Film

„Mir den ,Tatort’ zu geben, grenzt an Leichtsinnigkeit“

Axel Ranisch führt Regie und ist Schauspieler. Gerade hat er jede Menge Projekte. Ein Gespräch.

Multitalent: Axel Ranisch als Sympathieträger Schröder in „Zorn“, hier  spricht er mit der  Pförtnerin (Anne Kathrin Gummich). Zu sehen am kommenden Donnerstag.

Multitalent: Axel Ranisch als Sympathieträger Schröder in „Zorn“, hier spricht er mit der Pförtnerin (Anne Kathrin Gummich). Zu sehen am kommenden Donnerstag.

Foto: MDR/Steffen Junghans

Man kennt ihn als Regisseur von Underground-Filmen wie „Dicke Mädchen“ oder „Ich fühl mich Disco“. Man kennt ihn aber auch als Schauspieler aus der Krimi-Fernsehserie „Zorn“. Nun kommt beides auf einen Schlag: Am 5. November wird die dritte „Zorn“-Folge in der ARD ausgestrahlt. Am 12. November startet sein neuer Film „Alki Alki“ im Kino. Ein Spagat zwischen Underground-Kino und Mainstream-Fernsehen. Wir haben den Regisseur zuhause besucht.

Berliner Morgenpost: Herr Ranisch, in der dritten Folge von „Zorn“ treten Sie am Ende aus dem Polizeidienst aus. Verabschieden Sie sich damit aus der Serie?

Axel Ranisch: Ich verabschiede mich nur aus dem Polizeidienst. Wir verraten jetzt keine Geheimnisse, alle, die die zugrunde liegenden Romane gelesen haben, wissen ja, wie es weitergeht. Teil Vier ist gerade abgedreht, da leite ich ein Bistro, „Chez Schröder“, da isst Zorn dann immer zu Mittag und spricht mit Schröder, also mir über seinen Fall.

Wie funktioniert denn die Chemie zwischen Stephan Luca, dem Zorn-Darsteller, und Ihnen?

Die ist gut. Die erste Folge war ja noch mit Misel Maticevic, da musste ich mich noch einfinden. Schauspielerei habe ich ja noch nie gemacht, ich war ziemlich aufgeregt. Mit Stephan ist das gewachsen. Im zweiten Teil war das noch ein Finden und Gucken. Aber jetzt, beim dritten Fall, haben wir ein schönes Spiel miteinander. Ich finde, wir funktionieren auch gut in der Paarkonstellation. Da gibt es keine Ego-Nummer.

Wie sind Sie überhaupt als Schauspieler entdeckt worden? Sie sind doch eigentlich hinter der Kamera tätig?

Ich kam dazu wie die Jungfrau zum Kinde. Vor fünf Jahren gab es aus heiterem Himmel eine Anfrage aus Österreich, dass sie einen Schauspieler suchen, der so einen charmanten Dicken spielen kann...

Das war ja noch vor Ihrem Regiedebüt „Dicke Mädchen“. Woher kannte man Sie da in Österreich?

Ich weiß es bis heute nicht. Es gab überhaupt keinen Grund, mich zu kennen. Ich habe damals an der Filmhochschule Kurzfilme gedreht und ab und an bei Kommilitonen kleine Gastauftritte gehabt. Ich glaube, der Kameramann hat mich in Berlin in einem Kinotrailer von einem Film eines Kommilitonen gesehen. Da kam ich wohl drei bis fünf Sekunden vor. Ich sehe mich bis heute nicht als Schauspieler. Ich traue mir nicht zu, grundverschiedene Rollen zu spielen. Das muss immer ganz viel mit mir zu tun haben.

Wie geht das zusammen, hier Prime-Time-Fernsehkrimis und da die Low- und No-Budget-Filme, die Sie selber drehen?

Das geht ganz gut. Ich lerne ganz viel, wenn ich anderen beim Drehen zusehe. Ich fühle mich aber auch bei jeder Folge „Zorn“ bestätigt, warum ich nicht unchronologisch drehen will. Oder dass man auf die Optik achtet, und Zeit an der Figurenarbeit verliert. So ein großes Team ist ziemlich unflexibel und muss halt seinen Drehplan abarbeiten. Ich arbeite lieber mit ganz wenigen Leuten.

