Sat1-Krimi

Tanz am Abgrund - "Berlin Mordkommission 1"

Das deutsche Fernsehen ist besser als sein Ruf. Auch das private. Das beweist dieser aufwendige Krimi aus dem Berlin der 20er-Jahre.

Was für ein Aufwand an Ausstattung: „Mordkommission Berlin 1“ weidet sich geradezu an den Interieurs und den Kostümen der wilden zwanziger Jahre

Was für ein Aufwand an Ausstattung: „Mordkommission Berlin 1“ weidet sich geradezu an den Interieurs und den Kostümen der wilden zwanziger Jahre

Foto: SAT.1/Jan Hromadko

Das Berlin der frühen Zwanziger, das ist die Stadt der Gaslaternen und des Varietés, der Armut und der Kriegsheimkehrer, der Bordelle, Federboas und des jungen Max Schmeling. Es fasziniert im Rückblick vielleicht deshalb so sehr, weil es so vital und zugleich doch so zerbrechlich wirkt mit seiner Meinungsfreiheit, seinen emanzipierten Frauen, mit seiner ganzen wilden Lebensgier. Wir kennen ja den Abgrund, in den Deutschland nur wenig später marschierte.

Ungezählte Filme haben sich diesem historischen Sehnsuchtsort gewidmet, und diese von Sat.1 mit dem etwas klebrigen Etikett „TV-Event“ versehene Produktion tut es ihnen auf bemerkenswerte Weise nach. Bemerkenswert nicht nur, weil hier auf Ausstattung und Bildregie eine weit überdurchschnittliche Mühe verwendet wurde. Sondern vor allem, weil all diese historischen Beglaubigungsgesten kein Selbstzweck bleiben. Sie stehen im Dienst einer packenden Geschichte.

Sorgsam arrangierte Kostüme und Masken

Aber bleiben wir einmal kurz bei der Ausstattung. Denn der Aufwand für einen eben mal am Dienstagabend gesendeten Film mit ungewisser Quotenaussicht ist ebenso erheblich wie verblüffend. Wir sehen Dampflokomotiven am Hackeschen Markt, historische Fuhrwerke in allen Varianten, und in einer computeranimierten Szene fliegt sogar ein Zeppelin über uns hinweg.

Hinzu kommen die sorgsam arrangierten Kostüme und Masken, die Gelfrisuren, Krawattennadeln, Hüte und Negligés. Nicht zu vergessen die Innenräume mit all ihren Möbeln. Man wird diesem Film nicht vorwerfen zu können, mit seinen Bildern allzu bescheiden umzugehen. Manchmal, wenn wir die Speicherstadt im Westhafen oder den Funkturm wie nachkolorierte Großfotografien vorgeführt bekommen, scheint er sich selbst dafür sachte zu ironisieren.

Aber die Bilder sind es ja nicht allein, die über einen guten Film entscheiden. Der von Friedrich Mücke gespielte Kommissar Paul Lang ist schwer morphiumsüchtig. Er hat es nie verwunden, dass Frau und Tochter bei einem Bombenanschlag auf ihn sterben mussten. Der Attentäter Immanuel Tauss (Tobias Moretti) sitzt seitdem in der Haftanstalt von Moabit ein. Er war Anführer einer der seinerzeit berüchtigten Ringvereine, Keimzellen des organisierten Verbrechens. Moretti spielt mit dieser Figur sein ganzes Talent zum Bedrohlichen aus.

Obwohl er in der ersten Stunde des Films kaum ein Wort sagt, bleibt seine Präsenz immer beängstigend. Er spielt gekonnt und manchmal fast parodistisch mit Anleihen an andere Bösewichter der Filmgeschichte. Das ist erwähnenswert, weil der Film ohnehin gern mit cineastischen Zitaten jongliert – und sich ganz uneitel vor Kunstwerken wie „Es war einmal in Amerika“ oder „Der dritte Mann“ verneigt.

Eine Hommage an den „Dicken“ Gennat

Auch die Hauptfigur steht übrigens nicht ohne historisches Vorbild da. Im Anschluss an den Film wird eine Dokumentation an den legendären Ernst August Ferdinand Gennat (1880-1939) erinnern, damals in Berlin wegen seiner Leibesfülle und seiner Vorliebe für Kuchen auch als „Der volle Ernst“ oder „Der Dicke“ bekannt.

Er gilt als einer der erfolgreichsten Ermittler der deutschen Kriminalgeschichte und als einer, der sich erstmals mit Erfolg auch moderner Methoden bediente. Man hat es Friedrich Mücke erspart, sich für seine Rolle des Paul Lang einen ähnlichen Wanst anzufressen. Aber Langs Interesse an den Erkenntnissen der Spurensicherung und der Rechtsmedizin weisen klar in Gennats Richtung.

Sein Gegenspieler Tauss ist zu allem fähig. Und Lang weiß, dass weder Gitterstäbe noch Gefängnismauern diesen Mann daran hindern könnten, weiter seinen dunklen Geschäften nachzugehen. Als im Aquarium ein toter Staatsanwalt gefunden wird, von Alligatoren fast aufgefressen, will Lang nicht an einen Unfall glauben und wird auch bald in seinen Ahnungen bestätigt.

Ganz in der Tradition des Genres erzählt „Berlin Mordkommission 1“ von Regisseur Marvin Kren seine Geschichte mit scharfkantigen Schatten und Lichtkegeln. Aber bei seinen Figuren erspart er sich die harten Kontraste: Alle Charaktere sind ambivalent und undurchsichtig, nicht einmal dem Kommissar ist zu trauen.

Eine echte Überraschung

Das macht sie spannend, das hätte sie sogar für eine Serie qualifiziert. Binnen kurzer Zeit hat das deutsche Privatfernsehen zweimal mit historischen Stoffe unter Beweis gestellt, dass es zur komplexen Erzählung, die im Lichte der amerikanischen Serienerfolge nun überall gefordert wird, durchaus in der Lage ist – erst RTL mit „Deutschland 83“, nun Sat.1 mit diesem Film.

Man mag „Berlin Mordkommission 1“ ein größeres Zuschauerinteresse wünschen als die bei der Konkurrenz nur verhalten gestartete Serie. Denn ein so vielschichtiger Film ist auf diesem Sender eine echte Überraschung.

„Berlin Mordkommission 1“, Sat 1, Dienstag, 20.15 Uhr

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