Worum geht es eigentlich genau in Rainald Grebes Song „Brandenburg“ von 2005, den jeder so gut kennt, dass ihn kaum noch einer hören mag? Die naheliegende Antwort lautet, dass es ein Schmählied auf ein verlassenes Land ist. „Da stehen zwei Nazis auf dem Hügel und finden keinen zum Verprügeln in Brandenburg“, singt Grebe etwa.
Man ist hoffentlich kein Spielverderber, wenn man darauf hinweist, dass es in diesem Song natürlich nur vordergründig um eine angeblich kulturfreie Ödnis mit Wölfen und einem Autohaus in Schwedt geht. Eigentlich handelt der Song von uns Berlinern – und ist erst darin ein Stück gelungener Zeitgeistdiagnostik. „Berlin“, singt Grebe plötzlich gleichermaßen überraschend wie hymnenhaft, „Halleluja Berlin! Alle wollen dorthin, deshalb will ich das auch.“ Es geht in seinem Lied auch um die Ignoranz einer großstadtbesoffenen Herde, die über Brandenburg eigentlich nur Klischees im Kopf hat. Vielleicht vor allen Dingen.
Was Max Moor in seiner kleinen RBB-Reihe „Bauer sucht Kultur“ tut, ist deshalb ganz wohltuend: Weil er einfach in seinen grünen Oldtimer steigt und nachsieht, was das Land so zu bieten hat. Zwischendurch streichelt er die Tiere auf seinem Biobauernhof in Brandenburg, wo er auf 70 Hektar nach ökologischen Richtlinien Galloway-Rinder und Wasserbüffel züchtet. Man weiß nicht genau, wieso diese Tiere immer wieder zu sehen sind, wie man sich auch manchmal fragt, warum eigentlich Max Moor so oft im Bild ist. Aber sehen wir es ihm nach, der Mann ist Fernsehmoderator.
Supergeil-Witze mit Friedrich Liechtenstein
Diesmal jedenfalls erkundet er den Südosten Brandenburgs durch den Spreewald und fährt bis fast an die sächsische Grenze. Im Spreewald macht er erst die lustige Erfahrung, dass man sich dort zwar gern mit den sorbischen Ureinwohnern eine Plakette für die Touristen ans Revers heftet, selbst aber oft nicht weiß, was das eigentlich für Leute sind, diese Sorben. Ratlos fährt Moor weiter nach Eisenhüttenstadt und trifft dort erst einmal Friedrich Liechtenstein auf den Stufen des Friedrich-Wolf-Theaters. Die beiden begrüßen sich mit den inzwischen etwas abgegriffenen Supergeil-Witzen, denen Liechtenstein als Interpret des gleichnamigen Edeka-Werbespots seine Berühmtheit verdankt.
Und Liechtenstein sagt ein paar bedenkenswerte Dinge über dieses Lied. Es sei gleichermaßen kritisch wie affirmativ, raunt er mit seiner rauen Stimme. Und trifft damit vielleicht die gleiche Lebenshaltung, die auch Rainald Grebe wie eine Flaschenpost in seinem „Brandenburg“-Song versteckte: Es ist immer alles ambivalent. Alles ist immer zugleich wahr und unwahr, und je mehr man die Welt mit ihren Farben und ihrer Pracht umarmt, desto stärker merkt man doch auch, wie fremd sie einem ist. Die beiden stehen jetzt im Garten des Klosters Neuzelle, über das wir nichts erfahren, aber das macht nichts. Moor ist begeistert, er verabschiedet sich. Liechtenstein sagt, er wolle noch ein Bier trinken. Oder zwei.
Ein bisschen wie der Newsfeed bei Facebook
Und so geht es denn also weiter. Es ist ein bisschen wie der Newsfeed bei Facebook: Man scrollt weiter nach unten und klickt ein Video an. Aha, Calau. Heimat des Kalauers. Warum eigentlich? Wieder haben viele Passanten, die Moor anspricht, nur eine vage Vorstellung. Dann erfahren wir: Es waren die Schuster, die eine Liebe zum platten Witz entwickelten und sich humoristische Perlen wie die folgende überlegten: Warum ist in Calau der Bahnhof so weit weg vom Zentrum? Weil er dann näher an den Gleisen ist.
Der nächste Clip: Ein schönes Musikfestival in Finsterwalde mit zwei interessanten Organisatoren, die Moor nach Hause einladen und ihm auf Cello und Flügel etwas vorspielen, was man leider kaum hören kann. Dann wieder Tiere hinter Zäunen und ein paar Erkenntnisse über diese seltsamen Sorben, die mit der Völkerwanderung in die Region kamen. Es sind Splitter, kleine Impressionen, Miniaturen mit reportagehaften Zügen und sie haben für ein in seiner Aufmerksamkeit immer stärker reduziertes Publikum den Vorteil, dass es sich nicht allzu lange auf sie konzentrieren muss. Moor zeigt Streiflichter aus Brandenburg, die kurz etwas zur Erscheinung bringen, bevor es wieder in der Nacht verschwindet. Immerhin ist das mehr als die Klischees, die man in seinem eigenen Kopf besichtigen kann.
"Bauer sucht Kultur", RBB, Donnerstag, 30.07.15, 22.15 Uhr




