Eurovision Song Contest

Schweden gewinnt den ESC 2015 – 0 Punkte für Deutschland

Schweden hat den 60. ESC in Wien für sich entschieden. Nach einem knappen Rennen gegen Russland und Italien konnte sich Mans Zelmerloew durchsetzen. Ann Sophie bekam keinen einzigen Punkt.

>> Das Minutenprotokoll vom ESC-Finale <<

Am Ende wurde es der Favorit, auf den alle gewettet hatten. Der schwedische Popsong „Heroes“ des 29-jährigen Schweden Måns Zelmerlöw erarbeitete sich im Punkteranking von Jurys und Zuschauern am Schluss einen so großen Vorsprung, dass er schon vor dem Votum der letzten Nationen als Sieger feststand. Die Dramaturgie der ESC-Organisatoren hatte zunächst Russland nach vorn geschickt, doch Polina Gagarinas Hymne „A million voices“ musste sich schließlich mit dem zweiten Platz zufrieden geben.

Wieder einmal sind die Schweden damit ihrem Ruf gerecht geworden, die Besten in der Entschlüsselung der ESC-Formel zu sein. Es ist der sechste ESC-Sieg nach 2012, 1999, 1991, 1984 und 1974. Im Wiener Pressezentrum waren die Sympathien trotzdem eindeutig auf der Seite der Skandinavier: Als Russland zu Beginn in Führung lag, legte sich eine nervöse Stille auf die anwesenden Journalisten, die dann nach und nach weggejubelt wurde. Als die Entscheidung feststand, glich die Geräuschkulisse kurz der eines Fußballstadions nach dem erlösenden Tor.

Die ESC-Geheimformel

Was den Schweden so gut gemacht hatte? Viele sahen in seiner außergewöhnlichen Bühnenshow einen der Gründe. Wie kein zweites hatte das Team um Zermerlöw es verstanden, dass beim ESC weniger das Publikum in der Halle zu bespaßen ist als vielmehr das vor den Fernsehschirmen. Und so wurden nicht die üblichen Backgroundtänzerinnen und Maskeraden aufgefahren. Stattdessen tanzte Zermerlöw vor einer Videoleinwand, wo er mit niedlich animierten Strichfiguren seine Späße trieb, nach Belieben gezeichnete Sterne in die Luft warf oder sich plötzlich Schmetterlingsflügel wachsen ließ. Und die Kamera nahm es bildschirmfüllend ins Bild.

Wer die Halle von innen gesehen hat und ihre Dimensionen kennt, der weiß, dass dies für das Wiener Publikum etwas unbefriedigend gewesen sein muss. Aber das war eben nicht entscheidend, denn Zermerlöw hatte seinen Auftritt für das Massenpublikum in die daheim am besten konsumierbare Form gebracht: die des Videoclips. Dafür gab es 12 Punkte aus Finnland, Lettland, Dänemark, der Schweiz, Belgien, Australien, Slowenien, Polen, Italien, Island und Norwegen. Russland dagegen erhielt die Höchstpunktzahl aus Weißrussland, Aserbaidschan, Armenien und Estland.

Hautenger Lederanzug

Im Gegensatz zum deutschen Vorentscheid hatte Ann Sophie sich für eine Show mit sehr sparsamen Körpereinsatz entschieden. Sie trug einen hautengen Lederanzug, der wilde Bewegungen auch nur schwer verziehen hätte. Doch ihre drei Minuten, dargeboten auf Rang 17 des Wettbewerbs, verblassten schnell angesichts anderer Höhe- und Tiefpunkte. Australien, zum 60. Jubiläum des Wettbewerbs als Gastland eingeladen, schickte den in Down Under sehr populären Guy Sebastian ins Rennen, der sofort spürbar die Sympathien auf sich zog. Georgien irritierte mit einer strengen Domina namens Nina Sublatti, die ihren ausgerechnet „Warrior“ genannten Song derart martialisch vortrug, dass viele Journalisten in den Raucherraum flohen.

Am seltsamsten aber, seit Jahren eigentlich schon und diesmal wieder: Großbritannien. Dass ausgerechnet das Land, das seit Jahrzehnten verlässlich die beste Musik der Gegenwart produziert, zu den ESC-Finals nur noch Knallchargen entsendet, gibt zu denken. Der vielleicht ironisch gemeinte Auftritt des Duos Electro Velvet mit vielen pophistorischen Zitaten lässt sich leider kaum freundlicher beschreiben. Er geriet auf der großen Bühne des ESC zu einem anstrengenden Gehampel in obskur blinkenden Kostümen.

Eine allzu herbe Strafe

Und Deutschland? Die Nullbilanz für die Hamburgerin Ann Sophie, die sie sich mit den „Makemakes“ aus Österreich teilt, ist sicher eine allzu herbe Strafe, die die Interpretin nach dem Ende der Abstimmung tapfer wegzulächeln versuchte: „Es hat super viel Spaß gemacht“, sprach sie in die Mikrofone, obwohl das für das letzte Drittel des Abends mit Sicherheit nicht stimmte. Das Punktedesaster hat durchaus historische Qualität: Nur 1965 und 1966 holte Deutschland beim Eurovision Song Contest überhaupt keine Punkte – und damals nahmen wesentlich weniger Länder teil, die überhaupt Punkte zu vergeben hatten. In Wien wurde denn auch fröhlich darüber spekuliert, wieviele Zähler Andreas Kümmert an ihrer Stelle für sich hätte verbuchen können.

Ein Trost bleibt ihr und den Kollegen aus Österreich freilich. Der in Wien lebende Künstler Tex Rubinowitz präsentiert im Leopold Museum derzeit eine sehr sehenswerte Ausstellung von auf Holz gemalten Bildern. Sie heißt „The Nul-Pointers“ und würdigt all jene 34 Sängerinnen und Sänger, die in der Geschichte des „Eurovision Song Contest“ null Punkte holten – bis zum gestrigen Abend. Nun sind es 36. Am Sonntag wird Rubinowitz zwei weitere Bilder ins Museum hängen. Sie zeigen die „Makemakes“ aus Österreich und Ann Sophie aus Deutschland.