"Deutschland 83"

Nico Hofmann: "Das deutsche Fernsehen ist ein Weltmarkt"

Nico Hofmann hat "Deutschland 83" produziert. Ein Gespräch über Workaholics, letzte Herausforderungen und die Zukunft des Fernsehens.

Gerade aufgestiegen zum Geschäftsführer der Ufa: Filmproduzent Nico Hofmann in seinem Lieblingsrestaurant, dem „Grill Royal“

Gerade aufgestiegen zum Geschäftsführer der Ufa: Filmproduzent Nico Hofmann in seinem Lieblingsrestaurant, dem „Grill Royal“

Foto: Amin Akhtar

Nico Hofmann ist einer der erfolgreichsten Film- und Fernsehproduzenten Deutschlands. Mit Produktionen wie „Der Tunnel“, „Die Flucht“ oder der vielfach preisgekrönte Mehrteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ kreierte er das „Event-Fernsehen“. Vor kurzem ist er vom Chef der Ufa-Fiction aufgerückt zum Geschäftsführer der Ufa, erst zwei Jahre gemeinsam mit Wolf Bauer, danach allein. Wir haben den 55-Jährigen gesprochen.

Berliner Morgenpost: Herr Hofmann, Sie sind gerade zum Geschäftsführer der Ufa aufgestiegen. Mehr geht nicht auf Ihrem Sektor, oder?

Nico Hofmann: Es ist der einzige Karriereschritt, den ich in der Ufa noch habe machen können. Bei mir stand ganz simpel die Entscheidung an, ob ich weg gehe und noch einmal eine eigene Firma gründe. Im eigenen Unternehmen gibt es ja viele Talente, die neben dir groß geworden sind und ihre Kreativität mehrfach unter Beweis gestellt haben. Du musst dieser nächsten Generation klare Positionen frei machen, die ich in dem Alter ja auch übernommen hatte. Deshalb die ganz strategische Überlegung, noch mal etwas ganz Neues zu starten für die letzten zehn Berufsjahre, um den Weg für andere frei zu machen. Dann kam aber Wolf Bauer mit der Bitte auf mich zu, einen geregelten Übergang für seine eigene Nachfolge zu finden.

Dann werden Sie sich künftig statt um Film-Events um Daily Soaps und Bauern auf Frauensuche kümmern müssen?

Du musst an einem Abendessen mit Dieter Bohlen genauso Freude haben wie am ganzen Showbereich. Das geht nur auf, wenn du dich ehrlich für die Sache interessierst. Man muss mich zu diesem Bereich aber in keiner Weise zwingen. Das war ja auch einer der Gründe, warum ich die Festspiele von Worms übernommen habe – weil ich die Bühne liebe. Und das war auch ein Grund, warum ich jahrelang die Verleihung des Deutschen Filmpreises inszeniert habe. Der Entertainmentbereich liegt mir – wenn er denn gut gemacht ist.

Aber die Fiktion, die doch Ihr ur-eigener Bereich ist, wird darunter leiden. Dafür bleibt keine Zeit mehr?

Ich glaube nicht, dass sie darunter leiden wird. Wir haben in der Ufa eine sehr gute Mannschaft aufgebaut. In der Fiction haben wir ein Kernteam von acht, neun großartigen Produzenten, denen vertraue ich komplett. Deshalb kann ich auf diesem Feld beruhigt ein paar Schritte zurücktreten. Ich will aber definitiv weiter zwei, drei große Projekte im Jahr machen. Das brauche ich, das will ich mir nach wie vor erlauben.

Auch Worms geben Sie nicht auf?

Nein. Das werde ich zumindest so lange weitermachen, bis ich die Festspiele erfolgreich in den Griff bekommen habe.

Das klingt nach viel Mehrarbeit. Man weiß, Sie sind ein Workaholic. Aber Sie hatten vor ein paar Jahren auch einen Burn-Out. Sollte man sich da nicht wappnen?

Inzwischen koordiniere ich mich viel besser. Ich sage auch Termine ab. Ich hatte gerade ein sehr anstrengendes sechsstündiges Meeting, da mache ich nicht weiter, sondern kippe auch mal das Programm um, damit ich wieder runterkomme. Ich setze mir jeden Tag zwei, drei Stunden Ruhe in den Ablaufplan. Was ich nicht mehr mache, ist, morgens um acht Uhr loslegen und bis Mitternacht ohne Pause durchzuarbeiten.

Das ist jetzt eine sehr persönliche Frage, aber hat auch der überraschende Tod von Bernd Eichinger zu diesem Umdenken beigetragen?

Mit Bernd war ich sehr eng, da konnte ich wirklich erleben, wie jemand von zwei Enden her brennt und sich komplett verausgabt. Allerdings hatte Bernd dann diese großartige Zeit mit seiner Frau Katja, wo man dachte, dass er jetzt zu einer ganz eigenen Ruhe gefunden hat. Dass er in diesem glücklichsten Moment gestorben ist, war wirklich ein Schlag in die Magengrube. Aber fast noch mehr hat mich der frühe Tod von Frank Schirrmacher getroffen. Mit Frank hatte ich noch eine Woche zuvor über unser „Hitler“-Projekt geredet. Wenn jemand gerade in der Blüte seiner Energie steht, dann holt dich dessen Tod eiskalt ab. Zumal wir noch im selben Alter waren.

Eichinger hatte Sie einst überredet, die Regie zu lassen und dafür zu produzieren. Hat es Sie nie gereizt, jemals wieder selber einen Film zu inszenieren, selber auf dem Regiestuhl zu sitzen?

Das reizt mich überhaupt nicht mehr. Allerdings, in Worms in der letzten Probenwoche kam die Lust wieder auf. Wenn du jeden Tag in der Abendprobe sitzt, aber deine Wünsche nicht loswirst, dann juckt dich das schon. Da kommt die alte Energie zurück. Aus genau diesem Grund gehe ich auch nicht mehr an Filmsets. Nein, Regie ist nichts mehr für mich. Da müsste man sich ein Vierteljahr nur um ein Projekt kümmern. Ich muss aber spätestens nach einer Woche umswitchen und Neuland entdecken.

Kommen wir zu Ihrer aktuellen Produktion. „Deutschland 83“ ist die erste deutsche Fernsehproduktion, die ihre Premiere im Ausland erlebte. War das nicht auch ein Wagnis?

Das war ein Risiko. Das hätte auch komplett fehllaufen oder gar nicht wahrgenommen werden können. Aber wir hatten ja die Präsentation auf der Berlinale und sahen, wie „Deutschland 83“ auch von Gästen aus dem Ausland angenommen wurde. Uns war schon klar, dass die US-Kritiken innerhalb von 24 Stunden zu uns herüberschwappen würden, wie auch immer sie ausfallen. Keiner aber hätte mit einer solchen Euphorie gerechnet. Wir hatten eine mehrfache ganzseitige Berichterstattung in der „New York Times“. Die amerikanischen Medien haben diese Serie mit Vehemenz für sich entdeckt, in allen Leitmedien. Und bei der Website „Rotten Tomatoes“, die ja jedwede Kritik in den USA sammelt und analysiert, kamen wir auf 100 Prozent. Das gelingt wirklich nur ganz selten. Und das gibt enormen Rückenwind. Es schürt allerdings auch extreme Erwartungen.

Es ist nicht ohne Ironie: Hierzulande klagt man immer über das deutsche Fernsehen und beschwört US-Serien. Und dann gucken die USA eine deutsche Serie und verfallen in Euphorie. Ist das deutsche Fernsehen doch besser als sein Ruf?

Mich hat wirklich stolz gemacht, dass Tom Hanks in einem „Focus“-Interview den Journalisten gefragt hat, wie er „Deutschland 83“ findet. Und als der sagte, dass er die Serie noch nicht gesehen hat, hat Hanks sie ihm euphorisch erklärt. Ich habe sogar die Audio-Files bekommen, die musste ich dem ganzen Büro vorspielen. Ich weiß wirklich nicht, woher dieses deutsche Minderwertigkeitsgefühl rührt. Ich kann mich auch an US-Formaten begeistern, rege mich aber auch über schlechte auf. Die gibt es dort genauso wie bei uns. Was die Amerikaner uns voraus haben, ist aber eine leidenschaftliche Begeisterung, wenn sie was Gutes sehen. Das würde ich mir auch für uns wünschen: einmal generöser mit Lob und auch Talentpflege umzugehen. Nicht immer mit dieser piefigen deutschen Eitelkeit nur auf die eigenen Befindlichkeiten zu schauen. Wir sind ein Weltmarkt geworden. Unsere Produkte laufen überall.

Viele läuten aber auch schon das Totenglöckchen für das klassische Fernsehen, weil gerade das junge Publikum nicht mehr fernschaut, sondern Youtube, Netflix und I-tunes nutzt.

Das klassische Fernsehen ist nicht tot, ganz im Gegenteil. Das lässt sich nachweisen, auch wenn das in der Öffentlichkeit so nie wahrgenommen wird. Die TV-Programme pflanzen sich weltweit online weiter fort. Das kann man an den Abrufzahlen klar messen, die etwa Regina Ziegler jetzt mit „Weissensee“ erreicht hat. Da gab es zwei Millionen Zuschauer, die das online gesehen haben, die also auf die Quote der Ausstrahlung noch draufzählen. Und das Interessante ist: Die Online-Nutzung steigt rapide an, die tägliche Sehdauer nimmt aber nur minimal ab. Wenn man beides zusammen addiert, kommt man zu einem satten Plus. Da geht also kein Publikum verloren, es kommt vielmehr ein neues dazu. Ab kommendem Jahr wird in der Quotenforschung des Marktforschungsinstituts GfK die Online-Nutzung erstmals in die Zuschauerzählung mit einfließen. Da wird man dann ganz klare Zahlen haben. Unser Geschäftsmodell ist also keineswegs bedroht, im Gegenteil: Wir haben durch die neuen Plattformen vielmehr zusätzliche Erwerbsmöglichkeiten.