gleichzeitig aufs Pedal. Mit quietschenden Reifen kommen die Autos zum Stehen. „Macht es so, dass ihr ihn notfalls wieder fahren lassen könnt“, hatte Textor noch gefordert. Er kann nicht ausschließen, dass der Mann wild um sich schießt, wenn er die Ausweglosigkeit seiner Situation erkennt, wie eine in die Enge getriebene Ratte. Doch wieder handelt der Bankräuber unerwartet und unternimmt nichts. Der Bus hat gestoppt, und von allen Seiten stürmen jetzt maskierte und schwer bewaffnete Polizisten an den Bus heran. Der Täter steht rechts vom Busfahrer, eine Pistole in jeder Hand.
Ein SEK-Mann befreit den Busfahrer
Timo zieht seine Waffe und tritt an das Fenster des Fahrers. „Ziehen Sie den Schlüssel ab, stehen Sie auf, kommen Sie heraus“, fordert er den Fahrer auf. Der zögert, hat Angst von einer Reaktion des Geiselnehmers, doch Timo lässt keinen Zweifel an seinem Befehl aufkommen. Seine Waffe ist direkt auf den Kopf des Täters gerichtet, die Augen des maskierten SEK-Manns schauen entschlossen, der Fahrer wird zuversichtlich, und tatsächlich darf er sich durch das Fenster ziehen lassen. Sekunden später wird er in Deckung gebracht. Es ist 10.42 Uhr.
Martin Textor sitzt im Raum des „Großen Führungsstabes“ im Präsidium. Um ihn herum laufen Polizisten, uniformierte und einige in Zivil. Polizeipräsident Dieter Glietsch lässt sich berichten, und auch Innensenator Ehrhart Körting (SPD) will regelmäßig mit Informationen versorgt werden. Angehörige von Geiseln rufen an und fragen nach ihren Verwandten, es riecht nach frischem Kaffee, jemand bringt eine Kiste Mineralwasser. Es kann ein langer Tag werden. Oder lange Tage.
Ein Projektor strahlt ein Lagebild an eine Leinwand. Der Stadtplan Berlins ist darauf zu erkennen, ständig wird aktualisiert, welche Polizeieinheit sich wo befindet. „Der Bus steht“, meldet Jörg M. Etwas Erleichterung schwingt in seiner Stimme mit. Mit dieser Lage kann man besser umgehen. „Wo genau?“ will Textor wissen. „Am Sachsendamm. Gegenüber vom Schwimmbad.“ Der SEK-Chef ist froh, und sein Vorgesetzter auch.
Der Ort, an dem der Bus stoppt, ist für die Polizei ideal
Wollte man einen Film über eine Geiselnahme drehen, dann wäre das der perfekte Ort. Zu einer Seite hin keine Häuser, der Verkehr kann einfach gestoppt werden. Auf der anderen Seite das Bad, auf dem Dach steht in großen Lettern „Sporthalle Schöneberg“. Ein idealer Standort für die Präzisionsschützen. Sie gehen hinter den Buchstaben bereits in Stellung. Alle angrenzenden Straßen sind abgesperrt, Reporter fluchen, weil sie keine Parkplätze finden. Schaulustige stehen hinter dem Flatterband, die Bundespolizei kontrolliert den S-Bahnhof Schöneberg. Drei Rettungswagen und ein Notarzt des Krankenhauses Westend werden zum Einsatzort beordert. Denn niemand kann ausschließen, dass es Verletzte gibt. Oder gar Tote. Es ist 10.47 Uhr.
800 Polizisten sind inzwischen im Einsatz. Sie sperren Straßen ab, sichern den Einsatzort, beschaffen Informationen. Endlich gibt es erste Hinweise auf die Identität des Pistolenmannes im Bus. Es wird telefoniert, auf vielen Leitungen. Nach Hamburg, Bremen, Kiel. Ist irgendwo im nördlichen Deutschland gerade ein Straftäter aus der Haft entlassen worden? Oder ist gar einer geflüchtet? Textor wartet auf Antworten. Wer ist der Kerl, was hat er vor? Die Geiselnahme war nicht geplant. Das ist gut. Denn geplante Geiselnahmen enden oft mit Toten. Schlecht aber ist, dass der Täter nur noch zwei Geiseln hat, die Polizistin und einen Radioreporter, der auf dem Weg zur Arbeit war. Zwei Geiseln, weiß Textor, das kann gefährlich werden. Schon oft wurde einer Geisel etwas angetan, um dies der zweiten anzudrohen und so das Gewünschte zu erreichen.
Der Geiselnehmer gibt ein Radiointerview und verrät seinen Namen
„Macht das Radio an, schnell“, ruft ein Beamter. Eine Sondersendung läuft seit wenigen Sekunden. Ein Interview kommt über den Äther, und es ist der Geiselnehmer, der da spricht. „Ich bin unschuldig in diese Scheiße getrieben worden“, sagt der Mann am Telefon. „Geiseln habe ich freigelassen, immer wieder. Ich wollte keine Eskalation, und nun bin ich mittendrin.“
Er reicht das Telefon an die Polizistin und später an den Journalisten weiter. Ja, beiden gehe es den Umständen entsprechend gut. Die Situation sei unangenehm, aber noch erträglich. Doch die Angst in den Stimmen ist nicht zu überhören. Verletzt sei niemand. „Können Sie uns Ihren Namen sagen?“, fragt der Journalist aus dem Tonstudio den Unbekannten, und plötzlich hat das Phantom einen Namen, eine Vergangenheit. „Dieter Wurm ist mein Name, Dieter Wurm, der Skorpion.“
Die Polizei weiß jetzt, wen sie vor sich hat. Einen Mann, der die Hälfte seines Lebens im Gefängnis verbracht hat. Wegen eines Sprengstoffdelikts, wegen Überfalls, Körperverletzung. Er will jetzt fünf Cola und ein Handy. Er bekommt, was er will. Zudem fordert er einen Hubschrauber und drei Fallschirme. Nein, er wolle nicht mit den Geiseln über dem Stadtgebiet abspringen, sondern vermutet, dass mindestens ein Schirm präpariert sei. Es ist 11.10 Uhr.
Sein Kopf befindet sich im Fadenkreuz von fünf Präzisionsschützen
Vor einigen Jahren noch hätte man in Polizeikreisen Zeitgewinn als Sieg deklariert, aber Textor und seine Leute wissen längst, dass jede Sekunde für die Geiseln eine Sekunde zu viel ist. „Wir müssen uns beeilen“, sagt er zu Jörg M. am Telefon. „Wir müssen schnell machen.“ Fest steht: Wurm wird den Sachsendamm nicht mehr verlassen. Das ist beschlossene Sache. Längst schon haben SEK-Männer den Bus fahruntüchtig gemacht. Der Radioreporter soll das Fahrzeug starten, aber es springt nicht mehr an. „Ich war bei der Bundeswehr“, droht Wurm, als wolle er seine Wut darüber und seine Entschlossenheit unterstreichen. „Ich habe eine Scharfschützenausbildung.“ Sein Kopf befindet sich im Fadenkreuz von fünf Präzisionsschützen. Aber das weiß Wurm nicht. Es ist 11.30.Uhr.
Bei den Geiseln wird die Angst immer größer. Nicht vor Wurm und seinen Waffen, sondern vor der Polizei. 30 martialisch aussehende SEK-Männer stehen um den Bus herum. In ihren Händen Sturmgewehre, Maschinenpistolen. Sie tragen Helme mit Visieren, einige halten Spitzhacken und Vorschlaghämmer in ihren Händen. „Der Zugriff wird kommen“, ist sich der Journalist im Bus sicher. „Das wird nicht schön, wenn die reinkommen, das wird hart.“
Draußen sprechen sich die SEK-Männer ab. Aber noch immer ist nicht klar, wie der Zugriff aussehen soll. Die Polizistin sieht die Waffe des Geiselnehmers auf einem Sitz liegen. Sie denkt darüber nach, sie zu ergreifen, etwas zu unternehmen. Aber sie kann nicht wissen, ob die Pistole überhaupt funktioniert, ob sie echt ist. Sie verwirft den Gedanken und lehnt sich wieder in ihren Sitz zurück. Zwei Stunden und 15 Minuten ist sie jetzt schon in der Gewalt des Bankräubers. Es ist kurz nach 12 Uhr.
