TV-Talk

„Anne Will“: Virologe Streeck fordert neue Corona-Strategie

Ein Ampelsystem statt des bloßen Blicks auf Infektionszahlen: Hendrick Streeck legte bei „Anne Will“ einen kontroversen Auftritt hin.

Protest gegen Corona-Auflagen in Düsseldorf

In Düsseldorf haben weniger Menschen als erwartet an einer Kundgebung gegen die Corona-Auflagen teilgenommen. Der Veranstalter spricht von 5000 bis 6000 Demonstranten.

Beschreibung anzeigen

Berlin. „Geht Deutschland mit der richtigen Corona-Strategie in den Herbst?“, fragte Anne Will am Sonntagabend. Eine wichtige, allerdings auch schon häufig gestellte Frage.

Diskutiert wurde das Thema von dem Virologen Hendrik Streeck, dem Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar, der SPD-Politikerin Malu Dreyer sowie von der Autorin Marina Weisband und dem Weltärztechef Frank Ulrich Montgomery.

Coronavirus: Hendrik Streeck fordert Strategiewechsel

Einen kontroversen Auftritt legte Hendrik Streeck hin. In der Corona-Hochphase wurde der Bonner Virologe übertrieben als Gegenspieler von Christian Drosten stilisiert. Doch tatsächlich vertritt er nach wie vor andere Perspektiven – so auch in der Runde, in der für einen „Strategiewechsel“ warb.

Was Streeck vortrug, klang allerdings eher nach Strategieanpassung. Am Anfang habe der Fokus auf den Infektionszahlen gelegen, führte der Virologe aus. Jetzt müsse man auch auf andere Daten, etwa die Belegung der Intensivbetten und die Todeszahlen schauen. Der Grund: Im Herbst und Winter sei mit steigenden Zahlen zu rechnen. Lesen Sie auch: Coronavirus – So wird man Testperson für den Impfstoff

„Wir werden das nicht mehr schaffen, so hinterher zu testen“, sagte Streeck mit Blick auf den bisherigen Ansatz. Stattdessen solle die Vielzahl von mittlerweile verfügbaren Daten in einem Ampelsystem abgebildet werden, das regional differenziert ist. Dadurch sei für die Bevölkerung transparent, wo die Region gerade steht.

Corona-Diskussion bei „Anne Will“: Dünnes Eis beim Thema Lockerungen

Das klang plausibel. In Zeiten, in denen die Zahl der täglichen Neuinfizierten teilweise genauso hoch ist wie etwa im April, die Intensivbetten aber leer sind und die Todeszahlen niedrig, scheint der bloße Blick auf die Neuinfektionen nicht mehr zielführend zu sein.

Bei der Frage, wie viel Lockerungen Politik zulassen sollte, begab sich Streeck aber auf dünnes Eis. Im Grunde warb er dafür, alle Dinge auszuprobieren, für die ein gutes Hygienekonzept vorliegt. Das verschobene Konzert in Düsseldorf mit 13.000 Personen? Für Streeck ein gutes Testfeld, bei dem man geschützt von einem soliden Hygienekonzept hätte untersuchen können, was bei der Zusammenkunft vieler Menschen geschieht.

Doch, will man wirklich in solchen Maßstäben testen, wie weit man gehen kann? Vielleicht hätte Streeck ein kleineres Beispiel für seinen Ansatz der „angezogenen Handbremse“ wählen sollen.

Anne Will leistet sich Fauxpas gegenüber Malu Dreyer

Die Forderung des Abends…

… kam von Marina Weisband. Um die Zustimmung zur Corona-Politik hoch zu halten, sollten Bürgerräte etabliert werden, die regional mit Expertinnen und Experten beraten, empfahl die Grüne. Ein kluger Gedanke, der auf kommunaler Ebene durchaus funktionieren könnte.

Den Fauxpas des Abends…

… leistete sich die Gastgeberin. Als Malu Dreyer davon sprach, was stark steigende Infektionszahlen für Risikopatienten bedeuten würden, warf Anne Will ein: „Für Sie auch!“ Unnötig, an dieser Stelle so auf die MS-Erkrankung der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin hinzuweisen.

Der Diss des Abends…

… kam von Ranga Yogeshwar. „Wir haben großartige Wissenschaftler wie Christian Drosten, der einen Podcast macht“, freute sich der Wissenschaftsjournalist. Eine ganz schöne Harke gegen Streeck.

Corona: Hendrik Streeck macht Hoffnung auf mehr Freiheiten

So richtig viel Neues brachte diese Runde zur Corona-Strategie nicht zusammen. Interessant war sie trotzdem – vor allem, weil Hendrick Streeck seinen Blick auf die Dinge im Detail ausbreiten durfte.

Mehr zum Thema „Anne Will“:

Die Krux mit diesem Blick ist, dass er einerseits erfrischt, da er ein wenig vom Ansatz der maximalen Sicherheit abrückt und eine Perspektive auf mehr Freiheiten eröffnet. Dieses Abrücken ist, andererseits, aber auch ein wenig beängstigend. Zur Ausgabe von „Anne Will“ in der ARD-Mediathek.

Mehr Infos zur Coronavirus-Pandemie: