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Unabhängigkeit ist ein hohes Gut in der Medienbranche

Was ist seriöser, unabhängiger Journalismus? Drängen Branchenfremde in die Medien, ist das für die Branche nicht immer von Vorteil.

Die „New York Times“ gehört der Verlegerfamilie Sulzenberger. Die meisten anderen großen Verlegerfamilien in den USA haben ihre Zeitungen bereits verkauft.

Die „New York Times“ gehört der Verlegerfamilie Sulzenberger. Die meisten anderen großen Verlegerfamilien in den USA haben ihre Zeitungen bereits verkauft.

Foto: Carlo Allegri / REUTERS

Berlin.  Für eine Auszeichnung hat es dann doch nicht gereicht. Dabei hatte schon die Nominierung eines Essays aus dem „Greenpeace Magazin“ für den Deutschen Reporterpreis, eine der angesehensten Auszeichnungen der Branche, für einigen Wirbel gesorgt. „Sollen Journalistenpreise auch an PR-ähnliche Publikationen gehen?“, fragte die „Taz“. Sollen sie nicht, meinte der Kommunikationsexperte Hasso Mansfeld: „PR bleibt PR, auch wenn sie im Gewand des Journalismus daherkommt.“

Zuvor hatte sich „Greenpeace Magazin“-Chefredakteur Kurt Stukenberg gegen den Vorwurf verwahrt, ein PR-Blatt zu verantworten. Seine Zeitschrift sei „redaktionell, inhaltlich und finanziell unabhängig“. Er verglich die Abhängigkeit seines Magazins von Greenpeace mit der der „Washington Post“ von ihrem Eigentümer Jeff Bezos. Der Gründer des Online-Kaufhauses Amazon hatte die renommierte Zeitung 2013 gekauft.

Deutsche Zeitungen meist im Besitz von Verlegerfamilien

In Zeiten von Fake News ist die Klärung der Frage, was seriöser Journalismus ist und was nicht, wichtiger denn je. Dabei spielt neben dem journalistischen Handwerkzeug, das jeder beherrschen muss, der seine Leser zuverlässig informieren will, auch eine Rolle, wem ein Medium gehört.

In Deutschland sind Zeitungen und Zeitschriften in der Regel im Besitz von Verlegerfamilien. Auch Stiftungs- und Genossenschaftsmodelle – wie bei der „FAZ“ und der „Taz“ – haben sich bewährt, um die Unabhängigkeit von Redaktionen zu sichern. Unabhängigkeit ist dabei nicht mit Neutralität zu verwechseln. Selbstverständlich vertritt jede Zeitung ihre eigene publizistische Linie.

Digitale Revolution hat Geschäftsmodelle der Zeitungen verändert

Problematisch wird es aber dann, wenn die Berichterstattung von Faktoren beeinflusst wird, die mit Journalismus nichts zu tun haben. Kann beispielsweise die „Washington Post“ unabhängig über Amazon oder auch nur über die Wettbewerber des Online-Kaufhauses berichten?

Bezos hatte stets betont, die Hauptstadtzeitung als Privatmann erworben zu haben. Allerdings gehört nun der kostenlose Bezug der Digitalausgabe des Blattes zu den Vorteilen, die Amazon den US-Kunden seines Prime-Programms anbietet.

Die digitale Revolution hat dazu geführt, dass die Geschäftsmodelle vieler Zeitungen und Zeitschriften nicht mehr aufgehen. Anders als in den USA musste in Deutschland noch kein namhaftes Medium deswegen an einen Branchenfremden verkauft werden. Das heißt aber nicht, dass es so bleibt.

Nur noch eine große Verlegerfamilie in den USA

Als der „New York Times (NYT)“ am ersten Advent in Hamburg der Marion-Dönhoff-Preis verliehen wurde, bedauerte ihr Chefredakteur Dean Baquet in seiner Dankesrede, dass es in den USA kaum mehr große Verlegerfamilien gebe. So gut wie alle hätten ihre Zeitungen verkauft. Übrig geblieben sei eigentlich nur die Verlegerfamilie Sulzberger, der die „NYT“ gehört. Sie sei wegen der „Unabhängigkeit“ der Sulzbergers heute das „unabhängigste Nachrichtenunternehmen Amerikas“.

Die Frage nach der Unabhängigkeit der Medien gewinnt bei uns auch deshalb an Gewicht, weil in Europa Branchenfremde ebenfalls in diese Branche drängen: Die französische Tageszeitung „Figaro“ gehört dem Rüstungskonzern Dassault. Der österreichische Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz ist mit Sendern wie Servus TV, Magazinen wie „Red Bulletin“ oder der neuen journalistischen Online-Plattform „Addendum“ längst auch ein Medienunternehmer.

Essay „Kontinent Europa“ hätte Reporterpreis verdient

Dass nun das „Greenpeace Magazin“ in den Fokus dieser grundsätzlichen Diskussion gerückt ist, mag dessen Chefredakteur ärgern. Es bietet jede Menge guten Journalismus. Aber es ist auch ein PR-Blatt, das auf die Marke der Umweltschutzorganisation Greenpeace einzahlt.

Das heißt nicht, dass seine Artikel nicht für Journalistenpreise nominiert werden dürften. Man muss abwägen: Der Essay „Kontinent Europa“ von Lena Niethammer, der Anlass der Diskussion war, hätte jedenfalls den Deutschen Reporterpreis verdient gehabt.

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