Dieter Wurm ist vorbestraft und will nie mehr in den Knast
SEK-Mann Sero unterhält sich mit dem Geiselnehmer, der beinahe die meiste Zeit über ruhig ist, aber immer wieder von plötzlichen Wutausbrüchen heimgesucht wird. Von einer Sekunde auf die andere aggressiv wird. „Ich gehe nie wieder in den Knast“, sagt er plötzlich. „Nicht als Verlierer, als einer der aufgegeben hat. Dann bin ich im Knast das Opfer.“ Er fuchtelt mit der Pistole herum. „Ich lasse mich auf jedes Feuergefecht mit der Polizei ein. Dann müsst Ihr mich eben erschießen. Freiwillig komme ich nicht heraus.“ Sero spricht sich mit Mirko ab, dem Anführer des 4. Teams. Sie sind sich einig und teilen der Einsatzleitung ihre Einschätzung mit: „Den kriegen wir nicht rausgequatscht. Keine Chance. Der macht ernst.“
Für Textor ist spätestens jetzt klar: Dies ist eine latente Nothilfe-Situation. In Berlin ist der sogenannte „finale Rettungsschuss“ nicht gesetzlich geregelt. Erkennt ein Beamter, dass er nur durch die Tötung eines Menschen einen anderen retten kann, tut er dies in Eigenverantwortung. Im Zuge eines Verfahrens wird später geklärt, ob die Entscheidung richtig war. Der Polizeiführer wendet sich an seine Männer am Bus: „Wenn Ihr denkt, dass Wurm durchdreht, wenn es akut wird und Ihr sicher seid, dass er den Geiseln etwas antun oder auf Euch anlegen sollte, dann könnt Ihr ihn mit meinem Einverständnis erschießen.“ Es ist kurz nach 13 Uhr.
Über den Einsatz eines Spezialgewehres wird nachgedacht
Die Einsatzleitung spricht mit den Beamten. Verschiedene Möglichkeiten werden durchgegangen. Jeder Polizist kann in einer günstigen Situation schießen. Aber auch ein geplanter Zugriff wird in Erwägung gezogen. Demnach könnte einer der Präzisionsschützen vom Schwimmbaddach aus auf den Arm des Täters feuern, unmittelbar danach sollen die SEK-Männer die Scheiben des Busses einschlagen und gewaltsam in das Fahrzeuginnere einbrechen. Doch die Schützen haben Bedenken: „Das ist Verbundglas“, sagt einer von ihnen. "Unser Kaliber könnte abprallen und den Mann verfehlen, was fatale Folgen habe könnte.“
Über den Einsatz eines Spezialgewehres wird nachgedacht, der Abschuss einer Patrone mit Kaliber 50. Die würde wie Butter durch die Scheibe gehen. „Dann stirbt der Mann“, sagt Sero. „Das Geschoss würde ihm glatt den Arm abreißen. Wir müssen das hier am Boden machen, eine andere Möglichkeit sehe ich nicht.“ Innensenator Körting meldet sich beim „Großen Führungsstab“. Martin Textor nimmt das Gespräch entgegen. „Herr Senator, ich weiß nicht, wann wir losschlagen können. Aber eines ist sicher – der Täter wird nicht unverletzt davonkommen.“ Einen Augenblick ist es still in der Leitung. Dann meldet sich der Politiker wieder: „Sie werden schon das Richtige unternehmen!“ Dann legt er auf.
Der Verhandlungsspielraum wird immer kleiner
Dieter Wurm verlangt jetzt einen neuen Fahrer. Doch ihm wird mitgeteilt, dass sich der Bus nicht mehr bewegen lässt. Ein Fluchtfahrzeug will er nun haben, ein speziell „ausgestattetes“ Fahrzeug der Polizei wird angefordert. Die SEK-Männer am Bus wissen, dass sie losschlagen müssen. Denn der Verhandlungsspielraum wird immer kleiner. Der Bus ist fahruntüchtig, die Zusagen zum Helikopter, zu den Fallschirmen, dem Fluchtfahrzeug müssten schnell umgesetzt werden, sonst könnte der Geiselnehmer unruhig werden. Und damit zur Gefahr für die Menschen in seiner Gewalt. Es ist 13.30 Uhr.
Mittlerweile weiß die gesamte Stadt von der Lage in dem Bus. Auf den TV-Nachrichtenkanälen laufen Sondersendungen, ebenso im Radio. Die Mitarbeiter der Polizeipressestelle geben Interviews, angebliche Augenzeugen halten ihre Gesichter in die Kameras und berichten angeblich Gesehenes. Die Zeitungen suchen nach Fotos, nach alten Berichten, nach irgendetwas über Dieter Wurm.