Sie sollen bald selbst einen „Tatort“ drehen, da ist aber nichts mit kleinem Team?

Das ist total verrückt, die lassen mir da völlig freie Hand. Es gibt gerade eine große Sehnsucht beim deutschen Fernsehen, Dinge mal anders zu machen. Mir so was anzuvertrauen, grenzt ja geradezu an Leichtsinnigkeit. Zeigt aber auch deren Risikobereitschaft.

Eine Woche nach der Ausstrahlung des neuen „Zorns“ kommt Ihr Film „Alki Alki“ ins Kino. Bei Zorn sind Sie sowas wie der gute Einfluss auf den Ermittler, in „Alki Alki“ geht es um das genaue Gegenteil: Peter Trabner spielt den personifizierten schlechten Einfluss auf Heiko Pinkowski, was seinen Alkoholkrankheit angeht.

Eigentlich ist es das Gleiche. Die brauchen einander. Zorn und Schröder brauchen einander, Tobias und Flasche, die Charaktere in „Alki Alki“, aber auch.

Ihre Filme „Dicke Mädchen“ und vor allem „Ich fühl mich Disco“ waren sehr biografisch gefärbt. Wie kamen Sie auf „Alki Alki“?

Bisher waren die Filme von meiner Seite aus biografisch gefärbt. „Alki Alki“ ist genauso biografisch gefärbt, aber diesmal nicht von mir, sondern von meinen Darstellern Peter Trabner und Heiko Pikowski. Die hatten beide ein Alkoholproblem und hatten ein großes Bedürfnis, darüber einen Film zu drehen. Heiko wollte immer etwas zurückgeben an alle, die ihm damals geholfen haben. Und zeigen, dass man mit Sucht umgehen kann. Ich wusste erst nicht, wie ich das machen sollte. Mir fehlte der Kniff. Bis wir auf die Idee kamen, dass die Sucht nicht einfach abstrakt ist, sondern der beste Freund, wenn sie eine Person ist. Da hat es Klick gemacht.

In Ihrem Film tritt auch Iris Berben auf. Wie haben Sie denn die Präsidentin der Deutschen Filmakademie für Ihren Film gewonnen?

Iris Berben hat sich 2012 als Patin bei First Steps als großer Fan von „Dicke Mädchen“ geoutet. Also hab’ ich ihr einen Brief geschrieben, ob sie, wenn ihr das so gefällt, nicht auch mal Lust hätte, mitzuspielen. Drei Wochen später hat sie sich zurückgemeldet und mit Freude ihre Bereitschaft signalisiert. Und dann hatten wir sie für einen Drehtag am Set. Das war schon sehr seltsam für uns. Wir arbeiten ja eher guerilla-mäßig. Und dann kommt so eine Grande Dame mit eigener Maske an. Aber sie hat ja mal bei Klaus Lemke angefangen und diese irre komische Seite seit den „Himmlischen Töchtern“ und „Sketch-Up“. Das ist ja in ihr, das wird nur so selten gefragt. Unser Drehtag war für sie wie eine kleine Zeitreise, zurück in die wilde Anfangszeit.

Ihr Budget wächst von Film zu Film. Wird Axel Ranisch damit mainstreamiger?

Finden Sie das? Ich frag’ mich oft, ob sich der Ton dadurch ändert. „Dicke Mädchen“ entstand ja ohne Team, zum Selbstausbeutertarif. Bei „Alki Alki“ waren wir so 15 Leute am Set. Beim „Tatort“ werden es wahrscheinlich 40 sein. Ich versuche, die Herzlichkeit zu bewahren, die Nähe zu den Figuren zu erhalten. Ich mache im nächsten Jahr eine Degeto-Komödie, das wird ein großes Experiment. Zum ersten Mal verfilme ich ein Drehbuch von jemand anderem, auch wenn ich das zu meinem umforme. Und das hat bestimmt ein Fernsehbudget von anderthalb Million Euro. Schaff ich das, einen Film zu machen, der trotzdem die gleiche Herzlichkeit hat? Vielleicht krieg’ ich danach nie wieder einen Job von der ARD. Aber dann bin ich schlauer.

„Zorn - Wo kein Licht“, ARD, 5. November, 20.15 Uhr. „Alki Alki“, ab 12. November im Kino