Die SEK-Männer bekommen von alldem nichts mit. Und es wäre ihnen auch egal. Was sie wissen müssen, wissen sie. Ihr Gegner hat zwei Geiseln, zwei Waffen, ist ein ehemaliger Häftling und hat deshalb Erfahrung mit der Polizei. Er hat angekündigt, nicht aufgeben und die beiden Menschen in seiner Gewalt keineswegs freilassen zu wollen.
Die SEK-Männer ahnen, dass sehr bald etwas passieren wird
Augen von mehr als 30 SEK-Männern sind auf Dieter Wurm gerichtet. Die Elite-Polizisten warten auf den einen Moment, auf die eine Unachtsamkeit des Täters, um ihn angreifen zu können. „Wenn er doch einfach aufgeben würde“, denkt sich Martin Textor im Präsidium. „Wenn er doch einfach aufgeben würde.“
Sero berät sich mit seinen Kollegen, seinen Freunden. Man ist sich einig, es muss etwas unternommen werden, jetzt. Der Beamte geht an das Fahrerfenster heran. Er beginnt ein Gespräch mit Dieter Wurm. „Komm, gib auf, es hat einfach keinen Sinn. Wenn Du jetzt vernünftig bist, wird Deine Strafe auch geringer ausfallen.“ Doch Wurm bleibt stur: „Ich gehe nicht als Verlierer in den Knast, dann musst Du mich eben erschießen.“ Sero nimmt den Helm ab, auch die Maske, tritt wieder an das Fenster heran, versucht es erneut. Es ist 14.Uhr.
Quälend zieht sich das Gespräch hin. Die SEK-Männer ahnen, dass sehr bald etwas passieren wird. Sie kennen Sero, der legt nicht ohne Grund den Helm ab. Entspannt steht er am Fenster. Hat die Arme auf den Rahmen gelegt und ein Bein locker angewinkelt über das andere gestellt. Sero macht einen Scherz, lächelt Wurm an, ein belangloser Satz, Wurm lässt kurz die Waffe sinken.
Zwei Projektile treffen Dieter Wurm an der Schulter
Innerhalb einer Sekunde hält der SEK-Mann seine Pistole in der Hand und feuert auf den Geiselnehmer. Zwei Projektile treffen diesen an der Schulter. Die Wucht der Spezialmunition reißt ihn von den Beinen. Zeitgleich mit den Schüssen schlagen andere SEK-Männer die Scheiben ein. Überall sind sie plötzlich, überall schwarze Männer, als sei ein Sack mit Käfern ausgekippt worden, dringen sie in den Bus ein. Es scheppert, Glas klirrt, Rufe nach dem Notarzt.
Ein SEK-Mann mit dem Spitznamen Boulette zerrt den Radioreporter ins Freie. Er stürzt, bleibt aber wie die Polizistin unverletzt. Alle rennen und springen, nur Sero steht unbeweglich da und zielt auf den am Boden liegenden Wurm. „Komm nicht hoch“, denkt er, „bleib unten.“ Dann sind seine Kollegen beim Täter, Sero geht zur Seite. Die Aktion hat fünf Sekunden gedauert. Wurm wird vor Ort behandelt und dann ins Krankenhaus transportiert.
Während sich alle im Führungsstab in die Arme fallen, geht Martin Textor in einen Nebenraum. Wie immer hat er nach solchen Einsätzen Tränen in den Augen. Weil alles gut gegangen ist, die Geiseln unverletzt sind, der Täter nicht sterben musste. Seine Jungs den Einsatz heil überstanden haben. Es ist 14.16.Uhr.
Boulette wird zwölf Tage nach der Geiselbefreiung im Einsatz erschossen.
Das Berliner Landgericht verurteilt den Geiselnehmer Dieter Wurm gut ein Jahr später, im Juli 2004, zu elf Jahren Haftstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung. 2006 wird er zudem zur Zahlung von 25.000 Euro Schmerzensgeld an Busfahrer Mario G. verurteilt. Der heute 44-Jährige ist seit den Vorkommnissen in dem gekaperten Bus berufsunfähig. Bis zum heutigen Tage hat Dieter Wurm die Identität seines Komplizen beim Banküberfall geheim gehalten.



